"Der ewige Gärtner" Wut, Trauer und Liebe

Politkino mit Herz: Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles verfilmte John le Carrés Bestseller "Der ewige Gärtner" als anrührend-engagiertes Liebesdrama vor dem Hintergrund der erschütternden Krisen Afrikas.


Im Erzählkino geht es zumeist um Unterhaltung, Spannung und ästhetischen Genuss. Das ist ohne Frage legitim, und als bildgeschulte Zuschauer bewegen wir uns sicher innerhalb dieser Kategorien. Doch von Zeit zu Zeit gibt es Filme, die partout nicht nach den Regeln spielen. Sie fordern heraus, ihre Wirkung entzieht sich den gängigen Formulierungen der Kritik. Stattdessen braucht es Begriffe, die sehr selten im Zusammenhang mit einer Kinoerfahrung fallen. Etwa mit Emotion aufgeladene Begriffe wie Wut und Trauer.

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Der ewige Gärtner: Der globale Patient
Eben diese Worte wurden schon auf unzähligen Demonstrationen skandiert. Nicht immer war ihr inflationärer Gebrauch gerechtfertigt, häufig waren sie lediglich Ausdruck ohnmächtiger Resignation und allzu oft stießen sie auf taube Ohren. Dennoch beschreiben sie treffend die unmittelbare Reaktion jedes halbwegs denkenden und gefühlsfähigen Zuschauers auf "Der ewige Gärtner" von Fernando Meirelles.

Dass der brasilianische Regisseur die gleichnamige Buchvorlage des britischen Thrillerautoren John le Carré an Originalschauplätzen in Afrika und Europa verfilmte, mag auf dem Papier wie ein bemühter Exkurs ins Weltkino anmuten. Doch schon die ersten Szenen lassen keinen Zweifel an der zwingenden Richtigkeit dieser kreativen Konstellation, die kein einziges Klischee bedient und keine faulen Kompromisse zulässt.

Letztere sind unter dem Label "Loyalität" das tägliche Brot von Justin Quayle (Ralph Fiennes), der als ehrgeizfreier Diplomat für die British High Commission in Kenia arbeitet. Leidenschaft entfaltet der stille Staatsdiener und Hobbybotaniker augenscheinlich nur im Gewächshaus und in Gegenwart seiner jungen Frau Tessa (Rachel Weisz).

Doch die Politaktivistin ist zu Beginn des Films bereits tot, grausam ermordet auf einer Reise ins Hinterland. Ihr Begleiter, der kenianische Mediziner Dr. Arnold Bluhm (Hubert Koundé) bleibt spurlos verschwunden, und Gerüchte über eine Affäre zwischen Tessa und Bluhm weisen auf ein Verbrechen aus Leidenschaft hin.

Stoisch nimmt Quayle die Beileidbekundungen seiner Vorgesetzten Sandy Woodrow (Danny Huston) und Sir Bernard Pellegrin (Bill Nighy) entgegen. Aber anstatt mit steifer Oberlippe zur Tagesordnung überzugehen, stellt der Befehlsempfänger plötzlich Nachforschungen über Tessas Arbeit für die rechtlosen Menschen jenseits der gepflegten Cricket- und Golfplätze an. Angetrieben von wiederkehrenden Erinnerungen an gemeinsame Momente mit seiner Frau gelangt Quayle von den Armenvierteln Nairobis über London und Berlin zurück in die Krisengebiete Afrikas.

Überall stößt er auf Spuren des Pharmaunternehmens Three Bees, welches in den von Aids, Tuberkulose und Hepatitis gebeutelten Townships kostenlose Impfprogramme anbietet und dessen Verbindungen bis in die Spitzen gleich mehrerer Regierungen reichen. Obwohl aus der diffusen Warnung, die Dinge besser ruhen zu lassen, bald handfeste Drohungen unbekannter Widersacher werden, wagt sich Quayle immer tiefer in das undurchsichtige Geflecht aus Politik und Kapital.

Aus der Dunkelheit ans Licht

Darin hofft Quayle die Antworten auf seine drängenden Fragen zu finden: Wer war die Frau, die er aufrichtig liebte, aber zu ihren Lebzeiten nie wirklich kennen lernte? Warum musste sie sterben? Und, zweifelsohne die schmerzvollste Frage von allen, wer ist er selbst? Ein verlässlicher Handlanger ohne Eigenschaften oder ein Mann, der durch die Erfahrung inniger Zuneigung seine Furcht vor der Wahrheit verloren hat und nun gleich einer seiner geliebten Pflanzen nach jahrelangem Schlaf im Schutz der Dunkelheit seine wahre Gestalt annimmt und zum Licht strebt.

Was als Suche nach verborgenen Kapiteln in der Biografie eines geliebten Menschen beginnt, entwickelt sich parallel zu einer transkontinentalen Untersuchung postkolonialer Machtverhältnisse. Und in denen füllen Großkonzerne die Rolle des Herrenreiters mit perfider Konsequenz aus. Nicht seine unaufgeregte Hartnäckigkeit macht Quayle dabei zum gefährlichen Fehler im System moderner Ausbeutungsszenarien, sondern vielmehr seine Weigerung, den Verlust von Menschenleben als abschreibungsfähigen Posten in der moralischen und ethischen Bankrotterklärung der westlichen Welt zu akzeptieren.

Dass "Der ewige Gärtner" nicht vor derart deutlichen Schuldzuweisungen zurückschreckt, verdankt sich der bewundernswerten Altersradikalität des Autors John le Carré: Nachdem er den Kalten Krieg mit seinen selbstgenügsamen Spionage-Rochaden literarisch beendet hat, artikuliert der über 70-Jährige seinen gerechten Zorn auf die Nutznießer einer vermeintlich ideologiefreien Zeit. Meirelles wiederum übersetzt die konkrete Prosa des Bestsellerautors in eine soghafte Bildsprache, die zwar an seinen formalen Triumph "City of God" gemahnt, aber glücklicherweise weitaus mehr politische Dringlichkeit entwickelt.

Wie bei seinem brachial-brillanten Bildgewitter über jugendliche Straßengangster unterläuft Meirelles in "Der ewige Gärtner" konventionelle Erzähltechniken, sei es durch assoziativen Einsatz der Farbpalette, elegante Formatwechsel - wobei eigentlich klinische Webcam-Aufnahmen auf einmal eine magische Aura erhalten - oder die Auflösung linearer Schnittfolgen. Beeindruckender ist da nur noch die Konsequenz, mit welcher die vom Selbstzweck befreiten Stilmittel im emotionalen Zentrum der Geschichte geerdet werden.

Aufrichtig geweinte Tränen

Denn die trostlosen Wahrheiten dieser virtuos geführten Anklage werden letztlich erträglich durch die retrospektiv geschilderte Beziehung zwischen Justin und Tessa. Das bewegende Spiel von Ralph Fiennes und Rachel Weisz ergänzt die erstarrte Protestformel um ein lange vermisstes Element: Wut, Trauer und Liebe.

Auch wenn das Plakatmotiv zu "Der ewige Gärtner" unweigerlich an das schwelgerische Wüstenmelodram "Der englische Patient" erinnert, mit dem Fiennes als romantischer Held reüssierte: Gegen die glühende Intimität des auseinander gerissenen Paars Justin und Tessa nimmt sich das Oscar-prämierte Rührstück wie eine linkische Sandkastenromanze aus. Kein Wunder, geht es diesmal doch um den globalen Patienten Menschheit, was den Einsatz aller Beteiligten ungleich höher macht. In einer gerechten Welt, deren Existenz Meirelles' Film so erschütternd widerlegt, wären Rachel Weisz und Ralph Fiennes spätestens nach dieser Leistung unbestrittene Stars. Sie rühren zu aufrichtig geweinten Tränen, die den Blick auf das Wesentliche nicht verwässern, sondern schärfen.

Darum bleibt für uns in jedem denkwürdigen Moment ersichtlich, warum "Der ewige Gärtner" das Herz erreicht, ohne zu verblenden und zugleich an den kritischen Verstand appelliert, ohne zu predigen. Und warum man bereits im Januar mit aller Gewissheit von einem der besten Filme des Jahres sprechen kann und muss.



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