"Der Fall Furtwängler" Das Stockhausen-Syndrom

Ist der Künstler mit seiner Orientierung am Höheren und Unvergänglichen dem politischen Geschehen entrückt, auch wenn sich in den Konzentrationslagern die Leichen türmen? István Szabó greift diese Problematik in seiner filmischen Adaption des Bühnenstücks "Der Fall Furtwängler" erneut auf - und schlägt sich auf die Seite der Kunst.

Von Manfred Müller


Klare Parteinahme: Arnold (Harvey Keitel) wird als Unsympath inszeniert
Alamode Film

Klare Parteinahme: Arnold (Harvey Keitel) wird als Unsympath inszeniert

Vom größten Kunstwerk der Menschheitsgeschichte parlierte Karlheinz Stockhausen sinnestrunken im Angesicht der einstürzenden Twin Towers von New York und trübte die Harmonie weltweiter Empörung mit scharfer Dissonanz. Krieg und Gewalt befanden sich allerdings schon oft in geradezu perverser Nähe zur Ästhetik - und umgekehrt nicht anders, wie sich allein an der Geschichte der Gewaltdarstellung im Film bestätigen lässt. Was aber unsere Pietät so unversöhnlich verletzt an Stockhausens Zynismus, ist, dass darin die ästhetische Kategorie über der politischen - und zumal der menschlichen - rangiert.

Einen ähnlichen Frevel hatte man 60 Jahre zuvor dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler zum Vorwurf gemacht. Der hatte zwar geschwiegen, statt sich wie Stockhausen ungefragt zu Wort zu melden. Doch kam in diesem Schweigen nicht minder schneidend ein elitärer romantischer Kunstbegriff zum Ausdruck. Der Künstler sei in der Unvergänglichkeit seiner Schöpfung dem historischen Prozess entrückt, auch wenn sich darin 20 Millionen Leichen türmen.

So jedenfalls lassen sich Furtwänglers Einlassungen in István Szabós filmischer Monografie verstehen. Nach dem Bühnenstück von Ronald Harwood nimmt Szabó Furtwängler als Fallstudie für den Grenzübergang zwischen Opposition und Kollaboration, zwischen stillem Protest und stillschweigender Akzeptanz.

Berufung zu Höherem: Stellan Skarsgard als Wilhelm Furtwängler
Alamode Film

Berufung zu Höherem: Stellan Skarsgard als Wilhelm Furtwängler

Der Film rekonstruiert Furtwänglers Entnazifizierungsprozess. Der amerikanische Major Steve Arnold (Harvey Keitel), im zivilen Leben Versicherungsdetektiv, soll die Beziehungen des Stardirigenten (Stellan Skarsgård) mit dem nationalsozialistischen Machtapparat untersuchen. Man ist an einem Exempel interessiert, will an einem prominenten Fall die eigene Entschlossenheit unter Beweis stellen, den braunen Ungeist noch an der kleinsten Wurzel zu packen.

"Der Bandleader", wie Arnold den Dirigenten abfällig betitelt, hat sich unbequemen Fragen zu stellen. Warum hat er sich vom Regime als kultureller Botschafter vereinnahmen lassen? Warum hat er sich nicht geweigert, vor Parteigrößen aufzutreten, während seine Kollegen scharenweise ins Ausland emigrierten oder ins KZ verfrachtet wurden? Kann sein nachweisliches und erfolgreiches Eintreten für Einzelschicksale schon als Widerstand gewertet werden?

Der ungarische Regisseur Szabó ("Oberst Redl", "Mephisto") inszeniert die peinliche Befragung als subtiles, psychodramatisches Kammerspiel. Furtwängler hat seinem Inquisitor wenig mehr entgegenzusetzen als seinen idealistischen Kunstbegriff. Im Angesicht der politischen Verantwortung will er sich auf seine Berufung zu Höherem zurückziehen. Ein Weltbild in verdächtiger Nähe zum Herrenmenschenmythos, dem Szabó mit unerwarteter Parteinahme begegnet. Im zähen Ringen seiner Protagonisten verlässt der Spielleiter früh die neutrale Ecke. Dem Künstlerkollegen gehört seine Sympathie, nicht dem Erbsenzähler und Versicherungsschnüffler auf der Gegenseite.

Kleine Rolle: Moritz Bleibtreu (l.) als Emigrant David Wills
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Kleine Rolle: Moritz Bleibtreu (l.) als Emigrant David Wills

Auch das hochkarätige Schauspielerduell zwischen Skarsgård und Keitel schafft keine Balance zwischen den Figuren. Skarsgård werden stets die besseren Karten zugespielt. Er darf leiden, auch am eigenen Zweifel und der eigenen Schuld, während der forsche US-Offizier und musikalische Ignorant mit zweifelhaften Verhörmethoden beim Zuschauer jeden Kredit verspielen muss.

Keitel modelliert den kleinkarierten Prinzipienreiter zum überdimensionalen Monster mit Gestapo-Allüren, dem bald auch die Nebenfiguren die Gefolgschaft verweigern. Alles sorgt sich um Furtwängler, der jüdische Emigrant David Wills (Moritz Bleibtreu), der Arnold zuarbeiten soll, ebenso wie Arnolds deutsche Sekretärin Emmi Straube (Birgit Minichmayr), Tochter eines hingerichteten Hitlerattentäters. Selbst ein ehemaliger Nazispitzel in Furtwänglers Orchester (Ulrich Tukur), den sich Arnold gefügig macht, will dem strahlenden Genie nichts anhängen außer seiner neurotischen Abneigung gegen den jungen "K", wie Furtwängler den verhassten Karajan zu nennen pflegte.

Auch menschlich steht Arnold im Abseits. Emmi weist seine Avancen zurück und lässt sich lieber von dem feinsinnigen David ausführen, wobei offen bleibt, was diese Affäre zur Sache beizutragen hat, außer ein paar Außenaufnahmen und ein paar auflockernde Takte Swingmusik im von deutscher Klassik und Romantik beherrschten Soundtrack. Am Ende steht die Apotheose eines begnadeten Künstlers, der es musikgeschichtlich nun wirklich nicht bedurft hätte.

Allein die bestürzenden Dokumentaraufnahmen von den Leichenbergen in Konzentrationslagern, mit denen Arnold seinen moralischen Rigorismus immer wieder neu entfacht, sorgen für Brüche in der melodramatischen Glätte. Diese Bilder sperren sich gegen jede Inszenierung. Sie bleiben, was sie sind: unfassbar und einzigartig, unwirklicher als jede filmische Fiktion. Vor den realen Opfern bleibt die Ästhetik auf der Strecke. Da ist kein Kunstwerk groß genug.

"Taking Sides - Der Fall Furtwängler" ("Taking Sides"). Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2001. Regie: István Szabó; Drehbuch: Ronald Harwood; Darsteller: Harvey Keitel, Stellan Skarsgård, Moritz Bleibtreu, Birgit Minichmayr, Ulrich Tukur; Produktion: Enterprise Films, Le Studio Canal+, Studio Babelsberg, Great British Films u.a.; Verleih: Alamode Film; Länge: 105 Minuten; Start: 7. März 2002



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