Kostümfilm "Confession": Freigeist, nur ohne Geist

Von Daniel Sander

In Sylvie Verheydes Kostümdrama "Confession" gibt Skandalrocker Pete Doherty sein Schauspieldebüt. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.

Ach, Pete Doherty. Kommt einem vor, als wäre es Ewigkeiten her - die Zeiten, als er einer der größten Musiker Großbritanniens war, Frontmann der Libertines und der Babyshambles, eine Weile verlobt mit Kate Moss, ständig im Knast wegen irgendwelcher Drogengeschichten, Einbrüche oder Unfälle, immer in den Nachrichten. Und sei es, weil er seine Katze gezwungen haben soll, mit ihm Crack zu rauchen.

Sein letztes Album erschien 2009, danach hat man nicht mehr viel von ihm gehört. Hier und da mal ein kleines Gerichtsverfahren oder die Meldung, dass ihn die USA nicht ins Land lassen wollten. Und dann natürlich diese seltsame Geschichte, dass er 2011 mal eines Nachts mit August Diehl in einen Regensburger Plattenladen eingebrochen ist. Wie war er bloß mit August Diehl nach Regensburg geraten?

Fotostrecke

5  Bilder
Kostümfilm "Confession": Lebemann von gestern
Die Antwort kommt heute in die Kinos. Doherty ist jetzt nicht mehr nur Musiker, Dichter, Maler und Witzfigur, sondern auch noch Schauspieler. Und heißt jetzt Peter, nicht mehr Pete. Die französische Regisseurin Sylvie Verheyde ("Stella") gab ihm die Hauptrolle in "Confession", einer Verfilmung von Alfred de Mussets autobiografischem Roman "Bekenntnis eines jungen Zeitgenossen" von 1836, gedreht unter anderem in Regensburg. Die Geschichte eines jungen französischen Freigeists, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts als Produkt und Opfer des hedonistischen Zeitgeists verzweifelt nach Liebe sucht und mit innerer Leere hadert. Wer könnte da besser passen als ein junger britischer Freigeist, dem es heute ganz ähnlich geht?

Na ja, vielleicht ein richtiger Schauspieler. Doherty, elegant ausstaffiert mit Zylinder und Cape, gibt sich wirklich Mühe als schwermütiger Lebemann Octave, und er bringt seine Szenen auch weitgehend unpeinlich hinter sich, aber die Aufgabe, einen ganzen Film fast im Alleingang zu schultern, ist dann doch ein bisschen zu groß für ihn. Am Anfang läuft es noch ganz gut, als Octave seine aktuelle Mätresse beim Fremdgehen erwischt und sich daraufhin beim Duell mit dem Nebenbuhler eine fiese Schussverletzung am Arm holt. Da ist Dohertys Filmpartnerin aber auch noch Lily Cole, früher ein berühmtes Model und ebenfalls keine richtige Schauspielerin, und die beiden lassen sich gegenseitig ziemlich gut dastehen.

Wie ein Welpe

Das Problem ist, dass Octave danach die meiste Zeit mit seinem zynischen besten Freund Desgenais und seiner neuen, verwitweten Freundin Brigitte rumhängt, und die werden von Diehl und Charlotte Gainsbourg gespielt. Das sind richtige Schauspieler, die wissen, wie man Gefühle für die Kamera an- und ausknipst und wie man die Worte anderer Menschen spricht als wären es die eigenen. Mit ihnen zusammen wirkt Doherty mit seinem begrenzten Repertoire an Gesichtsausdrücken wie ein Welpe, der zwar auch schon das Stöckchen holen kann, es zwischendurch aber immer wieder fallen lässt.

Wobei man ohnehin nur so viel Zeit hat, sich derart intensiv mit Dohertys darstellerischen Fähigkeiten zu beschäftigen, weil in "Confession" sonst so unglaublich wenig passiert. Nach dem einigermaßen nervenaufreibenden Duellauftakt lässt sich Octave eine Weile frustriert durch Paris treiben, aber bis auf eine lahme Orgie ist dort erschreckend wenig los, so dass Octave stattdessen in nicht enden wollenden Monologen über die Probleme eines Freigeists dozieren kann ("Während meine Eitelkeit Beschäftigung fand, litt mein Herz"). Das tut er auch noch, als er mit Brigitte dann doch noch die Liebe findet, vor lauter Eifersucht und Selbstbesessenheit aber alles tut, um das eigene Glück schnell wieder zu torpedieren. Denn, oh weh, wie könne er sich sicher sein, dass er das Glück überhaupt verdient hat.

Regisseurin und Drehbuchautorin Verheyde hat den Text weitgehend unverändert aus dem Original übernommen, was bei Alfred de Musset viele blumige Worte schwerster Romantik bedeutet, für die Verheyde trotz zwanghaft moderner Wackelkamera keinen zeitgemäßen Kontext findet. "Confession" wirkt wie eine Geschichte von gestern mit einem Star von gestern über Probleme, die schon gestern niemanden interessiert haben.

Für den Abspann hat Pete Doherty aber einen neuen Song geschrieben, und der ist wirklich ganz schön.


Confession. Start: 20.6. Regie: Sylvie Verheyde. Mit Peter Doherty, Charlotte Gainsbourg, August Diehl.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wieso...
fatherted98 20.06.2013
Zitat von sysopDas wäre wirklich nicht nötig gewesen. Der Film "Confession" mit Pete Doherty und August Diehl startet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/der-film-confession-mit-pete-doherty-und-august-diehl-startet-a-906678.html)
...ich dachte gerade Junkies werden in Film und TV besonders "gepampert"...ist doch wohl bei der Deutschen Fiilm Schickeria auch so...
2. Wieso Skandalrocker?
order66 20.06.2013
Suchtkranker völlig überbewerter Musikamateur ist wohl die treffendere Beschreibung.
3. optional
r.enzensberger 20.06.2013
Man sieht, dass hier nur mal wieder Menschen urteilen, die nur die Negativüberschriften in Zeitungen über ihn gelesen haben und damit sich ein Urteil festgelegt haben. Ja - er ist kein Schauspieler. Ja - er hat ein Drogenproblem. Aber die Musik, im speziellen die Texte? Einzigartig! Die Melancholie und Romantik die in vielen seiner Texten steckt, davon können sich die in den Charts herrschenden Künstler ne Scheibe abschneiden. Echte, handgemachte Musik! Loddar Matthäus war auch in seiner aktiven Spielzeit einer der Besten auf der Welt im Bereich Fußball, menschlich hingegen ne absolute Vollnuss ;) Ich kann nur den Herren order66 und fatherted98 ans Herz legen, die Musik erst zu anzuhören und zu übersetzen bevor so schwachsinnige, überflüssige Kommentare abgegeben werden :) danke
4.
Christ 32 20.06.2013
Zitat von order66Suchtkranker völlig überbewerter Musikamateur ist wohl die treffendere Beschreibung.
ohne die Affäire mit Moss würden den keiner kennen, aber als Musiker ist er nicht schlecht. und immerhin hat er Amy Winehous überlebt
5. Witzfigur??
stevannnn_86 24.09.2013
Jaja, dass anti-musikalische, kleinbürgerliche Moralitäts-Faschos Dohertys Drogenkonsum anprangern is ja nix Neues. Aber "Witzfigur"? Ich kenn den Mann nicht. Keine Ahnung, ob er ne Witzfigur ist. Aber den Mann kennt der Autor von dem Kommentar doch sicher auch nicht. Dann basiert die diffamierende Bezeichnung wohl allein auf Dohertys ausuferndem Umgang mit berauschenden Mitteln. War Freud ne Witzfigur, weil er sich die ganze Zeit Koks reingezogen hat? Ich will Drogen ja nich verherrlichen und ok ok, hab den Film gesehen, er war bescheuert. Aber warum jemanden - und in dem Fall sogar ein musikalisches Genie - nach seinen schlechtesten Leistungen beurteilen? Sowas machen doch nur Versagen, Idioten und Querulanten. Oder in dem Fall: ein Kommentator.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
  • Zur Startseite


Facebook