Kunstfilm "Die Nacht der Giraffe": Pling-Pling des Grauens

Von Daniel Sander

Im indonesischen Film "Die Nacht der Giraffe" wächst ein kleines Mädchen im Zoo auf und versucht erst als junge Frau, in die Welt der Menschen zu finden. Wie sich herausstellt, sind die Tiere aber viel netter.

Wahrscheinlich hätte es die kleine Lana (Klarysa Aurelia Raditya) schlimmer treffen können. Es war nicht nett von ihrem Vater, sie einfach auszusetzen und sich dann aus dem Staub zu machen. Aber wenigstens hat er es im Zoo von Jakarta getan. Kinder lieben Zoos.

So wird in "Die Nacht der Giraffe" vom indonesisch-chinesischen Filmemacher Edwin (kein Nachname) aus der väterlichen Untat auch keine große Sache gemacht. Tatsächlich bekommt man sie kaum mit - nachdem der Mann wortlos verschwindet, streift das Mädchen in den ersten Szenen ohne Orientierung im Dämmerlicht durch den Park. Zuerst scheint sie noch ihren Vater zu suchen, aber bald ist es mehr ein Erkundungstrip von dem, was sie zu ihrer neuen Heimat erklärt hat. Die Wärter lassen sie gewähren, und es gibt sogar eine kleine Gemeinde anderer Menschen, die im Zoo leben. Vor allem lernt sie, immer aus sicherer Distanz, ihre wichtigsten neuen Nachbarn kennen: die Elefanten, die Flusspferde, die Tiger. Besonders die Giraffe, die einsam aber würdevoll durch das Gehege stakst, schließt sie ins Herz. "Giraffen sind viel stärker, als sie aussehen", lernt sie, während sie einer geführten Tour lauscht. Ganz offensichtlich ist das Tier eine Seelenverwandte.

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Kunstfilm "Die Nacht der Giraffe": Pling-Pling des Grauens
Was genau in dem Mädchen vorgehen mag, erfährt man allerdings nie, denn in diesem Film spricht niemand viel, und schon gar nicht Lana. In der ersten Hälfte passiert sonst auch nichts weiter. Nur Momentaufnahmen eines Kindes, das sich langsam in einer neuen Welt einrichtet. Melancholische, poetische Bilder, in denen die Tiere die Stars sind. Irgendwann ist Lana eine junge Frau (Ladya Cheryl), und ihre Hauptbeschäftigung ist es immer noch, bei der Giraffe rumzuhängen und davon zu träumen, sie einmal anfassen zu dürfen.

Von der Zauber-Assistentin zur Sex-Masseuse

Der Teil des Publikums mit weniger Sinn für kontemplative Filmlyrik wird zu diesem Zeitpunkt längst weggedämmert sein. Dem Rest wird dann doch noch eine Handlung gegönnt: Nachdem die Zooleitung verkündet, alle menschlichen Bewohner rauszuschmeißen, schließt sich Lana einem rätselhaften und natürlich ebenfalls weitgehend stummen Magier im Cowboy-Kostüm an und wagt sich nach draußen. Die ersten Schritte in der wirklichen Welt gehen sich vielversprechend: Sie wird Zauber-Assistentin, macht ihre Sache gut und hat einen Beschützer. Bis der sich buchstäblich in einer Rauchwolke auflöst und ihr nichts anderes einfällt, als Masseuse in einem Erotik-Spa zu werden. Die Ironie, dass sie nun selbst ein exotisches, begafftes Ausstellungsstück ist, entgeht ihr dabei wahrscheinlich auch nicht.

Deswegen steht sie auch bald wieder im Zoo bei ihren tierischen Freunden, und der Film kann sich wieder ganz auf schöne Bilder konzentrieren, statt sich mit so störenden Dingen wie Ereignissen beschäftigen zu müssen. Regisseur Edwin legt dabei eine bewundernswerte Ruhe und viel Sinn für eine schaurig-schöne Atmosphäre an den Tag, bietet aber auch abgehärteten Cineasten wenig Anlaufstellen, sich an seiner künstlerischen Vision emotional oder intellektuell zu beteiligen. Lana ist ein blasses Wesen ohne viel Persönlichkeit, die Bilder wiederholen sich, und sich Tiere im Zoo anzuschauen, macht auch nicht unbegrenzt Spaß, wenn man älter als acht ist.

Oh, und Vorsicht: Der aus gefühlt drei Tönen komponierte Pling-Pling-Soundtrack kann einen noch Monate später verfolgen.


Die Nacht der Giraffe. Start: 17.1. Regie: Edwin. Mit Ladya Cheryl, Klarysa Aurelia Raditya.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. ...ein weiteres Meisterwerk...
expendable 17.01.2013
...aus der Reihe "Filme, die sie sich schenken können".
2.
supercat71 17.01.2013
Zitat von expendable...aus der Reihe "Filme, die sie sich schenken können".
Ja, schenken sie sich diesen Film! "Hangover 3" gefällt ihnen sicher besser, und strengt den "Kopf" auch nicht so an.
3. Tiere
Steinwald 17.01.2013
Zitat von sysopNeue Visionen FilmverleihIm indonesischen Film "Die Nacht der Giraffe" wächst ein kleines Mädchen im Zoo auf und versucht erst als junge Frau, in die Welt der Menschen zu finden. Wie sich herausstellt, sind die Tiere aber viel netter. http://www.spiegel.de/kultur/kino/der-film-die-nacht-der-giraffe-hat-premiere-a-877964.html
Wenn ich schon lese, die Tiere sind netter, geht bei mir heftigst der Klischeealarm. Der Film mag trotzdem nett sein.
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