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14. Juni 2012, 08:43 Uhr

Multikulti-Komödie "West is West"

Klischee ist Klischee

Von Daniel Sander

Der Zauber ist verflogen: 1999 war die Komödie "East is East" über den chaotischen Alltag einer britisch-pakistanischen Familie in England ein Überraschungshit. Nun schickt die Fortsetzung "West is West" die Helden von damals in die pakistanische Heimat. Keine gute Idee.

Manche Filme mag fast jeder. "East is East" aus dem Jahr 1999 ist so ein Fall, ein kleines Kunstwerk, mit dem damals niemand gerechnet hatte. Es war keine weltbewegende Geschichte - ein pakistanischer Patriarch versucht 1971, seine britische Frau und die gemeinsame Brut unter Kontrolle zu bekommen - aber ihr Geheimnis war, dass sie von Herzen kam.

Man lachte über das tägliche Chaos in der bikulturellen Großfamilie, über den Drang des Vaters, seinen Söhnen überfromme und unglaublich hässliche Ehefrauen zu vermitteln, über eine vergessene Beschneidung. Und war gleichzeitig entsetzt über die plötzlichen Gewaltausbrüche des Helden, über die Herzlosigkeit, mit der er seinen schwulen Sohn verstößt und über den subtilen Rassismus, der die Familie an jeder Straßenecke verfolgt. "East is East" war komisch, rührend und tragisch. Vor allem aber ehrlich. Ein Film, der nichts geschönt hat und trotzdem einfach schön war.

Slapstick, der tiefschürfend sein will

Der Erfolg war so groß, dass es erstaunlich ist, dass die Fortsetzung mehr als zehn Jahre auf sich warten ließ. Doch in der Filmwelt von "West is West" sind nur vier Jahre vergangen: Familienoberhaupt Zahir "George" Khan (Om Puri) ist immer noch einigermaßen glücklich mit Ella (Linda Bassett) verheiratet und betreibt in Salford einen Fish-and-Chips-Laden. Bei den meisten seiner sieben Kinder hat er die Hoffnung aufgegeben, dass aus ihnen noch brave Muslime mit Sinn für Tradition und Moral werden, aber noch nicht bei seinem Jüngsten, dem 15-jährigen Sajid (Aqib Khan). Der zeigt sich gerade besonders aufmüpfig und kompensiert das ständige Mobbing seiner Mitschüler und Lehrer mit ein bisschen Ladendiebstahl.

Und weil George immer noch einen Hang dazu hat, völlig undurchdachte Ideen überstürzt in die Tat umzusetzen, verschleppt er seinen Sohn nach Pakistan, um ihm etwas über sein kulturelles Erbe beizubringen. Für Unterschlupf ist gesorgt, denn schließlich hat George ja noch eine erste Ehefrau samt Tochter vor Ort. Dass die nicht gerade vor Begeisterung umfallen, als er vor der Tür steht, ist für ihn ganz und gar unbegreiflich.

Eigentlich gute Voraussetzungen dafür, ein bisschen von der Magie des ersten Teils in die Fortsetzung hinüber zu retten, denn Gelegenheiten für überdrehten Slapstick sollten bei so viel Kulturkampf so reichlich vorhanden sein wie tiefschürfende Erkenntnisse über Moral. Das Problem ist nur, dass "West is West" sich so furchtbar anstrengt, für beides zu sorgen. Obwohl die Kernbesetzung dieselbe blieb (abgesehen vom 15-jährigen Sajid), und das Drehbuch wieder vom britisch-pakistanischen Schauspieler und Autor Ayub Khan-Din stammt, ist von der süffisanten Leichtigkeit aus "East is East" nicht mehr viel zu spüren.

Wandlung zum Monster

Der neue Regisseur Andy DeEmmony hat keinen Sinn für den zurückgenommenen Tonfall seines Vorgängers Damian O'Donnell und inszeniert das Ganze als brachiale Mischung aus Billig-Sitcom und TV-Movie. Es ist alles zu viel, und nichts wirkt echt: Sajid ist ein so penetrant aufgeweckter und pseudo-rebellischer Teenager, wie es sie nur in Drehbüchern gibt, immer einen gewollt respektlosen Spruch auf den Lippen. Sein Vater ist vom zwiespältigen Charakter zum kompletten Monster geworden, dessen Egomanie und unsagbare Dummheit für Spaß sorgen sollen, aber nur noch verachtenswert sind.

Manchmal wirkt es so, als wollte der Regisseur die große Liste der Kino-Klischees abarbeiten: Erst ein unbeteiligter, weiser alter Mann schafft es, Sajids Herz für die Heimat zu öffnen; ohne die Sprache der jeweils anderen zu verstehen, kommt es zwischen Georges zwei Ehefrauen zur betont herzerweichenden Aussprache; ein Sturm bringt im Finale alle in Gefahr und Vater und Sohn wieder näher zueinander; jeder hat am Ende eine wichtige Lektion gelernt.

Es ist ein bisschen traurig. "West is West" will auch ein Film sein, den jeder mag, wie das Original, und er versucht es mit allen Mitteln. Dabei weiß doch jeder, dass man so nur allen auf die Nerven geht.


West is West. Start: 14.6. Regie: Andy DeEmmony. Mit Om Puri, Aqib Khan, Linda Bassett.

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