"Der Fluch der goldenen Blume" Kunstvoller Blut-Erguss

Früher provozierte Zhang Yimou mit seinen Filmen Chinas Staatsmacht. Jetzt flüchtet sich der Regisseur ins Spektakel. Sein neuer Film ist ein gewaltiges Epos über Herrscher-Verrat und Mord - und kommt in schönen Bildern um.

Von Birgit Glombitza


Es dauert eine Weile bis alles an seinem Platz ist. Das Ohrgehänge, der goldene Fingerschutz, der üppige Haarkamm. Dazu das Unterkleid, das Hauptkleid, die Robe, die Schleppe. Allein das Flechtwerk der Haare muss die Königin ein paar Stunden früher aus den Schlafgemächern genötigt haben. Dann lässt die Armada der Zofen von dem menschlichen Prunkstück ab, und die schöne Königin (Gong Li), die sich vor lauter Stoff und Edelmetall kaum noch bewegen kann, erklärt sich bereit für den Tag.



Die Rituale von Morgentoilette und Ankleidung können es mit denen großer Historienschinken der gesamten Filmgeschichte aufnehmen - und das sollen sie wohl auch. Nicht zuletzt mit Joseph L. Mankiewiczs "Cleopatra" aus dem Jahre 1963. Der bis dahin teuerste Film aller Zeiten (44 Millionen Dollar) trieb, auch dank einer erkrankten Liz Taylor, die Fox-Studios an den Rand des Ruins und sorgte bereits während der Dreharbeiten für eine Menge Tratsch. Auch in dem Punkt kann der 45 Millionen Dollar teure "Fluch der Goldenen Blume" bereits mithalten - schließlich mokierte die Presse in China vorab schon das zu aufdringlich ins Bild gesetzte Dekolletee von Gong Li. Und man darf vermuten, dass ihr im unchinesisch tiefen Ausschnitt bebender Busen vor allem die Filmmärkte im Westen erschließen soll.

Ähnlich, wenn auch ungleich dezenter als "Cleopatra", verfolgt auch Zhang Yimous Kostümschinken die These, dass Geschichte vor allem auf den Schlachtfeldern und Politik im Schlafzimmer gemacht wird. In dieser maßlosen Seifenoper über die Tang-Dynastie intrigiert das königliche Ehepaar gegeneinander. Die Königin, die ihren Stiefsohn liebt, verkraftet nicht, dass er sich der jüngeren Apothekerstochter zuwendet. Ausgerechnet diese Nebenbuhlerin ist es auch, die im Auftrag des Königs (Chow Yun Fat) dessen Frau mehrmals täglich einen vergifteten Kräutertee verabreicht. Und während die Elternteile ihre jeweiligen Lieblingssöhne heimlich für die Thronübernahme rüsten, schmücken tausende von Hofdienern den Palast für das Chrysanthemen-Fest: die Garnitur für die finale Schlachtplatte.

"Der Fluch der goldenen Blume" ist ein Spektakel, es geht um nichts als opulente Bilder, um Massenchoreographien und komplizierte Kostüme. Dabei gehörte Zhang Yimou neben Chen Kaige und Zhang Yuan einmal zu den unberechenbaren Regisseuren der legendären "Fünften Generation". Seine Filme handelten von parteitreuen Dorfvorstehern, feudalistischen Herrschern, ausgebeuteten Frauen ("Rote Laterne", "Ji Dou") und der verarmten Landbevölkerung. Große Melodramen ("Das rote Kornfeld") und Epen ("Leben"!") waren darunter, fotografiert in traumschönen Bildern, die Chinas Staatsmacht lieber nicht aus den Augen ließ. Nach dem lange währenden Bilderverbot der Kulturrevolution wagten diese Regisseure durch den Schleier ihrer hübschen Oberflächen einen kritischen Blick auf Repressionen der chinesischen Realität.

Heldenhafter Rückzug ins Ornamentale

Auch wenn man Zhang Yimou mit der Vermutung sicher nicht Unrecht tut, es sei ihm immer schon eher um die Schönheit eines Bildes und um traditionelle Werte gegangen, als um widerständige Kunst: Seine Filme galten in diesen Zeiten als politisch und gefährlich. "Leben!", die Chronik einer um ihre Existenz kämpfenden Familie, wurde von der staatlichen Zensur in China nicht freigeben. Es war Zhang Yimous letzter Film, der sich mit der Wirklichkeit abmühte. Mit "Hero" wechselte er ganz ins Reich der Märchen; fortan hatte man ihn im Verdacht, sich mit der chinesischen Filmindustrie und ihren Scheren arrangiert zu haben.

"Hero" wurde ein heimischer Blockbuster und Zhang Yimou zum Aushängeschild der chinesischen Kinokultur. Dass sich der Held in diesem Kassenschlager zum bedingungslosen Opfergang verpflichtet und ganz in den Dienst einer großen Idee stellt, wirkt rückblickend wie ein Omen für den weiteren Werdegang des Regisseurs.

Von nun an zieht Zhang Yimou aus ins rein Pompöse und lässt seine Filme mit seinen Schwertkämpfern endgültig die Bodenhaftung verlieren. Auch in "Der Fluch der goldenen Blume" wird mit atemberaubender Artistik gekämpft, zerstückelt und gestorben. Kaligraphische Körper, die in virtuos komponierten Zweikämpfen sich zum innersten Wesen ihres Gegners durchschälen.

Blutrünstig und blutarm

Und doch bleiben diese Samurai- und Schwertkämpfergeschichten im Vergleich zu ihren Hongkong-Vorläufern aus den achtziger und neunziger Jahren erstaunlich seelenlos. Ganz so als glaubten sie im Grunde selbst nicht mehr an ein Königreich, für das es sich noch zu kämpfen lohnt. So hauen und stechen sie für den schieren Farbenrausch eines in blinden Aktionismus verfallenen Regisseurs. Bis das Rot des Blutes alle Gesichter hübsch bespritzt und alle Kostüme getränkt hat, bis all die Millionen Chrysanthemen in ihren Millionen Töpfchen förmlich mitbluten.

Für die Eröffnungs- und Abschlussfeiern der Olympischen Spiele 2008 in Peking ist Zhang Yimou, der sich inzwischen auch als Opernregisseur in Massenszenen und gigantischen Kulissen verliert, zum obersten Zeremonienmeister ernannt worden. Diesen Job wird er vermutlich großartig erledigen. Seine eigenen Blut- und Farbenspiele hat er auf der Leinwand längst eingeläutet.



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