Kinofilm "Der große Gatsby" Posterboy auf Ecstasy

Ich bin der König der Welt! "Der große Gatsby" ist eine extravagante Party-Parade und Titelheld Leonardo DiCaprio spielt auf wie zu jugendlichen "Titanic"-Zeiten. Doch unter all dem Glanz und Glitter scheitert der Cannes-Eröffnungsfilm im großen Stil - was jedoch sehenswert ist.


"So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past." Da ist er, der berühmte, letzte Satz aus "The Great Gatsby". Baz Luhrmann stanzt die in zahllosen literaturwissenschaftlichen Seminaren interpretierte Sentenz aufs Leinwandbild, als wollte er seinem Publikum und auch sich selbst nach fast zweieinhalb Stunden versichern: Ja, das war wirklich eine Adaption von F. Scott Fitzgeralds Jahrhundertroman.

Der empörte Vorwurf des Etikettenschwindels ist schnell gemacht, angesichts einer grellen Inszenierung voller Anachronismen und frei von Subtilität. Schon im Vorfeld der Filmfestspiele von Cannes, die mit "Der große Gatsby" am Mittwochabend eröffnet werden, gab es reichlich Schelte für Luhrmanns überproduzierte Extravaganz, die Fitzgeralds schlanke Prosa unter dicken Lagen von Ausstattung, Mode und Musik begräbt. Und als wäre das nicht genug, auch noch in 3D.

Fotostrecke

6  Bilder
"Der große Gatsby": Kino als Konfettikanone
Aber das Bemängeln vermeintlich fehlender Werktreue ist und bleibt das sinnloseste und langweiligste Argument gegen diese Art der Literaturverfilmung. Denn es blendet die Eigenständigkeit der Kunstformen ebenso aus wie die Legitimität einer Neuschöpfung. Sicher, Luhrmanns Umgang mit diesem Roman über die Verheerungen des amerikanischen Traums, den nicht Wenige meinen, wenn sie von "the great American novel" sprechen, ist erwartungsgemäß spekulativ. Immerhin hat der Regisseur einen Ruf zu verlieren, seit er mit "Romeo + Juliet" (1996) aus Shakespeares Drama einen sentimentalen Popstar-Starschnitt für Teenager bastelte.

Drehen an der Emotionsschraube

Nun ballert er eben aus allen Konfettikanonen auf eines der Schlüsselwerke im westlichen Kanon. Wenn sich der Glitter gelegt hat, wird der Blick frei auf ein befremdliches, aber faszinierendes Zeugnis grandiosen Scheiterns. Das beginnt mit dem Öffnen einer neuen, narrativen Klammer, die den Erzähler Nick Carraway (Tobey Maguire) als gebrochenen Sanatoriumspatienten zeigt. Zu Therapiezwecken soll er seine Erinnerungen aufschreiben. Und so memoriert Carraway den New Yorker Sommer des Jahres 1922: Als hoffnungsfroher Yale-Absolvent kommt er in die Stadt, um am hysterischen Börsenboom der Nachkriegszeit mitzuverdienen.

Carraways bescheidenes Häuschen im Neureichenviertel West Egg auf Long Island wird überschattet von der protzigen Residenz seines Nachbarn Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), einem enigmatischen Entrepreneur und Gastgeber sagenhafter Feste. ln East Egg, der Heimstatt des alten Geldadels auf der anderen Seite der Bucht, lebt derweil Carraways Cousine Daisy (Carey Mulligan) mit ihrem Mann Tom Buchanan (Joel Edgerton), einem schwerreichen Rassisten.

Carraway wird Gatsbys Bekanntschaft machen, ebenso wie die der zynischen Profigolferin Jordan Baker (Elizabeth Debicki). Er nimmt an exaltierten Partys teil und erfährt von Gatsbys mysteriösen Geschäften sowie dessen unerfüllter Liebe zu Daisy, die vor dem Krieg und ihrer unglücklichen Ehe begann. Und er muss mitansehen, wie Buchanans Geliebte Myrtle Wilson (Isla Fisher) und ihr ahnungsloser Gatte George (Jason Clarke), die in der lumpenproletarischen Wüste des "Valley of Ashes" leben, zu tragischen Katalysatoren einer Katastrophe werden.

Der Plot ist vertraut, doch wo Fitzgeralds Roman den Raum zwischen den wenigen Handlungsmomenten für Einsichten in die Abgründe des Jazz Age nutzt, zieht Luhrmann alle Licht- und Lautstärkeregler auf und dreht an der Emotionsschraube. Nachgerade rührend gerät dabei sein Versuch, die in der Vorlage so moribunde Beziehung zwischen Gatsby und Daisy in große Breitwandromantik zu verwandeln.

Der Sound der Stadt

Auch das Darstellerpaar stemmt sich ebenso eindrucksvoll wie sinnfrei gegen Fitzgeralds schonungslose Charakterzeichnung. Carey Mulligan ignoriert Daisys inhärente Kälte, stattdessen kullern in Großaufnahme perfekte Tränen über ihre noble Blässe. Und der längst arrivierte Charakterdarsteller Leonardo DiCaprio wird mit einem großartigen Karrieresalto rückwärts noch einmal zu Leo, dem verwegen dreinblickenden Posterboy aus "Romeo + Juliet" und "Titanic". Allein sein losgelöstes Spiel im pinken Leinenanzug lohnt den Kinobesuch; in den wirklich enthemmten Momenten wird hier bestes Boulevardtheater auf Ecstasy geboten.

Ebenfalls bemerkenswert und für Luhrmannsche Verhältnisse fast sublim ist der Musikeinsatz, an dem Mitproduzent und HipHop-Tycoon Jay-Z entscheidenden Anteil hat. Neben Bryan Ferry, der mit seinem Orchester die Neueinspielungen alter Jazzstandards beisteuerte, ist von Lana Del Rey über The XX bis hin zu Beyoncé reichlich Pop-Prominenz mit Coverversionen und exklusiven Songs vertreten.

Wesentlicher als die bekannten Namen ist jedoch das schwarze Beatgerüst des Films, das einen feinen Kontrapunkt zum vor allem durch die Figur Tom Buchanan postulierten Herrschaftsdenken einer dekadenten weißen Oberschicht setzt. Die zugereisten Midwesterner Gatsby, Nick und Daisy mögen glauben, diese Stadt gehöre ihnen, doch bei Luhrmann fußt New York auf afro-amerikanischer Arbeit: In den Kohlefeldern, den Bars, den Villen und in der Musik. Der wahre "Empire State of Mind", er schallt so zurück aus der Zukunft, selbst wenn die frenetischen Charlestontänzer die Zeichen noch nicht zu deuten wissen.

Aus The Great Gatsby: "Jay-Z & Kanye West - No Church In The Wild"
Mehr Videos von Jay-Z gibt es hier auf tape.tv!
"No Church in the wild"-Clip von Jay-Z & Kanye West auf tape.tv ansehen

Aber auf jeden gelungenen Kunstgriff folgt hier eine Modestrecke für Prada oder Brooks Brothers. Während die Kamera unablässig durch die volldigitalen oder im australischen Studio gezimmerten Kulissen zoomt, wird damit Besinnungslosigkeit zum alles beherrschenden Gefühl. So ist es denn am Ende die einzigartige Leistung von Luhrmann, mit verschwenderischem Aufwand immer wieder jene große, flüchtige und letztlich leere Geste zu produzieren, die lediglich eine Facette von Fitzgeralds Jay Gatsby ist. Das macht den Film zur sündhaft teuren, über weite Strecken absurden und vielleicht bald vergessenen Fußnote.

Missen möchte man sie dennoch nicht.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
philipp n. 15.05.2013
1. diCaprio
Ohne den Film gesehen zu haben halte ich Leo für einen sehr guten Schauspieler. Leider bisher bei den Oskars immer leer ausgegangen. Weiter so!
tauschspiegel 15.05.2013
2. Viel Schein um Nichts
Zitat von sysop© 2013 Bazmark Film III Pty LimitedIch bin der König der Welt! "Der große Gatsby" ist eine extravagante Party-Parade und Titelheld Leonardo Di Caprio spielt auf wie zu jugendlichen "Titanic"-Zeiten. Doch unter all dem Glanz und Glitter scheitert der Cannes-Eröffnungsfilm im großen Stil - was jedoch sehenswert ist. http://www.spiegel.de/kultur/kino/der-grosse-gatsby-leonardo-di-caprio-in-baz-luhrmanns-kino-adaption-a-899793.html
*** jeder der die redford version des gatsby kennt, kann über diese aufgeblasene kindergarten-kopie nur lächeln und der soundtrack ist trotz "großer namen" beeindruckend schlecht und deplaziert.
flateric 15.05.2013
3. Leider unterschätzt!
Zitat von philipp n.Ohne den Film gesehen zu haben halte ich Leo für einen sehr guten Schauspieler. Leider bisher bei den Oskars immer leer ausgegangen. Weiter so!
Für mich auch unverständlich, obwohl er bereits frühzeitig gezeigt wie gut er schauspielern kann. Mit This Boys Life, Gilbert Grape oder Jim Carroll hat er als Kind schon eine bessere Leistung gezeigt als viele Erwachsene Schauspieler heute. Seitdem ist auf konstant hohem Niveau geblieben.
mwinter 15.05.2013
4. Luhrmann ist kein Non Sequitur!
Ja, Luhrmann ist einer dieser Künstler, die verstanden haben (bzw. verstehen mussten), das mit bloßer Kunst kein Geld zu verdienen ist - und folglich auf hemmungsloses Entertainment setzen! Das ist nicht einfach das, was Luhrmann will, das ist dass, was die Gesellschaft will! Und wer nicht macht, was die Gesellschaft will - das haben wir gelernt - der wird aus der Gesellschaft verbannt und muss verhungern.
lachender lemur, 15.05.2013
5. Ja, Redford...
Ich war überrascht, schockeirt, enttäuscht, daß die Redford-Version nicht im Text genannt wurde. Da hat David Kleingers wohl nicht so gut recherchiert... oder entschied sich aus Marketing-Gründen gegen das Nennen das Notwendigen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.