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Der neue "Hobbit" in der Kurzkritik: Ein Film, sie alle zu knechten

Von

"Hobbit"-Kurzkritik: Landschaft, Schlachten und Abschiede Fotos
Warner Bros.

Schöne Landschaften, ohrenbetäubender Schlachtenlärm, rührende Abschiedsszenen und H. P. Baxxter als Ober-Ork: Der letzte Teil der Hobbit-Trilogie "Die Schlacht der fünf Heere" in der Kurzkritik.

Die Ausgangssituation? Im zweiten "Hobbit" haben wir die Zwerge um Thorin Eichenschild (Richard Armitage) und ihren angeheuerten Meisterdieb Bilbo Beutlin (Martin Freeman) in der gerade vom Drachen Smaug entmieteten Zwergenpalasthöhle verlassen. Mit Entsetzen realisierten sie da, dass der von ihnen erweckte Drache jetzt herumfliegen und die Häuser unschuldiger Leute anzünden wird.

Und wie geht's dann weiter? Der Drache fliegt folgerichtig herum und zündet die Häuser unschuldiger Leute an. Das Problem löst sich aber gerade noch rechtzeitig. Dann wird der Zwergenkönig Thorin vor Gier verrückt und will gegen Menschen und Elben kämpfen. Er fängt sich aber gerade noch rechtzeitig, um dann gemeinsam mit Menschen und Elben gegen eine Ork-Armee zu kämpfen. Der Zauberer Gandalf (Ian McKellen) kommt nur wenig dazu, seine Pfeife zu schmauchen, weil er ständig gerade noch rechtzeitig gegen das Böse eingreifen muss. Und am Ende wird gerade noch... aber wir wollen ja nicht zu viel verraten.

Was erwartet die Zuschauer? Etwa 40 Prozent spektakuläre Landschaftsaufnahmen, meist aus der Luft aufgenommen. Dann 50 Prozent spektakuläres Schlachtengetümmel. Und am Ende 10 Prozent rührende Abschiedsszenen. Diese Prozentzahlen sind allerdings nicht verbürgt, sie können gefühlt variieren, je nachdem, in welcher Phase des Films man sich gerade befindet - dann hat man jeweils den Eindruck, der gesamte Film bestünde nur aus Landschaft/Schlacht/Abschied.

Bis auf die Abschiede am Ende (wobei: wer weiß?) ist wahrscheinlich jedes einzelne Bild dieses Films unter Einsatz eines Rechenzentrums von der Größe einer Kleinstadt nachbearbeitet worden, mit einem Budget pro Sekunde, das höher ist als eines, das Regisseure, die nicht Peter Jackson heißen, für eine gesamte Trilogie aufwenden können. Das sieht dann schon toll aus. Für die Effekte müssen eigens drei bis fünf neue Oscar-Kategorien geschaffen werden, um sie angemessen zu würdigen. Nach Betrachtung des Werks fühlt man sich von dem spektakulären Gewimmel allerdings ziemlich geknechtet.

Und möglicherweise hat man auch Bauchschmerzen: Mangels anderer Handlung (man wunderte sich ja schon, wie man aus Tolkiens Roman "Der Hobbit" überhaupt mehr als einen Kurzfilm machen konnte, der inhaltlich trägt) dauert die titelgebende Schlacht so lange, dass man während ihres Verlaufs bis zu drei große Tüten Kartoffelchips verspeisen kann, und das, ohne seine Sitznachbarn zu stören: Das Gemetzel ist dermaßen ohrenbetäubend, dass man schon sein eigenes Schmatzen kaum hören kann.

Ist der Film spannend? Nun ja. Einerseits hat man selten in einem einzigen Film so viele Pfeile fliegen gesehen, kaum wurden schon einmal so viele Äxte geschwungen und Steine geworfen. Aber auf der anderen Seite kommt praktisch immer, wenn der gerade im Bild befindliche Held in einer ausweglosen Situation dem Tode geweiht scheint, von der Seite ein Pfeil, eine Axt oder ein Elb daher, der den finsteren Widersacher gerade noch rechtzeitig aus dem Weg räumt. Bis dann mal doch keiner kommt.

Ist der Film lustig? Geht so. Die tatsächliche Hauptfigur im dritten Teil ist nicht Hobbit Beutlin, sondern Zwergenkönig Thorin (Richard Armitage) - und dessen Entwicklung zum Wahnsinnigen ist weder besonders komisch noch überraschend und auch in der 3D-Version nicht wirklich mehrdimensional dargestellt. Martin Freeman als Bilbo Beutlin darf zwar wieder jede Menge überraschte, verschmitzte und skeptische Gesichter schneiden und damit Lacher provozieren, aber als Doktor Watson in "Sherlock" gelingt ihm das überzeugender. Grinsen können deutsche Zuschauer, wenn sie den Ober-Ork Azog (Manu Bennet) dabei beobachten, wie er von einer erhöhten Kommandoposition aus seine Horden zum Kampf aufstachelt - und dabei ständig an H.P. Baxxter denken müssen.

Getty Images
Welche Erkenntnis vermittelt der Film? Dass man aus einem Kinderbuch einen Film machen kann, in den man tunlichst keine Kinder mitnehmen sollte, wenn man nicht will, dass die Kleinen drei Wochen lang von Orks träumen. Und eine gewisse Verwunderung darüber, dass es nicht doch noch vier oder fünf Teile wurden: Hier noch eine Kampfszene drauf, dort noch eine Viertelstunde länger Verabschiedungszeremonien, den Rest mit Luftaufnahmen auffüllen, fertig. Und schließlich die Haupterkenntnis: Handlung wird überschätzt.

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insgesamt 94 Beiträge
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1. Na dann ins Kino
bikersplace 02.12.2014
danke Spiegel, imemr wenn Ihr einen Film "zerreisst" kann er nicht schlecht sein, Kinokarten sind schon reserviert.
2. Kinderbuch?
caligus 02.12.2014
Ich habe den Hobbit schon einige Male gelesen und muss sagen, dass ich zwar weiß, dass dieser von Tolkien ursprünglich als Buch für seine Kinder konzipiert war, dass aber das Resultat - inbesondere der Schluss - derart grausam und brutal ist, dass ich es für kein Kinderbuch halte. Das was Jackson aus diesem eigentlich sehr guten Buch "verhackstückt" hat, ist ein kleiner Skandal für sich; spezielle im 2. Teil war das Buch in großen Teilen noch nicht einmal mehr ansatzweise erkennbar. Eigentlich wirklich schade, denn das Buch hätte mehr als genug Stoff für einen zwei bis dreistündigen Film geboten; die Handlung hätte keiner Änderung bedurft.
3. Na immerhin...
pallmall78 02.12.2014
...klingt es so, als halte sich der dritte Teil an die Buchvorlage. Denn dort gibt es am Ende - genau - eine Schlacht und viele Abschiede:-).
4.
war:head 02.12.2014
Zitat von bikersplacedanke Spiegel, imemr wenn Ihr einen Film "zerreisst" kann er nicht schlecht sein, Kinokarten sind schon reserviert.
Dem zweiten Teil und allen Anzeichen zum dritten nach zu urteilen, dürfte SPON diesmal aber ziemlich genau den Punkt getroffen haben. Ich überlege allerdings, trotzdem ins Kino zu gehen. Denn allem Anschein nach wird der Film nur da richtig wirken (zumindest sofern man möchte, dass die Nachbarn im Haus nach dem Filmabend noch mit einem sprechen...).
5. Selten
bonngoldbaer 02.12.2014
Zitat von bikersplacedanke Spiegel, imemr wenn Ihr einen Film "zerreisst" kann er nicht schlecht sein, Kinokarten sind schon reserviert.
Der SPIEGEL und ich sind selten einer Meinung. Aber in diesem Fall liegt er wohl richtig. Es sei denn, der dritte Teil wäre so viel besser als der erste, dass man es mit Worten nicht mehr beschreiben kann.
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