Kino-Epos "Der Hobbit": Die Gefährdeten

Von Roland Huschke

Aus einem Buch mach drei Filme: In dieser Woche feiert "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" in Neuseeland Premiere, die langersehnte Vorgeschichte vom "Herr der Ringe"-Epos. Regisseur Peter Jackson hatte diesmal mit unerwarteten Widerständen zu kämpfen.

Neues aus Mittelerde: Eindrücke aus Peter Jacksons "Der Hobbit" Fotos
Warner Bros.

Als es Peter Jackson nach wochenlangen Verhandlungen über ein wenig Gesprächszeit für SPIEGEL ONLINE endlich ans Telefon schafft, könnten Kurzatmigkeit oder Torschlusspanik niemanden verwundern. Nicht genug, dass der Regisseur kurz vor der Weltpremiere von "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" im heimischen Wellington noch am Feinschliff sitzt. Parallel befinden sich auf dem Gelände seiner Weta Studios bereits die nächsten Teile der - kurzfristig - zur Trilogie ausgebauten Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Kinderbuch in verschiedenen Fertigungsstadien. Drehbuchergänzungen hier, Rohschnitt da. Nach "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" am 13. Dezember werden "The Desolation of Smaug" zu Weihnachten 2013 sowie "Hin und zurück" im Sommer 2014 in die Kinos kommen.

Die Blockbuster-Fabrik im fernen Neuseeland brummt auf Hochtouren, um pünktlich für die Feiertage den spleenigen Hobbit Bilbo Baggins auf eine Serie von Abenteuern zu schicken. Als Business as usual mag es Jackson dann doch nicht bezeichnen, nach den "Herr der Ringe"-Filmen wieder einen Erzählzyklus in Mittelerde zu zimmern. Diesmal schließlich in 3D und mit einem deutlichen Zuwachs an Effekten, Statisten, Szenenbildern. Je nach Schätzung zwischen 240 Millionen Dollar ("Los Angeles Times") bis zu über 300 Millionen Dollar ("Hollywood Reporter") soll jeder neue Film kosten. Der Filmemacher, der als Produzent auch die Finanzierung verantwortet, kommentiert selbst keine konkreten Zahlen.

Sondern besinnt sich auf seine Erfahrung und sagt: "Durch die erste Trilogie habe ich gelernt, mit massiver Verantwortung umzugehen und mich bloß auf den Moment zu konzentrieren. Mal stehst du mit Tausenden am Set im Laufe von zwei Jahren, mal gehen Nächte für Skype-Sessions mit Effektstudios drauf. Doch es fühlt sich alles an wie ein Film. Wie ein fließender Prozess, der von Tag zu Tag entsteht. Zumal wir diesmal ein paar Zeitpolster in den Produktionsplan bauten, um uns zwischendurch sammeln oder korrigieren zu können."

Strittiger geht's nicht

Peter Jackson weiß an diesem Samstagmorgen im November noch nicht, dass sein "Hobbit" rund um die Premiere von ganz anderer Seite unter Druck geraten wird. Tierschützer kündigten Proteste an, nachdem die Produktion den Tod von Tieren beim Dreh billigend in Kauf genommen haben soll. Kurz darauf klagten die Tolkien-Erben mit nicht weniger gutem Sinn für Schlagzeilen-Timing gegen die digitale Vermarktung des Stoffes, es geht um 80 Millionen Dollar Schadenersatz.

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"Der Hobbit"-Trilogie: Die Macher von Mittelerde
Nicht schon wieder, dürfte sich der Regisseur gedacht haben - hängt doch am "Hobbit" auch der Ruch als strittigste Produktion moderner Filmgeschichte. Schon seit den Siebzigern kreuzen Anwälte rund um die ewig geplante Verfilmung des Bestsellers die Klingen. Produzenten stritten gegen Studios, Firmen gegen Erben. Lange drohte "Der Hobbit" in Hollywoods "development hell" pulverisiert zu werden.

Bis die Adaption durch den "Herr der Ringe"-Erfolg richtig an Fahrt aufnahm und Jackson schon "rund um die Veröffentlichung von ,Die Gefährten' immer wieder gefragt wurde, ob ich nicht auch gleich die Vorgeschichte im ,Hobbit' erzählen wolle." Er wollte so gar nicht. Mehr noch: Peter Jackson wehrte sich zunächst mit Händen und Füßen gegen seine Verpflichtung. Am 19 November 2006 etwa, als er vor Gericht gerade mit der Produktionsfirma New Line um "Ringe"-Profite stritt, verkündete er staatstragend auf der Fanseite theonering.net die Demission als potentieller Regisseur.

Wie George Lucas oder eher wie ein Hobbit?

In der Folge warf er sogar das Gewicht als Produzent und inoffizieller Tolkien-Professor hinter einen geplanten "Hobbit"-Zweiteiler des Kollegen Guillermo del Toro ("Pans Labyrinth"). Wieder scheiterte die Finanzierung am Streit um Rechte und Profite, entkräftet stieg del Toro nach über einem Jahr aus. Stattdessen schienen Jackson und "Der Hobbit" fast schicksalhaft verbunden zu sein - zumindest nach romantischer Lesart der "Ringe"-Fans, die den Stoff sicher aufgehoben wähnen beim Herr über Mittelerde, von dem seine Schauspieler sagen, dass er sich beim Drehen selbst manchmal wie ein drollig verspielter Hobbit aufführe.

Richtig ist aber auch, dass der 51-Jährige mit der "Ringe"-Trilogie ein popkulturelles Phänomen schuf, dessen emotionale Fanbindung vorher nur von George Lucas' "Star Wars"-Saga erreicht wurde. Auch die unglaubliche Treue der Jünger, die er über Set-Einblicke oder Tagebücher im Internet in seine Arbeit einbindet wie kein anderer A-Liga-Regisseur, ermöglicht es Jackson inzwischen, im Grunde wie Lucas aufzutreten. Als Mini-Mogul, der sich höchstens noch mit seinen Partnerinnen Fran Walsh und Philippa Boyens absprechen muss, bevor er autark ganze Filmwelten in Bewegung setzen kann.

Undenkbar schließlich, dass ein kommerziell kaum getesteter Kollege wie Guillermo del Toro mitten im Dreh hätte feststellen können, dass er so viel gutes Material im Kasten habe, dass es am Ende sogar für drei Kinofilme reichen sollte. Genau zu dieser Erkenntnis aber will Jackson im vergangenen Sommer gekommen sein, als er auch die Finanziers bei Warner Brothers mit dem Vorschlag überraschte, den "Hobbit" zur Trilogie auszubauen.

Dem Verdacht, Tolkien über Gebühr zu melken, nachdem die "Ringe"-Filme im Kino rund drei Milliarden Dollar einspielten, stellt sich Jackson freilich vehement entgegen. Ganz im Gegenteil sehe er seine Aufgabe darin, Tolkiens Phantasie durch absolute Werktreue weiterhin zu schützen - auch wenn beim "Hobbit" in Sachen Urheberschaft die Grenzen verschwimmen werden.

Sequenzen "im Geiste Tolkiens"

Der 1937 erstveröffentlichte Roman über den sympathischen Bilbo Baggins, der sich gemeinsam mit 13 Zwergen auf ereignisreiche Schatzsuche begibt, bildet lediglich das erzählerische Korsett für die "Hobbit"-Filme. Inhaltlich einerseits ergänzt durch Verwertung der Anhänge, die Tolkien nach der "Ringe"-Trilogie als Bindungselemente zum "Hobbit" schrieb. Aber auch durch Sequenzen "im Geiste Tolkiens" aus der Feder von Jacksons Autorenteam.

Mit anderen Worten: Außerhalb Wellingtons weiß bis zur Premiere am Mittwoch noch kein Mensch, was nun in acht, neun Stunden "Der Hobbit" passieren wird oder wie die Macher den Spannungsbogen eines Kinderbuches über drei Eventfilme ziehen wollen. Jackson raunt nur von einer "schnellen Exposition" für die kleinen Helden im ersten Film, dem Begegnungen mit Drachen, paranormalen Spinnen oder dem sogenannten Necromancer folgen werden.

Im Grunde aber verrät er Nullkommanix. Wohl wissend, sagt er, um den Vertrauensvorschuss der Fans und die Schwierigkeit, nach Mittelerde zurückzukehren, ohne sich zu wiederholen. Die Überraschungen des Plots sind sein Kapital. Und vor allem der erste Teil muss für das Publikum funktionieren als Lokomotive der Fortsetzungen.

"Aber es bringt nichts, das Schicksal vorhersehen zu wollen", schließt Jackson, dessen vollständiges Interview am Mittwoch bei SPIEGEL ONLINE zu lesen ist, "also arbeite ich jetzt weiter am unterhaltsamsten Film, der mir möglich ist. Vielleicht gefällt er Ihnen ja."

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insgesamt 70 Beiträge
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1. optional
fuchs_7 26.11.2012
Acht Zwerge? Ich bin jetzt kein hardcore fan, aber wenn man eine Reportage schreibt, sollten zumindest die Basics stimmen.... es sind nämlich 13 Zwerge: Thorin Oakenshield | Balin | Dwalin | Fíli | Kíli | Dori | Nori | Ori | Óin | Glóin | Bifur | Bofur | Bombur das wären die Namen! Wenn schon sowas einfaches in dem Bericht nicht stimmt - was soll man dann von dem Rest halten?
2. ...
Setit 26.11.2012
Wenn es nur 8 Zwerge gewesen wären, hätte man Bilbo gar nicht geshanghait - schließlich war ja der Vorwand, die Unglückszahl 13 zu vermeiden. Aber vielleicht ging Jackson wegen der vielen Spezialeffekte ja das Geld aus, so daß er bei den Gagen sparen mußte...
3. 13, nicht 8...
pedaschrank 26.11.2012
immer häufiger muss ich mich fragen, wie intensiv sich manche journalisten mit dem inhalt ihrer beiträge auseinandersetzen. auch auf die gefahr hin als erbsenzähler aufzutreten, es handelt sich in der geschichte um dreizehn zwerge, nicht etwa, wie in diesem beitrag erwähnt, um acht. ist es denn zu viel verlangt, soweit zu recherchieren und so dem stoff über den man berichtet die nötige ernsthaftigkeit entgegen zu bringen? wie glaubhaft ist ein solcher journalist?
4. 13.... 13!!!
Nellas 26.11.2012
Nene, es sind auch im Film 13 Zwerge, bei denen sich die Macher wirklich Mühe gegeben haben, sie für den gewillten Zuschauer unterscheidbar zu machen - es werden sogar alle namentlich im ersten Trailer erwähnt und kurz vorgestellt (naja, jeweils ca. 2 Sekunden, aber immerhin). Da hat jemand wohl weder das Buch gelesen noch ordentlich die Details recherchiert ^^° (im Bezug auf den Autor) Trailer schaun und mitzählen hilft, auch wenn man bei Thorin und Kompanie die Zehen mitnehmen muss, weil die Finger nicht mehr reichen :-)
5.
oneironaut 26.11.2012
Zitat von SetitAber vielleicht ging Jackson wegen der vielen Spezialeffekte ja das Geld aus, so daß er bei den Gagen sparen mußte...
glaube ich kaum. Jeder, der den Trailer gesehen hat, weiß dass es auch in der Filmvariante 13 Zwerge sind.
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Der Hobbit - Eine unerwartete Reise

USA/Neuseeland 2012

Regie und Drehbuch: Peter Jackson

Darsteller: Martin Freeman, Richard Armitage, Ian McKellen, Andy Serkis, Aidan Turner, Ken Stott, Graham McTavish

Produktion: New Line Cinema

Verleih: Warner Bros.

Länge: 164 Minuten

Start: 13. Dezember 2012