"Der Hobbit: Smaugs Einöde" Zurück zur großen Magie

Ein furioser Drache, eine erfundene Elben-Frau, sogar ein wenig Sozialkritik: Im zweiten Teil seiner "Hobbit"-Trilogie macht Regisseur Peter Jackson alles richtig, indem er sich weiter als zuvor vom Tolkien-Original entfernt. "Smaugs Einöde" ist mutiges, actionreiches, visuell brillantes Fantasy-Kino.

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Die Prämisse von Peter Jacksons Vorhaben, ein Buch von gerade mal 300 Seiten in gut neun Stunden Film zu verwandeln, ist und bleibt tollkühn. Man kann das als Geldschneiderei und Größenwahn betrachten oder als Meisterleistung aus Leidenschaft - ein bisschen Wahnsinn lauert in beiden Varianten.

Keine Frage: Jacksons "Herr der Ringe"-Trilogie ist brillant: die Neuerfindung des Fantasy- und Abenteuerkinos mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Der erste Film des "Hobbit"-Dreiers jedoch hatte zu viele singende Zwerge, zu viele Längen und merkbar zu wenig Handlung für ein Drei-Stunden-Epos. Eine Milliarde Dollar spielte "Eine unerwartete Reise" dennoch ein - Wunderwerk des Marketings. Oder einfach der Beleg dafür, dass es ein nachhaltiges Bedürfnis des Massenpublikums gibt, in die Welt der Zwerge, Elben, Orks und Hobbits zu entfliehen. So oder so: Der Erfolg gibt Jackson Recht, das Franchise fortzuführen, aber keine Lizenz zum Langweilen.

Zum Glück ist im zweiten Teil einiges anders und vieles besser. Mit "Smaugs Einöde", der diese Woche weltweit startet, laufen Jackson und sein Team zu alter "Herr der Ringe"-Form auf. Und das liegt nicht nur an einer wohltuenden Stringenz der Handlung und viel beeindruckender Action, darunter eine atemberaubende Flussfahrt in Fässern mit angreifenden Orks - sondern vor allem an den aus der Not des Materialmangels geborenen Änderungen und Ergänzungen der Tolkien-Vorlage.

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"Hobbit"-Filmtrilogie: Mittelerde strahlt im Mittelteil
Gemeint ist vor allem die Elbin Tauriel (gespielt von "Lost"-Star Evangeline Lilly), die in keiner der Vorlagen Tolkiens auftaucht. Schon für den ersten "Hobbit"-Film hatte Jackson alle verfügbaren Annotationen und Fragmente aus dem Nachlass des britischen Fantasy-Schriftstellers geplündert, um Figuren, Schauplätze und Ereignisse zu ergänzen.

Auch in "Smaugs Einöde" gibt es solche Kniffe: Da taucht in der Elbenstadt im Wunderwald Mirkwood plötzlich der Elb Legolas (Orlando Bloom), bekannt aus der "Herr der Ringe"-Trilogie, wieder auf, von dem im "Hobbit" keine Rede ist. Und eben der ist in die besagte, sehr attraktive Bogenschützin Tauriel verliebt, die wiederum dem Zwerg Kili (Aidan Turner) schöne Augen macht. Skandal: Liebe und Erotik, so etwas findet bei Tolkien, wenn überhaupt, nur auf platonischster Ebene (oder zwischen Hobbit-Kumpels) statt. Aber ganz ehrlich: Es tut dem zuweilen streng nach Zwergenschweiß riechenden Plot sehr, sehr gut, wenn ab und zu auch mal eine ansehnliche Frauenfigur auftaucht, die noch dazu kompetent und gewitzt einen Teil der Action-Szenen bestreitet.

Faszinierend düstere Atmosphäre

Erzählt wird, natürlich, die fortgesetzte Reise der 13 Zwerge zum ehemaligen Zwergenreich Erebor, das bekanntlich vom juwelengeilen Drachen Smaug eingenommen wurde. Die Verwüstung, die das feuerspuckende Ungetüm in der Bergfestung und der davorliegenden Stadt Dale hinterlassen hat, heißt "Smaugs Einöde". Dorthin dringen die Zwerge unter Führung des Zauberers Gandalf (Ian McKellen) und begleitet vom Hobbit Bilbo Baggins (Martin Freeman) immer weiter vor, müssen sich jedoch zunächst durch einen Zauberwald voller aggressiver Spinnen kämpfen und sich aus der Gefangenschaft der Waldelben befreien, deren König Thranduil (maliziös: Lee Pace) kein Interesse daran hat, dem zwergischen Erbprinz Thorin (Richard Armitage) bei der Rückeroberung seines Königreichs zu helfen. Und natürlich hetzen ständig die Schergen des weißen Monster-Orks Azog hinter der Truppe her und versuchen zu vollenden, was im ersten Teil misslang: die Zwerge zu töten.

So entsteht eine faszinierend düstere Atmosphäre ständiger Bedrohung, die Jackson zusätzlich damit unterfüttert, dass er Gandalf parallel zum Auskundschaften des ominösen Necromancers schickt, der Ork-Truppen um sich schart: Etwas ultimativ Böses nimmt erneut Besitz von Mittelerde. Bilbo wiederum, der im ersten Teil noch fröhlich-tollpatschige Hobbit, hat mehr und mehr mit dem dunklen Einfluss des Rings zu kämpfen, den er Gollum abnahm. Geschickt werden hier Verweise und Fährten zur chronologisch später spielenden "Ringe"-Trilogie gelegt.

Im etwas ruhiger gehaltenen Mittelteil verschlägt es die Reisegruppe in die heruntergekommene Wasserstadt Laketown, einem Hybrid aus Dickens' London und Venedig, die von einem dekadenten Despoten regiert wird (Stephen Fry), der die Stadt in bitterer Armut hält. Der Widerstandskämpfer Bard (Luke Evans) gewährt den Zwergen Unterschlupf. Die ganze Szenerie, die nicht von Tolkien stammt, wirft ein durchaus sozialkritisches Auge auf die komplexe Gesellschaftsstruktur von Mittelerde: Ganz oben die aristokratischen, unsterblichen Elben mit ihrer Isolationshaltung, unten die erzkapitalistischen Zwerge mit ihrer Sehnsucht nach alter, durch Gold und Reichtum abgesicherte Größe, dazwischen die Menschenreiche, vorindustriell und prädemokratisch, aber zunehmend unzufrieden mit den feudalistischen Herrschern. Und, klar, die öko-bewussten Hippie-Hobbits aus dem Auenland gibt's auch noch.

Im Finale trifft dann Hobbit Bilbo, der für die Zwerge einen magischen Edelstein aus dem Meer aus Gold und Geschmeide im Inneren der Bergfestung bergen soll, auf den wie Onkel Dagobert im Geldspeicher schlummernden Drachen Smaug - ein furioses, aggressives, brillant animiertes Kinomonster. Gesprochen wird Smaug von Benedict Cumberbatch, der Holmes zu Martin Freemans Watson in der BBC-Serie "Sherlock", ein kurioses, amüsantes Aufeinandertreffen. So gerne man aber der distinguierten Stimme von Cumberbatch lauscht: Smaugs Machtdemonstrationen und Selbstbeweihräucherungen sind wortreiche Monologe, die die Sequenz unnötig in die Länge ziehen. Und die heißen Goldströme, mit denen Smaug letztlich gebändigt werden soll, erinnern eher an Disneys Zeichentrickklassiker als an hochmodernes Animationskino.

Aber das ist Nörgeln auf sehr hohem Niveau. Der abrupte Cliffhanger des durchweg spannenden Films, wie der Vorgänger in bestechend klarer, aber diesmal nicht so trennscharfer 48-Frame-Technik in 3D gedreht, entlässt einen in froher Erwartung des Trilogie-Endes, das Ende 2014 anlaufen soll. Das ist mehr, viel mehr, als man nach dem eher mühsamen ersten Teil erwarten konnte. Peter Jackson, das muss man ihm lassen, hat die Magie von Mittelerde erneut entfacht.



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