Von Daniel Sander
Über seine Zukunft versucht Inuk (Gaba Petersen) lieber nicht zu viel nachzudenken, das würde ihn nur noch depressiver machen. Für einen Teenager ohne Geld gibt es nicht viel zu tun in Grönlands Hauptstadt Nuuk. Er geht zur Schule, hängt mit seinen Freunden rum, und wann immer es geht, setzt er seine Kopfhörer auf und blendet unter HipHop-Klängen aus, was ihn zu Hause erwartet: eine traurige, arbeitslose Mutter; ein Kühlschrank voll mit Bier und frei von Nahrungsmitteln; ein Stiefvater, der ihn verprügelt, wenn Inuk es wagt, das wenige Geld doch mal für etwas zu essen auszugeben und nicht für noch mehr Alkohol.
Wenn er es nicht mehr aushält, haut er ab und sucht sich auf der Straße einen Unterschlupf. Als er nach einer Nacht in einem aufgebrochenen Auto völlig durchgefroren von der Polizei aufgegabelt wird, ist klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Inuk soll ins Heim. Hoch im Norden, in einem kleinen arktischen Ort, umschlossen von unendlicher Eiswüste. Die Heimleiterin glaubt, er könne dort zu seinen Wurzeln und sich selbst finden. Denn Inuk lebte schon als kleiner Junge in der Gegend, bevor sein Vater im Eis einbrach und für immer verschwand. Seine Mutter und er selbst protestieren nur milde gegen die Idee. Beide wissen, dass jede Perspektive besser ist als die jetzige.
Davon ist auch Regisseur Mike Magidson überzeugt. Das Kinderheim im ewigen Eis gibt es wirklich, und es hat den früheren Dokumentarfilmer Magidson dazu inspiriert, diesen schönen, kleinen Spielfilm über die Schrecken von Entwurzelung und den Wert von Tradition zu machen. Der allerdings noch deutlich schöner wäre, wenn einen nicht ständig eine Stimme aus dem Off daran erinnern würde, dass Entwurzelung wirklich sehr, sehr schrecklich und Tradition dagegen total wertvoll sei. Statt seine sympathischen Laiendarsteller und die traumhaften Bilder eines eisigen Paradieses für sich selbst sprechen zu lassen, lässt Magidson alles von der wohlmeinenden Heimleiterin (Rebekka Jørgensen) kommentieren, damit auch der letzte Zuschauer versteht, wie gut es die Kinder in der Einsamkeit haben. Wobei sie dann auch nicht ganz überzeugend erklären kann, warum es eine gute Idee sein soll, die Jugendlichen mit ein paar versoffenen Jägern auf eine gefährliche, tagelange Robbenjagd zu schicken.
Aber es bringt immerhin die Geschichte voran. Denn so lernt Inuk den unglücklichen Ikuma (Ole Jørgen Hammeken) kennen. Wie Inuks Vater einst ein stolzer Eisbärjäger, trauert Ikuma heute seiner schwindenden Treffsicherheit so sehr nach wie seinem Sohn, den seine Frau mitgenommen hat, als sie die Sauferei ihres Mannes nicht mehr ertragen konnte. Dass er einen prächtigen Vaterersatz für Inuk abgeben und gleichzeitig damit die eigenen Dämonen der Vergangenheit bewältigen könnte, würde man an dieser Stelle auch dann erraten, wenn es die Heimleiterin nicht vorsichtshalber noch einmal erklären würde.
Zum Glück wird sie im Laufe des Films etwas weniger geschwätzig, so dass man sich bald ganz auf den wahren Star konzentrieren kann: die unfassbare Schönheit des ewigen Eises. Wie eine vergessene Welt der Wunder lassen die Kameramänner Xavier Libermann und Frank Rabel die Arktis strahlen. In Bildern, die viel mehr erzählen, als es irgendein Off-Kommentar je könnte.
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