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"Der König von Narnia": Die rohe Botschaft

Von Daniel Haas

Läutet der Disney-Blockbuster "Der König von Narnia" eine Ära von Hollywood-Kreuzzügen gegen das Böse ein? So unkten bislang die Medien auf beiden Seiten des Atlantiks. Dabei ist das Fantasy-Spektakel ein recht heidnischer Mythenzoo - mit einer ultracoolen Trash-Queen an der Spitze.

Dieser Weihnachtsmann weiß, was Kinder wollen: Waffen. Pfeil und Bogen für Susan (Anna Popplewell), Schwert und Schild für Peter (William Moseley) und für die kleine Lucy (Georgie Henley) einen Dolch. So zu sehen in "Der König von Narnia", Disneys Winter-Blockbuster, der die Studiokassen ordentlich mit Mammon füllen soll. Als guter Christ kann man nicht früh genug wehrhaft werden, lautet die rohe Botschaft dieses embedded Nikolaus; dem Bösen lässt sich nicht nur mit Gebeten Paroli bieten. Schöne Bescherung.

Der Feind, gegen den die kleinen Helden zu Felde ziehen, ist die Weiße Hexe, eine heidnische Magierin, die in einem Schloss aus Eis residiert, Zwerge und Wölfe als Dienstboten hält und mit ihrem Zauberstab alles Lebendige zu ewiger Starre verdammen kann. Tilda Swinton spielt sie als frostige Domina, die selbst dann nicht auftaut, als sich das ganze Narnia-Reich für den Geist der Nächstenliebe erwärmt.

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"Die Chroniken von Narnia": Um Gottes Willen!

Kein Wunder: Wer in Outfits herumläuft, die Vivienne Westwood im LSD-Rausch nicht designen könnte, und ein Zuhause hat, gegen die die Neverland Ranch wirkt wie reinstes Bauhaus, der wird sich kaum mit einem schmerbäuchigen Hohoho! lachenden Alten arrangieren. Die Weiße Hexe ist eine kunstsinnige Trash-Queen, die die Welt in einen Skulpturenpark verwandeln will - die christliche Idee, wie sie ihr Erzfeind Aslan verkörpert, kann ihr gestohlen bleiben.

Aslan ist die allegorische Quersumme aus Daktari und Billy Graham, ein Superlöwe, der den Sturmtruppen des rechten Glaubens in der finalen Schlacht zum Sieg verhilft. Bevor es soweit ist, muss er das Passionsdrama absolvieren; dazu gehören Verratenwerden ebenso wie Selbstopferung und Auferstehung. Am Ende, nachdem das Hexenvolk vernichtet ist, werden die Kinder von ihm zu Königinnen und Königen gekrönt. Adams und Evas Söhne, wie die Menschen in Narnia genannt werden, haben sich den Weg zurück ins Paradies erkämpft.

Mythen in the Mix

Ist diese von Andrew Adamson ("Shrek") artig nach der Buchvorlage von C.S. Lewis abgefilmte Story wirklich nicht mehr als eine kitschige Neufassung der biblischen Heilsgeschichte? Ist sie lediglich die politisch korrekte, auf insgesamt sieben "Narnia"-Produktionen angelegte Abenteuersause, die dem "Herr der Ringe"-Bombast nacheifert und mit dem die Disney-Strategen den Segen jener Zielgruppe erheischen wollen, die sich seit Mel Gibsons "Passion Christi" als neue, ernst zu nehmende Größe am Markt etabliert hat: die konservativen Christen? Oder kursieren im Märchen des britischen Literaturprofessors vielleicht noch andere Erzählungen, die nicht ganz ins Konzept des Religionsunterricht-Blockbusters passen?

Tilda Swinton hat, sehr zur Beunruhigung gläubiger Lewis-Fans, in einem Interview betont, Narnia bestehe viel mehr aus antiken als aus biblischen Motiven. Tatsächlich ist Lewis' Fantasy-Tierpark ein großer Mythenzoo, in dem sich griechische Götterwelt und jüdisch-christliche Glaubensvorstellungen vermengen.

Da gibt es Zentauren und Satyre, Minotauren und Zyklopen - auf beiden Seiten der feindlichen Lager. Lewis wusste nur zu gut, dass die zentralen Texte der europäischen Kultur die Bibel und die griechischen Sagen sind. Auch wenn er selbst seine 1950 begonnene, sieben Bände umfassende "Narnia"-Reihe als "Taufe für die Imagination" bezeichnete, sind die Bücher weniger tendenziös, als christlichen Fundamentalisten recht sein kann.

Man muss nur den feinen Humor wahrnehmen, mit dem der Autor die ideologischen Fronten durchkreuzte. Wenn beispielsweise ein Faun zum besten Freund der kleinen Lucy wird, dann hat sich eine christliche Heldin mit einem dionysischen Gewährsmann verbunden. Und wie fragwürdig der ontologische Sonderstatus der Adamssöhne und Evastöchter ist, beweist ein Buch, das der Satyr zu Hause im Schrank stehen hat. Titel: "Ist der Mensch ein Mythos?"

Eiskalt Kunst machen

Oder die Weiße Hexe: In ihrer Coolness spiegeln sich nicht nur Skrupellosigkeit und Wille zur Macht, sondern auch das Kalkül des Künstlers, der seiner Umwelt die kalte Schulter zeigt, um sie artistisch aufbewahren - einfrieren - zu können. "Das Material muss kalt gehalten werden", schrieb Gottfried Benn, und wenn jemand diesem Gebot der modernen Ästhetik, dem Gestaltungswillen alle anderen Regungen unterzuordnen, entspricht, dann ist es Swintons Zaubervamp mit seinen kubistischen Frisuren.

So eine hat einen Magic Stick und keinen Penisneid, mag sich Aslan noch so sehr als lieber Gott aufspielen. Und ihren kleinen Ödipus, vorgestellt in Peters Bruder Edmund (Skandar Keynes), der sich schon zu Beginn lieber von Queen Mum mit türkischem Honig als mit Daddys militärischer Durchhalterhetorik füttern lässt, gibt sie auch nicht so schnell her. Da muss der Löwenking schon mit seiner ganzen Armee anrücken, um den verlorenen Sohn wieder ins Gesetz des Vaters einzugliedern.

Aus dieser Perspektive sind die mit viel digitalem Aufwand inszenierten "Chroniken von Narnia" weniger filmische Erbauungsfabel für Rechtgläubige als mit mythischen Allstars bevölkertes Psychodrama. Dass es - dank der Trickkiste der CGI-Animation - nicht nur gut aussieht, sondern auch gut ausgeht, ist Vorrecht des Märchens. Dass es sich streckenweise Ambivalenz gestattet, Zeichen für literarische Qualität.

Welcher Auslegung der Geschichte man den Vorzug gibt, spielt letztlich jedoch keine Rolle - Hauptsache, man gibt sich hin. Denn für die Kinobilder gilt dasselbe wie für die Religion: Wer's glaubt, wird selig.

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