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Schwulen-Film "Der Kreis": Ein Paar für die Geschichtsbücher

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Der Schweizer Oscar-Beitrag "Der Kreis" ist eine Hommage an das erste Schwulenpaar der Schweiz, das sich trauen ließ. Es setzt aber auch der Zeitschrift ein Denkmal, die nicht nur diese einmalige Liebesbeziehung möglich gemacht hat.

Als Ernst Ostertag zum ersten Mal den Mann sieht, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen wird, verwettet er 100 Franken darauf, dass es sich um eine Frau handelt. Denn ein Mann im Satinkleid mit blonder Lockenperücke und getuschten Wimpern? Im Zürich der Fünfzigerjahre ist das so undenkbar, dass Ostertag seiner Begeisterung für die vermeintliche Dame auf der Bühne nicht trauen mag.

Zum Glück ist die Schwulenszene der Stadt so überschaubar, dass Ostertag und Röbi Rapp, so heißt der Mann im Kleid, noch genügend Chancen bekommen, sich besser kennenzulernen. Schnell wird aus ihnen ein Paar - und vierzig Jahre später sogar eines von historischer Bedeutung: 2003 sind sie das erste gleichgeschlechtliche Paar der Schweiz, das sich trauen lässt.

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Erste Homo-Ehe in der Schweiz: Eine wahre Liebe
In einer Mischung aus Interviews mit den beiden Rentnern und nachgestellten Szenen erzählt der Schweizer Regisseur Stefan Haupt in "Der Kreis" die wahre Liebesgeschichte von Rapp und Ostertag nach. Es ist eine kleine Hommage an zwei Pioniere der Schwulenbewegung, die auf Festivals ausgezeichnet wurde (u.a. auf der Berlinale mit dem Teddy-Award und dem Panorama-Publikumspreis) und von der Schweiz als Oscar-Beitrag eingereicht wurde. Gleichzeitig ist es aber auch ein liebesvolles Denkmal für die Zeitschrift, die die beiden zusammengebracht und dem Film seinen Namen gegeben hat: "Der Kreis", erschienen von 1943 bis 1967 in Zürich, herausgegeben von Karl "Rolf" Meiser.

Neutraler Umschlag, kein Absender: So erreicht "Der Kreis" zu Hochzeiten seine rund 2000 Abonnenten im In- und Ausland. Homosexuelle Beziehungen stehen in der Schweiz - im Gegensatz zu Deutschland - zu dieser Zeit nicht unter Strafe. Dennoch haben die "Kreis"-Leser mit Repressionen zu rechnen - und die Zeitschriftenmacher müssen strenge Vorschriften einhalten. Aktdarstellungen sind nur bei Zeichnungen, nicht auf Fotos erlaubt, auch die dreisprachigen Texte sind der Zensur unterworfen. Weil die Beamten jedoch nur Französisch und Deutsch verstehen, geht es immerhin in den englischsprachigen Passagen vergleichsweise deftig zu.

Panorama schwuler Lebenswelten

Für den angehenden Lehrer Ernst Ostertag (in den historischen Szenen von Matthias Hungerbühler dargestellt) ist der Besuch in den düsteren Redaktionsräumen des "Kreises" der Eintritt in eine andere Welt. Nicht nur lernt er hier andere Schwule kennen, sie führen ihn auch in die Nachtclubszene Zürichs ein, die dank der relativ liberalen Schweizer Gesetzgebung zeitweise Publikum aus ganz Europa anzieht.

Der Regisseur und Co-Autor Haupt fächert ein Panorama schwuler Lebenswelten auf. Ostertag muss seine Homosexualität im Beruf geheim halten, weil sie seine Festanstellung gefährden könnte. Auch vor seinen Eltern verschweigt er die Beziehung zu Rapp. Der jüngere Röbi kann dagegen auf das volle Verständnis seiner Mutter (Marianne Sägebrecht) zählen, die ihm sogar seine Showkostüme näht. In ihrem Bekanntenkreis gibt es zudem linke Schwulenaktivisten und Männer, die ihren Ehefrauen von Kegelabenden vorlügen, während sie sich von Strichern bedienen lassen.

Eine Zeit lang scheinen diese individuellen Arrangements zu funktionieren. Doch dann kommt es zu mehreren Morden an Schwulen, die Polizei hetzt gegen die Szene und verbietet ihre Tanzveranstaltungen. Als ein Stricher, der seinen Kunden ermordet hat, freigesprochen wird, weil er Opfer von dessen perversen Neigungen geworden sei, müssen sich Rapp und Ostertag der unangenehmen Frage stellen: Welches Versteckspiel wollen sie, welches können sie angesichts dieser Eskalation noch aufrecht erhalten?

Dass die Liebesgeschichte von Rapp und Ostertag in einer historischen Hochzeit mündet, kann man als versöhnlichen Schlusspunkt hinter ein bewegtes Kapitel der Schweizer Schwulenbewegung sehen - ein rührendes Ende eines liebenswerten Films ist es allemal. Doch die romantische Verklärung der Ehe ist auch bezeichnend für die leichte Spießigkeit von "Der Kreis", der lieber zarte Annäherungen auf der Tanzfläche zeigt als die anschließenden brutalen Polizeiaktionen, bei denen schwulen Männern in der Öffentlichkeit die Hosen heruntergezogen wurden, um ihren Schambereich nach Filzläusen abzusuchen.

Der echte Ernst Ostertag hat erst nach dem Tod der Mutter, im Alter von 70 Jahren das Coming-out gegenüber seiner Familie gewagt. Die Geschichte, die "Der Kreis" erzählt, ist also gewissermaßen die Geschichte seines Lebens, die er seiner Familie die längste Zeit verschwiegen hat. Am besten versteht man den Film deshalb wohl als die Version von Ereignissen, wie sie Kinder ihren Eltern erzählen - leicht geglättet und bei allen unvorhersehbaren Entwicklungen doch keinen Grund zur Sorge bietend. Ist doch alles gut ausgegangen. Und das ist es bei Röbi und Ernst, die man in einer der letzten Einstellungen bei Tee und Apfelschnitzen sieht, ja nun wirklich.

Der Kreis

CH 2014

Buch und Regie: Stefan Haupt

Mit: Röbi Rapp, Ernst Ostertag, Matthias Hungerbühler, Sven Schelker, Anatole Taubmann, Antoine Monot Jr, Marianne Sägebrecht

Produktion: Constrast Film, Schweizer Radio und Fernsehen (SFR)

Verleih: Edition Salzgeber

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 23. Oktober 2014

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