"Der letzte König von Schottland" Showmaster der Gewalt

Unrecht hat viele Gesichter. Ein besonders faszinierendes gehört Forrest Whitaker. In Kevin Macdonalds Drama spielt er den ugandischen Diktator Idi Amin - und brilliert mit einem Porträt des Machtmenschen zwischen Wahnsinn und Glamour, Charme und Sadismus.

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Als Forrest Whitaker sich bei ihm bewarb, war der Regisseur Kevin Macdonald erst überrascht und dann skeptisch. Whitaker, der "gentle giant", wie er in Hollywood genannt wird, in der Rolle des ugandischen Diktators Idi Amin? Während dessen Regime schätzungsweise 300 000 Menschen ermordet wurden, der seiner untreuen Ehefrau die Glieder abhacken ließ, der die Köpfe seiner wichtigsten Feinde angeblich im Tiefkühler aufbewahrte?


Whitaker selbst hatte sich nie als einen Sanften gesehen, schließlich ist er im Ghetto von Los Angeles aufgewachsen. "Man kann Aggression und Wut nicht künstlich herstellen, da musst du schon in dich gehen und in den Ecken suchen", sagt der Darsteller.

Was auch immer er gefunden hat: Für die Rolle des Idi Amin in "Der letzte König von Schottland", der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft, bekam Whitaker den Oscar als bester Hauptdarsteller. Denn er zeigt den Diktator als die schillernde Figur, die er tatsächlich war: dumm und gerissen zugleich, humorvoll und eiskalt, idealistisch, narzisstisch, paranoid und gnadenlos grausam.

"Der letzte König von Scotland" basiert auf dem Roman des britischen Journalisten Giles Foden, der in Uganda aufwuchs; das Drehbuch geschrieben hat der Brite Peter Morgan, der auch für "The Queen" das Skript verfasste. Erzählt wird die Geschichte des fiktiven jungen schottischen Arztes Nicholas Garrigan (James McAvoy), der in Uganda als Entwicklungshelfer arbeiten möchte, um nicht in die Praxis seines Vaters einsteigen zu müssen.

Zufällig begegnet er Idi Amin, der sich bei einem Zusammenstoß seines Autos mit einer Kuh die Hand verstaucht hat. Carrigan kümmert sich um Amin, der kurz vor der Implosion zu stehen scheint. Unentwegt brüllt die schwer verletzte Kuh, bis Garrigan Amins Pistole nimmt und das Tier erschießt. Sofort richtet die Leibgarde die Waffen auf den Arzt. Doch erstaunlicherweise ist Amin beeindruckt und verpflichtet Garrigan als Leibarzt.

Das Leben im Palast stellt sich für Garrigan als die sehr gut erträgliche Leichtigkeit des Seins dar, mit Partys, einem schönen Haus und einem Mercedes-Cabrio. Sogar zum Berater Amins steigt Garrigan auf, weil er den Mut habe, wie Amin sagt, ihm zu widersprechen. Als Amin und Garrigan in einen Hinterhalt der Anhänger des von Amin gestürzten Obote geraten und nur knapp überleben, schlägt Amins Optimismus und Fröhlichkeit um in Hass und Paranoia. Bis Garrigan dies durchschaut, hat er sich längst zum Mitschuldigen gemacht.

Wie Whitaker die unberechenbaren Stimmungsumschwünge von Amin spielt, wie aus einem Lächeln Hass wird, aus Wut ein Lächeln oder wie aus einem undurchschaubaren Gesicht plötzlich ein lautes Lachen dröhnt, das ist wirklich atemberaubend und hat unbedingt den Oscar verdient. Doch auch McAvoy glänzt als der junge Arzt, der sich blenden und täuschen lässt und nicht wahrhaben will, dass er Teil des Systems ist und für Amin nur ein weißer Affe, ein Spielzeug.

Gedreht wurde "Der letzte König von Schottland" (so nannte Amin sich selbst) tatsächlich in Uganda. Was nicht heißt, dass es dort vorbei ist mit der Gewalt, vor allem im Norden des Landes wird immer wieder gekämpft – es sind die Folgen des Bürgerkrieges unter dem brutalen Regime von Amins Vorgänger und Nachfolger Obote, der bis 1986 an der Macht war.

Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Macdonald vorher nur Dokumentarfilme gedreht hat, dass "Der letzte König von Schottland" so authentisch wirkt. Nicht nur stimmen die wesentlichen historischen Daten, vor allem wird klar, warum Amin sich acht Jahre lang (1971-1979) an der Macht halten konnte: Er konnte charmant und lustig sein, er wusste, wen er belohnen und wem er schmeicheln musste; er war absolut skrupellos.

Dass die Engländer ihn anfangs gefördert haben (1961 wurde er zum Leutnant ernannt), wird im Film angedeutet. Hätten sie ihn für seine Kriegsgreuel bestraft, wäre Uganda viel erspart geblieben. Die Briten hatten ihn 1962 zur Entwaffnung Aufständischer losgeschickt. Amin ließt die Gefangenen ihre Penisse auf einen Tisch legen und hackte einen nach den anderen mit der Machete ab, bis einer schließlich das Waffenversteck preisgab. Andere ließ er lebend begraben.

Die britische Armee stellte ihn nicht vor das Kriegsgericht, denn das Land sollte gerade in die Unabhängigkeit entlassen werden. Man befürchtete, ein Prozess gegen Amin würde zu viel Unruhe schaffen. Zwei Jahre später wurde Amin stellvertretender Befehlshaber des Heeres und der Luftwaffe von Uganda.

Im August 2003 starb Amin in Saudi-Arabien, das ihm Exil gewährt hatte. Er hatte in einer Villa am Roten Meer gelebt, besaß einen Range Rover, einen Chevrolet Caprice und einen Cadillac. Gestorben ist er angeblich an den Folgen des guten Essens: Zuletzt wog der Diktator 220 Kilo.

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