"Der letzte Osmane" Die Bösen, das sind die anderen

Wie alt muss man sein, um einen nationalistischen Historienfilm als solchen entlarven zu können? Im Fall des türkischen Rambo-Abklatsches "Der letzte Osmane" wurde die Altersfreigabe von 18 auf 16 Jahre heruntergesetzt. Doch dass ändert nichts daran, dass der Film Fremde zu Feinden stilisiert.

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"Tal der Wölfe", der türkische Kriegsfilm mit Schauplatz Irak sorgte vergangenes Jahr für Diskussionen, weil ihm gefährliche nationalistische Tendenzen nachgesagt wurden: Er sei brachial nationalistisch, anti-amerikanisch und judenfeindlich. Dieses Jahr legt das türkische Kino nach und bringt erneut einen Film heraus, der Nationalismus schürt und sich aus der Feindschaft gegen andere nährt: "Der letzte Osmane" ist in gewisser Weise eine historische Version von "Tal der Wölfe". Hintergrund der Geschichte ist die Besatzung von Istanbul durch die Alliierten.

Der Film zeigt ein - den historischen Gegebenheiten entsprechendes - multikulturelles Istanbul. Die einzige "fremdländische" Figur jedoch, die in diesem Schmelztiegel der Nationen nicht zum Feind stilisiert wird, ist Nadja, die vollbusige russische Geliebte des Helden. Dagegen sind ausnahmslos alle anderen Ausländer entweder niederträchtige Hochstapler oder üble Halsabschneider. Die Griechen etwa, sind "Blutsauger", die bereit sind, das kranke Land am Bosporus für wenig Geld zu verkaufen.

Die britischen Besatzungstruppen kommen keineswegs besser weg: Im Film entwürdigen die anwesenden Engländer ("englische Bastarde") nicht nur bei jeder Gelegenheit wehrlose türkische Soldaten, sie zwingen einen osmanischen Aktivisten auch zur Kooperation, indem sie ihn mit dem Leben seiner kranken Tochter bedrohen. Armenier kommen im Kinostreifen erst gar nicht als Figuren vor, es wird jedoch abfällig über sie geredet.

Kein Wunder also, dass der Arbeitsausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) das Mindestalter für den tendenziösen osmanischen Historienfilm zunächst auf 18 Jahre festgesetzt hatte.

Klare Feindbilder - einseitige Darstellung

"Eine deutsche Allergie auf türkische Filme" titelte daraufhin prompt das türkische Boulevard-Blatt "Hürriyet", es fühlte sich schmerzlich erinnert an die ebenso hohe Altersbeschränkung für "Tal der Wölfe" im vergangenen Jahr. "Nur weil Yandim Ali einen deutschen Offizier ohrfeigt, darf man den Kindern nicht die Geschichte vorenthalten", hieß es in eigener Logik.

Doch so einfach ist es nicht: Die FKS hatte die mögliche Identifikation der jugendlichen Zuschauer mit dem Filmhelden als problematisch eingestuft. Und tatsächlich vereint die Figur Yandim Ali Machogehabe mit Gewaltbereitschaft, gepaart mit osmanischem Schnurrbart und Knarre.

Neben den blutigen Gewaltszenen sei aber vor allem die Frage diskutiert worden, ob die negative Darstellung "einzelner Nationalitäten und Volksgruppen, die nicht türkisch sind", "desorientierend" auf Jugendliche wirken, sagt FSK-Sprecherin Stephanie Homburger zu SPIEGEL ONLINE.

Weniger als eine Woche nach dem Kinostart wurde der Film dann trotzdem ab 16 Jahren freigegeben. "Bei 16- bis 18-Jährigen gehen die Prüfer von einer entwickelten Medienkompetenz aus", erklärt Homburger. Es bestehe, "anders als bei 'Tal der Wölfe', keine entsprechende Vermischung von fiktiven und realen Vorgängen" in der Filmstory.

Der Stoff, aus dem das türkische Kino ist

Dabei scheint gerade diese Vermischung der Stoff zu sein, aus dem das neue Türkische Kino gemacht wird.

Denn auch "Der letzte Osmane" besteht aus einem fiktiven und einem historischen Handlungsstrang: Zu einer Zeit, in der anscheinend alle türkischen Männer einen schwarzen Schnurrbart trugen, prügelt sich ein (fiktiver) ausgedienter und resignierter Marineoffizier durch die Straßen von Istanbul. Der Osmane Yandim Ali – angelehnt an die gleichnamige türkische Komikfigur – schert sich um nichts anderes als um Frauen, seine Ehre und die der türkischen Fahne.

Der Film schreibt das Jahr 1918, in dem tatsächlich der junge Offizier und zukünftige "Vater der Türken", Mustafa Kemal (später Atatürk), in Istanbul ankam. Beim Überqueren der Meerenge sieht Kemal die feindlichen Flotten der Alliierten und murmelt hellseherisch: "Sie werden dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind." Und schon hier ahnt der geübte Zuschauer, dass Yandim Ali und Atatürk gemeinsam das Vaterland aus feindlicher Hand befreien werden. Und: dass es blutig wird.

Mittlerweile scheinen moderne nationalistische Filme in der Türkei schon fast Tradition zu haben: Bereits 2001 wurde nach einer erfolgreichen Fernsehserie der gleichnamige Kinofilm "Boomerang Hölle" gedreht. Auch dieser Actionfilm zeigt mit einem fiktiven Helden die Sicht des Regisseurs Osman Sinav auf die "wahren Hintergründe der Terrors" in Ostanatolien. Und die ist – gelinde gesprochen – kurdenfeindlich.

Militarismus und Türkentum

2006 startete der Kinofilm "Tal der Wölfe", der ebenfalls mit einer realen, aber von vielen Türken als erniedrigend empfundenen Szene im Irak anfängt und mit der fiktiven, aber korrigierten Ehre des Türkentums aufhört. Er erntete großen Beifall bei Zuschauern und Politikern. "Solche Filme machen die in den USA doch am laufenden Band", winkte der türkische Außenminister Gül Kritik ab. Die neueste Staffel der gleichnamigen Fernsehserie beginnt gerade.

Und mit ebenso Schwindel erregendem Erfolg startete also dieses Jahr "Der letzte Osmane". Dessen letzter Satz zu seiner Geliebten lautet: "Es gibt etwas, das wichtiger ist als wir beide – das Vaterland". Musikalisch untermalt von einer türkischen Version von Conquest of Paradise.

Der Kulturkritiker Olkan Özyurt schrieb vor wenigen Tagen in der liberalen türkischen Zeitung "Radikal": "Was diese Filme gemeinsam haben, ist, dass sie die 15- bis 25-jährigen typischen Kinogänger erreichen sollen. Und die verherrlichen den Militarismus und das Türkentum." Özyurt konstatierte, dass das Türkische Kino, trotz der lauter werdenden Kritik in der Türkei, bewusst den wachsenden Nationalismus anheize.

Bereits in den ersten 10 Tagen erreichte "Der letzte Osmane" – der übrigens vom Türkischen Ministerium für Tourismus und Kultur gefördert wird – knapp 450.000 Zuschauer im Land. In Deutschland waren es in der ersten Woche rund 15.000 Kinobesucher. "Ein gutes Ergebnis", heißt es beim deutschen Filmverleiher Central, "wenn man die erfolgsbegrenzende Altersfreigabe bedenkt".



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