"Der letzte Zug" Erzählen gegen das Vergessen

Der Holocaust-Überlebende Artur Brauner produzierte das Drama "Der letzte Zug" über die Deportation deutscher Juden nach Auschwitz. Unter der Regie von Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová entstand ein bewegendes Testament mit den Mitteln des Erzählkinos.

Von Daniel Haas


Was singt einer auf einer Bühne, die der mit Kot und Blut befleckte Boden eines Güterwaggons ist? Welches Lied ist passend, wenn statt des Vorhangs ein Verschlag geöffnet wird und das Publikum aus mordlustigen Nazi-Schergen besteht? "Freude schöner Götterfunken" stimmt der jüdische Schauspieler (Hans Jürgen Silbermann) an; hingebungsvoll intoniert er Schillers berühmte Verse. Und wird abgeknallt wie ein Hund.


Die Szene spielt am Ende jener historisch verbürgten Reise, die der "Der letzte Zug" nachzeichnet. Die letzten 688 Juden wurden 1943 aus Berlin nach Auschwitz deportiert, die Aktion sollte ein Geburtstagsgeschenk für Hitler sein, der von einer "judenfreien" Hauptstadt träumte.

Die Menschheitsverbrüderungshymne, gesungen von einem vor Schmerz halb Wahnsinnigen, der sich bis zum Schluss weigert, die Hoffnung auf Rettung aufzugeben: ein Bild, das Kinogeschichte schreiben könnte. Weil es den deutschen Idealismus, mit all seinem humanistischen Schwärmertum, an jenem Ort aussetzt, wo das Menschliche aufhörte zu existieren. Und weil es die Kultur, selbst in ihrer höchsten Ausprägung, als wehrlos zeigt angesichts maßloser Gewalt.

Der deutsche Jude Artur Brauner ist ein Kulturschaffender, der überlebt hat und sich bis heute wehrt: gegen das Vergessen der Opfer, die sich namenlos im historischen Raum verlieren und denen er mit den Mitteln des Kinos eine Geschichte geben will. Bei der Premiere des Films am vergangenen Sonntag in Berlin sagte der Produzent, er lebe in zwei Welten, "heute und im Berlin von 1943". Und die Tatsache, dass er in der Nähe des Bahnhofs Grunewald wohne, dort, wo die Deportation begann, verstärke dieses Gefühl noch.

Allen, die den Holocaust abwickeln möchten, muss dieser Zeuge ein Dorn im Auge sein - auch deshalb, weil er aus seiner doppelten Zeitverbundenheit ein kreatives Credo abgeleitet hat, das Trauer mit Glaube, Entsetzen mit Hoffnung verbindet. Er müsse "die Opfer, die Gott nicht beachtete, die keine Gesichter haben, für immer unvergessen machen", sagte Brauner in Berlin.

Gott ist aus dieser Welt also nicht getilgt, er existiert als Abgewandter, dem das Kino assistieren muss - mit Filmdramen, in denen Schauspieler stellvertretend die Opfer sichtbar machen. In "Der letzte Zug" sind das unter anderem Gedeon Burkhard und Lale Yavas, Lena Beyerling, Juraj Kukura und Sibel Kekilli. Sie spielen eine Gruppe jener 688 Menschen, die 1943 Berlin in Richtung Auschwitz verließen. Sechs Tage lang dauert ihr Martyrium aus Hunger, Durst, Wahnsinn und Tod - eine Schöpfungsgeschichte des Leidens, an deren Ende kein Tag der Ruhe, keine Erlösung wartet.

"Fast immer steht am Anfang einer Erinnerungssequenz der Zug, der die Reise ins Unbekannte gekennzeichnet hat", schrieb der Holocaust-Überlebende Primo Levi in einem Essay, "nicht nur aus Gründen der Zeitabfolge, sondern auch wegen der sinnlosen Grausamkeit, mit der diese Güterzüge eingesetzt wurden". Joseph Vilsmaiers und Dana Vávrovás Inszenierung in sechs, immer von einem betenden Juden eingeleiteten Kapiteln hebt die Welt maßlosen Terrors im Medium der Reise aus der Taufe und hält sie genau dort an, wo alles Erzählerische versagen muss: vor den Toren von Auschwitz, einem Ort, der - auch dies ein Wort von Levi - "nicht nur grauenvoll, sondern darüber hinaus auch noch unentzifferbar" war.

Bis zu diesem Punkt aber können die Figuren Helden sein, und dies ist nicht naiv, sondern mutig, nicht romantisch, sondern realistisch. Jüdische Deutsche, die wie Henry und Lea Neumann (Burkhard und Yavas), ums Überleben ihrer Kinder kämpfen; die wie Albert Rosen (Roman Roth) ihre Mitgefangenen befreien wollen oder wie der Kabarettist Jakob Noschik (Silbermann) ihre Gefährten trösten - es wird sie genau so gegeben haben.

Das Erzählkino kann ihre Geschichten entwerfen als Szenarien der Tapferkeit und Mitmenschlichkeit, jener Tugenden, die in den Lagern nahezu unmöglich gemacht und planmäßig ausgemerzt wurden. Brauners Kino erzählt nicht gegen, sondern begleitend zu den Filmen Claude Lanzmanns und den Texten Primo Levys und Jean Amérys vom Leid der Juden; seine Dramaturgie beschwichtigt nicht, sondern ist agitatorisch mit den Mitteln der Fiktion.

Deshalb steht der wehrlose Sänger auch nicht am Ende dieser aufrüttelnden Reise. Es folgt ein Epilog, der zwei Gefangene des Todeszugs als Überlebende zeigt, in einem Camp von Widerstandskämpfern, die Flüchtlingen helfen. Und dann ein Blick aufs Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor. Die Geschichte ist nicht zu Ende, sagen diese Bilder, sie zeichnet unsere Gegenwart. Und sie erreicht uns - im Falle des "Letzten Zugs" - als erfundene Wahrheit.

"Brüder, überm Sternenzelt/ Muss ein lieber Vater wohnen", heißt es bei Schiller. Artur Brauner hilft, dass er und wir nicht vergessen.



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