"Der Liebeswunsch" Erdenschwere und Erotik

Ménage à quatre als kühle Versuchsanordnung: Torsten C. Fischers Roman-Adaption "Der Liebeswunsch", die heute im Kino anläuft, verlangt dem Zuschauer viel ab – belohnt aber mit einer exzellenten Jessica Schwarz und eindrücklichen Bildern.


Selbstvergessen tanzt die junge Frau im roten Bikini durch das Wohnzimmer der fremden Villa, während sich auf dem Plattenteller der wehmütige Siebziger-Jahre-Song "Time In A Bottle" dreht. Plötzlich steht ein steifer Herr im Anzug mit Blumen und Picknick-Korb in der Tür und formuliert gestelzt: "Wenn Sie erlauben, decke ich jetzt den Tisch."

Die seltsame Begegnung zwischen der Germanistikstudentin Anja (Jessica Schwarz), die vorübergehend Eigenheim und Garten eines verreisten Kölner Ärztepaars hütet, und dem Richter Leonhard (Tobias Moretti), einem fürsorglich vorbeischauenden Freund des Hauses, gehört zu den vielen irritierenden Momenten des Kinodramas "Der Liebeswunsch". Tatsächlich sind die attraktive Housesitterin und der deutlich ältere Jurist bereits wenige Filmminuten später verheiratet und haben einen kleinen Sohn – ohne dass der Zuschauer ihre Antwort auf seinen unvermittelten Antrag ("Könnten Sie sich vorstellen, meine Frau zu werden?") gehört hätte oder sie sich gar erklären könnte.

Dass die ungleiche Verbindung keine glückliche sein wird, ist indes bereits klar: Anja wird am Ende der Geschichte tot sein, so hat es die Pre-Title-Sequenz in einer erzählerischen Klammer gezeigt. Da erinnerte sich Arzt Jan (der dänische "Das Fest"-Star Ulrich Thomsen), gemeinsam mit seiner Medizinergattin Marlene (Barbara Auer) zunächst nur Arbeitgeber der Studentin, an seine Affäre mit ihr – während er ein tristes Hochhaus am Meer aufsucht, in dem sich Anja rücklings vom Balkongeländer gestürzt hat. In der Folge kann es also nur noch darum gehen, die Chronik dieses angekündigten Todes nachzuvollziehen; zu verstehen, warum die eigentlich so lebenshungrige Studentin Anja den Freitod wählte.

In der Vorwegnahme des tragischen Ausgangs folgt der von Torsten C. Fischer geschriebene und inszenierte Film akribisch seiner literarischen Vorlage, dem 2000 erschienenen gleichnamigen Roman von Dieter Wellershoff. Fischer setzt den gleichen erdenschweren Grundton und macht deutlich, dass es ihm genausowenig wie dem heute 81-jährigen Buchautor auf äußere Spannung ankommt, sondern auf die Durchdringung psychologischer Prozesse – ein so ambitioniertes wie gewagtes Unterfangen, erfordert es doch ein Interesse für die Figuren, das aus jenen selbst entspringt.

Der späte Kinodebütant Fischer (Jahrgang 1963), bisher mit gehobenen Fernsehstücken wie "Mr. & Mrs. Right" und "Katzenzungen" hervorgetreten, schlägt sich achtbar mit dem schwierigen Material – unterstützt von seinem exzellenten Hauptdarsteller-Quartett. Allen voran Jessica Schwarz, die im vergangenen Jahr bereits in der Theateradaption "Lulu" brillierte, untermauert ihren Ruf als eine der derzeit interessantesten Aktricen des Landes: Ohne Scheu vor Freizügigkeit, sich ganz in die Rolle der vom unbändigen Liebeswunsch Getriebenen hineingebend, verleiht sie dem Geschehen Aura und das wohl größtmögliche Maß an Authentizität.

Auch sie kann freilich nicht alle Klippen des Stoffs überspielen: Die sich entspinnende fatale Viererkonstellation – wie sich herausstellt, hintergeht Jan seinen Freund Leonhard nicht nur mit Anja, sondern hatte ihm einst schon Marlene ausgespannt – wirkt bisweilen so künstlich wie eine Versuchsanordnung. Das freigeistige Medizinerpaar, der verklemmte Jurist und die überschwängliche Lolita – wie das saturierte Milieu die arme Studentin zugleich anzieht und auffrisst, das hat etwas von Groschenroman, aber verbrämt mit pseudophilosophisch verquasten Dialogen.

Welche Motivation wen gerade umtreibt, bleibt oft nur zu erahnen. Als Jan nach einer knappen Filmstunde Anja fragt, warum sie Leonhard eigentlich geheiratet habe, vermag sie nur knapp zu antworten: "Weil ich mehr Angst davor hatte, nein zu sagen." Ähnlich schwer herzuleiten bleibt ihre auf einer von beiden Paaren gemeinsam unternommenen Urlaubsreise hervorbrechende Zuneigung zu Jan; irgendwie scheinen sich hier alle gegenseitig nur Projektionsflächen der eigenen Sehnsüchte zu machen. Gefühlswärme zwischen den Geschlechtern kommt im "Liebeswunsch" bezeichnenderweise kaum vor: Die Beziehungen erschöpfen sich in erotischer Anziehung und körperlicher Leidenschaft. Das macht den Film sehr kalt und die Identifikation mit seinem Personal nicht leichter.

Lediglich zwischen den Frauen entsteht so etwas wie menschliche Nähe – die allerdings den fortschreitenden Verfall Anjas, die sich zwischen den beiden Männern aufreibt und ihr Leid verstärkt mit Alkohol betäubt, nicht verhindern kann. Als die selbstvergessene Bikini-Tänzerin vom Beginn, die so sehr das große Gefühl suchte, ihren Liebeswunsch mit dem Leben bezahlt, haben sich die anderen Protagonisten längst wieder ihrem Alltag zugewandt. Glücklich kann nach 110 Filmminuten keiner von ihnen sein – und auch der Zuschauer nicht. Um einige einprägsame, entrückt-sentimentale Bilder aber ist er reicher.



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