"Der Manchurian-Kandidat" Washingtons Visionen

Amerika hat gewählt - und kein Wahlbetrug, keine Konspiration ist in Sicht. Verschwörungstheoretiker kommen dafür im Kino auf ihre Kosten: bei Jonathan Demmes beklemmendem Polit-Thriller "Der Manchurian-Kandidat" mit einem großartigen Denzel Washington in der Hauptrolle.

Von Daniel Haas


Szene aus "Der Manchurian Kandidat" (mit Denzel Washington): Das Böse in der eigenen Mitte
UIP

Szene aus "Der Manchurian Kandidat" (mit Denzel Washington): Das Böse in der eigenen Mitte

Die US-Wahlen sind gelaufen, der Präsident steht fest - buchstäblich. Solide verankert in einem eindeutigen Wahlerfolg geht Georg W. Bush in die nächste Amtszeit. Die Zahlen sprechen für sich und eine eindeutige Sprache. Dabei hatten beide Parteien tausende von Anwälten engagiert, um einen möglichen Wahlbetrug zu entlarven; die Verschwörung schien vorprogrammiert, und weltweit wurde eine schmutzige Schlacht um die Macht im Staat erwartet.

Auf das Böse programmiert

Wer enttäuscht war vom völligen Ausbleiben konspirativer Indizien beim Wahlausgang, darf sich jetzt auf Jonathan Demmes "Der Manchurian Kandidat" freuen. Was die konkrete Wirklichkeit an üblen Machenschaften schuldig blieb, kann im Remake von John Frankenheimers klassischem Thriller von 1962 besichtigt werden. Im Original kehrt Frank Sinatra als Major Ben Marco aus dem Korea-Krieg zurück, wird von Alpträumen geplagt und entdeckt, dass sowohl er, seine Kriegskameraden sowie die ganze Nation Opfer einer kommunistischen Verschwörung sind. Drahtzieherin des Bösen: die Senatorin Eleanor Shaw (Angela Lansbury), die sich als McCarthy-Parteigängerin ausgibt, letztlich aber an der Machtübernahme arbeitet und ihren Sohn (Laurence Harvey) mittels Gehirnwäsche zum Killer programmieren lässt.

Verschwörerin Shaw (Meryl Streep) mit Sohn Raymond (Liev Schreiber): Herrlich kaltschnäuzig
UIP

Verschwörerin Shaw (Meryl Streep) mit Sohn Raymond (Liev Schreiber): Herrlich kaltschnäuzig

In Demmes Version sind es nicht die politischen Extreme von totalitären Linken und extremen Rechten, die die liberale Mitte bedrohen, sondern angeblich moderate Demokraten und deren global operierende Sponsoren. "Manchurian" bezieht sich nicht wie im Original auf eine Region in China, sondern auf das gleichnamige Firmenkonsortium, das Shaw, diesmal gespielt von einer herrlich kaltschnäuzigen Meryl Streep, und ihr Projekt finanziert. Ziel des Komplotts: Sohn Raymond (Liev Schreiber), hier ein Golfkriegsveteran, mit einem Attentat zur Präsidentschaft zu verhelfen. Denzel Washington übernimmt Sinatras Part, ist jedoch weniger der selbstbewusste Ermittler, der Kennedys Amerika vorm Extremismus rettet, als ein Opfer von Folter und Krieg, das persönliche Erlösung sucht.

Mit der Rolle des Major Marco perfektioniert Washington eine Leinwandpersona, die schon in "John Q" und "Mann unter Feuer" angelegt war: die des modernen Jedermanns, an dessen privatem Leid sich die Gewalt gesellschaftlicher Strukturen abbildet. Der Unschuldige, der von mächtigen Drahtziehern instrumentalisiert, verraten und beinahe zerstört wird, passt ideal in dieses Rollenschema. Zudem ist die Verschwörung ein ideales Filmthema: Das Kino kann seine suggestiven Möglichkeiten der Andeutung, Verdichtung und Verunsicherung nutzen, um jene Spannung zu erzeugen, die aus der Häufung von Indizien bei gleichzeitiger Verrätselung entsteht. Demme nutzt die Logik der Konspiration, die den Helden um so verrückter erscheinen lässt, je näher er der Aufklärung des Falles kommt, und lässt Washington zwischen Hektik und Melancholie seinen einsamen Kampf ausfechten.

Corporate Terrorism

"Manchurian Kandidat" Washington: Der Unschuldige, von mächtigen Drahtziehern instrumentalisiert
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"Manchurian Kandidat" Washington: Der Unschuldige, von mächtigen Drahtziehern instrumentalisiert

Konspirationstheorien und ihre populärkulturellen Pendants in Film und Literatur haben seit den frühen neunziger Jahren wieder Konjunktur, und tatsächlich ist es der Terrorismus, der hier eine fragwürdige Kreativität in Gang gesetzt hat. Spätestens als 1993 eine Bombe im Keller des World Trade Centers detonierte, stieg terroristische Gewalt vom internationalen zum nationalen Problem Amerikas auf. Die Bedrohungen des "Evil Empire", der kommunistischen Welt, schienen während der Reagan-Jahre zwar allgegenwärtig, blieben aber immer grundsätzlich fern. Die auf den Terror bezogenen Konspirationsphantasien brachten den Gegenstand der Angst "nach Hause"; das Andere, das Böse war plötzlich in der eigenen Mitte zu Gange.

Demme wendet das Terrormotiv in eine Kapitalismus-Kritik: Es sind die global players, die mit Geld die Demokratie zerstören. Doch dies gelingt nur durch den moralischen Rigorismus einer politischen Klasse, der im Kampf um die "richtigen" Werte jedes Mittel recht ist. "Ich werde alles tun, um Amerika vor seinen Feinden zu beschützen", sagt Senatorin Hanson, und es ist diese Verklammerung von Ideologie und Ökonomie, von Wirtschaft, Politik und Moral, die den Manchurian-Kandidaten so bedrohlich macht.


Der Manchurian Kandidat ("The Manchurian Candidate")

USA 2004. Regie: Jonathan Demme. Drehbuch: Dean Georgaris, Daniel Pyne; Richard Condon, George Axelrod (Buch) Darsteller: Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Bruno Ganz. Produktion: Scott Rudin, Tina Sinatra. Verleih: UIP. Länge: 129 Minuten. Start: 11. November 2004



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