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Sci-Fi-Epos von Ridley Scott: Ein Leben auf dem Mars

Von Andreas Busche

"Der Marsianer": Pioniergeist auf dem roten Planeten Fotos
20th Century Fox

Was macht einer, der 60 Millionen Kilometer entfernt von zu Hause festsitzt? Er pflanzt Kartoffeln. In Ridley Scotts "Der Marsianer" spielt Matt Damon einen Astronauten, der allein auf dem roten Planeten um sein Überleben kämpft.

Der Titel "Der Marsianer" (im Original: The Martian) ist etwas irreführend, einen Marsbewohner spielt Matt Damon in Ridleys Scotts Weltraumepos nur im übertragenen Sinn - obwohl man ihm inzwischen sogar die Rolle als kleines grünes Männchen abnehmen würde. Treffender wäre der Titel "Robinson Crusoe auf dem Mars", aber den Film gibt es schon (USA 1964, Regie: Byron Haskin). Macht ja nix.

Damon jedenfalls scheint an der Rolle des isolationistischen Raumfahrers langsam Gefallen zu finden. In Christopher Nolans "Interstellar" hatte er einen Kurzauftritt als gestrandeter Astronaut, der auf einem Lichtjahre entfernten Eisplaneten dem (Größen-)Wahn verfällt. "Der Marsianer" liefert jetzt eine entschieden optimistischere Variante des uralten (amerikanischen) Traums von der Eroberung des Weltalls.

Vielleicht ist Scotts Film darum auch genau das richtige Stück Eskapismus für das US-amerikanische Volksempfinden: nicht philosophisch-verquast wie "Interstellar", weniger actionlastig als "Gravity". Stattdessen ganz praxisorientiert im Pioniergeist des amerikanischen Western, wobei Scott die Idee eines neuen Weltraum-Kolonialismus sehr schnell ironisch verwirft. Es wird keine US-Flagge auf dem Mars gehisst, da war der Wahl-Amerikaner - man erinnere sich an "Black Hawk Down" - schon mal ganz anders drauf.

Nur einmal, als die Rettungsmission vor den Augen der Weltöffentlichkeit auf ihren Showdown zusteuert, werden auf dem Time Square verzagt Plastikfähnchen in die Kamera gehalten. Um eine patriotische Einschwörung geht es Scott also nicht, auch wenn sein Film für die Nasa ähnliches leisten könnte, was vor 30 Jahre "Top Gun" (von seinem Bruder Tony) für die US Air Force getan hat. Matt Damon als Gesicht des neuen US-Weltraumprogramms? Mars is the limit.

Im Video: Der Trailer zu "Der Marsianer - Rettet Mark Watney"

20th Century Fox
Damon spielt in "Der Marsianer" den Space-Botaniker Mark Watney, der auf einer Mars-Mission von seiner Crew (u.a. Jessica Chastain, Michael Peña und Kate Mara) - in dem Glauben, er sei bei einem Sturm ums Leben gekommen - auf dem roten Planeten zurückgelassen wurde. Nachdem Watney sich in der Raumstation notdürftig medizinisch versorgt hat (seit Noomi Rapaces vollcomputerisierter Abtreibung in "Prometheus" hat Scott eine perverse Lust an schmerzhafter "Auto-Chirurgie" entdeckt), fasst er seine Überlebenschancen 60 Millionen Kilometer von der Erde entfernt pragmatisch zusammen: "I have to science the shit out of this". Die deutsche Übersetzung "Ich muss mich mithilfe der Wissenschaft aus der Scheiße ziehen" klingt da vergleichsweise prosaisch.

Das mit der Scheiße ist übrigens ganz wörtlich zu verstehen: Aus Mars-Geröll und dem Inhalt der Raumstation-Kloake mischt sich Watney einen Nährboden zusammen, auf dem er - in einem zum Treibhaus umfunktionierten Forschungslabor - seine eigenen Nahrungsmittel anbaut. Die Mars-Diät des astronaut farmer besteht aus Kartoffeln mit Ketchup, Nahrung für 900 Tage. Derweil nimmt Watney mithilfe der Pathfinder-Sonde Kontakt zur Erde auf.

Scott legt in seiner Inszenierung großen Wert auf Realismus, das heißt: eine quasi-wissenschaftliche Grundierung der Geschichte. Wie die Romanvorlage von Andy Weir entwickelt der Film eine nerdige Faszination für den ungebrochenen Optimismus Watneys, der die Zuschauer über ein Video-Logbuch an seinen Überlebensplänen teilhaben lässt. Obwohl das erzählerische Stilmittel der Durchbrechung der vierten Wand reichlich abgegriffen ist, funktioniert es dank Damons All-American-Boy-Charme überraschend gut. Man kann sich vorstellen, dass Watney viel lieber mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher sitzen würde.

Technisches Update einer klassischen Robinsonade

So wirkt "Der Marsianer" mit seinem detailverliebten Techie-Retro-Look auf sympathische Weise altmodisch, was vielleicht auch an Damons Raumanzug liegt, der an Buzz Lightyear erinnert. Watney reaktiviert das Topos des amerikanischen Pioniers, der in diesem Fall den kalten Marsboden bestellt. Seine größten Gefahren sind nicht Gesetzlose oder Indigene (beziehungsweise Außerirdische), sondern klimatische Phänomene wie Stürme (tatsächlich eher unrealistisch), die dünne Mars-Atmosphäre und Nahrungsmittelknappheit.

Die Science-Fiction fungiert hier vor allem als technisches Update einer klassischen Robinsonade, eine Mischung aus Ron Howards "Apollo 13" und Robert Zemeckis' "Cast Away - Verschollen". Statt aber wie Tom Hanks Freundschaft mit einem Volleyball zu schließen, packt Damon zu. Den Botaniker als Weltraumhelden gab es zuletzt 1972 in Douglas Trumbulls Öko-Science-Fiction "Lautlos im Weltraum".

Aus dramaturgischen Erwägungen erzählt "Der Marsianer" die Rettung des Mark Watney als Parallelmontage. Während Damon auf dem Mars mit technischen Widrigkeiten zu kämpfen hat (Risse im Helm werden mit Tape verklebt), organisieren im Nasa-Hauptquartier Jeff Daniels, Kristen Wiig und Chiwetel Ejiofor eine Rettungsmission. Scott hat in einem Interview kürzlich staatstragend erklärt, dass "Der Marsianer" davon handelt, wie Menschen ihre Kräfte vereinen, um einem anderen Menschen zu helfen.

Der Film setzt diese Botschaft konsequent um: Weil das amerikanische Raumfahrtprogramm veraltet ist, bietet ausgerechnet die chinesische Regierung mit ihrer hochentwickelten Raketentechnologie ihre Hilfe an. Das Ende ist Völkerverständigung als schöne Perry-Rhodan-Utopie.

Der Marsianer - Rettet Mark Watney

USA 2015

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Drew Goddard nach dem Roman von Andy Weir

Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wiig, Jeff Daniel, Michael Peña, Sean Bean, Kate Mara, Sebastian Stan

Produktion: 20th Century Fox, Genre Films

Verleih: Fox Deutschland

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 8. Oktober 2015

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insgesamt 70 Beiträge
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    Seite 1    
1. geht´s auch ne Nummer kleiner?
GSYBE 06.10.2015
"..obwohl man ihm inzwischen sogar die Rolle als kleines grünes Männchen abnehmen würde", "...isolationistischen Raumfahrers", "...Eskapismus für das US-amerikanische Volksempfinden", "...Scott hat in einem Interview kürzlich staatstragend erklärt", etc, etc... Ich bin zu alt, zu eigenbrötlerisch oder einfach nur zu dumm: mir geht dieses pseudo-intellektuelle neo-akademische Geschwurbel langsam auf den Senkel.
2.
pauschaltourist 06.10.2015
Wie sehr sehne ich den Tag herbei, setzt sich der Stoiker Matt Damon, der Till Schweiger Hollywoods, zur Ruhe und belästigt unbedarfte Kinogänger nicht mehr mit seinem schauspielerischen Untalent...
3. freue mich auf den Film
WwdW 06.10.2015
Ich mag solche Filme.
4. Danke für die Inhaltsangabe
moepmoepmoep 06.10.2015
Was ist das denn für eine Sitte die gesamte Handlung bereits vor Film-Erstausstrahlung rauszuposaunen? Ich habe zwar bereits das Buch gelesen, aber für andere ist das sicherlich sehr ärgerlich. Sie hätten es zumindest kenntlich machen können, dass der Artikel vor Spoilern nur so strotzt!
5. Wie schön
chuckal 06.10.2015
, dass man in Kino-Kritiken auf Spon immer schon das Ende erfährt. Auch wenn es bei einem solchen Film nicht weiter überrascht, dass es wohl ein Happyend gibt.
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