Noir-Film "Sag nicht, wer du bist!" Psychos auf dem Land

Im Thriller "Sag nicht, wer du bist!" wird ein junger Mann in einen Strudel aus Gewalt und emotionaler Abhängigkeit gerissen. Shooting-Star Xavier Dolan versucht, seinen Hang zum Exzess abzuschalten. Zum Glück gelingt ihm das nicht ganz.

Von Daniel Sander


Für jeden Künstler oder kreativen Menschen mit Selbstzweifeln, kreativer Blockade oder mäßiger Beschäftigungssituation ist Xavier Dolan ein menschgewordener Albtraum, eine ständige Erinnerung an die eigene Unzulänglichkeit. Andere brauchen ein Leben lang, um ein einziges Buch zu veröffentlichen, das niemand bespricht; den einen Film in die Kinos zu bringen, den niemand sehen will; das eine Bild auszustellen, das niemand kauft.

Dolan dagegen ist 25 Jahre alt, und "Sag nicht, wer du bist!" ist sein vierter Film. Wie die drei vorigen wurde er von der internationalen Kritik sofort nach der Premiere als Werk eines Genies gefeiert und in die ganze Welt verkauft. Im Gegensatz zu den anderen wurde er beim Filmfestival in Venedig vorgestellt, nicht in Cannes - wie es heißt, weil Dolan erbost war, dass sein dritter Film "Laurence Anyways" trotz offensichtlicher Brillanz dort wieder nur in der Nebenreihe gezeigt worden war.

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Noir-Film "Sag nicht, wer du bist!": Spektakel in minimalistisch
Mittlerweile ist aber wieder alles gut - es gibt ja schon einen fünften Film, "Mommy", und den haben sie in Cannes brav im offiziellen Wettbewerb präsentiert und auch gleich mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Wobei Dolan nicht glücklich darüber gewesen sein soll, dass er sich den Preis mit Jean-Luc Godard teilen musste. Er wird jedenfalls seitdem nicht müde zu betonen, dass er von dem ja noch nie viel gehalten habe.

Nein, Dolan ist kein liebenswerter Wonneproppen. Aber bevor man ihn wirklich hassen könnte, müsste er erst mal einen schlechten Film machen, und da weigert er sich beharrlich. "Sag nicht, wer du bist!" war laut Selbstauskunft nur als kleine Fingerübung gedacht, um sich vom Megaprojekt "Laurence Anyways" zu erholen. Ein kleiner Film für wenig Geld, in 17 Tagen gedreht, mit dem er eigentlich nur beweisen wollte, dass er auch ganz reduziert arbeiten kann - frei vom Exzess der Farben, Musik und filmischen Mittel seiner anderen Filme, seiner Markenzeichen. Einen Genrefilm dazu, einen klassischen Noir-Thriller wollte er einfach mal ausprobieren.

Hitchcock trifft Bergman

Hat natürlich super geklappt. "Sag nicht, wer du bist!" (Originaltitel "Tom à la ferme") ist ein cleverer kleiner Psycho-Thriller, in dem an jeder Ecke Gefahr zu lauern scheint, ohne dass der diese konkrete Gefahr immer genau benennen würde. Hauptopfer ist der junge Werbemensch Tom (gespielt von Dolan selbst - wie immer hat er auch noch Drehbuch, Kostüme, Schnitt und Produktion übernommen), der aus Montreal zur Beerdigung seines tödlich verunglückten Partners aufs Land reist und von dessen Mutter Agathe (Lise Roy) und dem brutalen Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal) sofort in den kranken Familienalltag integriert und später mehr oder weniger als Geisel genommen wird. Wobei die Mutter auf keinen Fall erfahren darf, dass ihr Sohn schwul war, sonst gibt's Schläge oder Schlimmeres von Francis ("Der Mais ist im Oktober messerscharf...").

Dass Tom nicht die mehrfach gebotene Möglichkeit zur Flucht nutzt, lässt sich zwar, nicht ganz glaubhaft, nur mit Stockholm-Syndrom, der unbestimmten animalischen Anziehungskraft von Francis und der verzweifelten Sehnsucht eines vereinsamten Großstädters nach ländlicher Familienidylle erklären. Macht das Ganze aber auch nicht weniger spannend. "Sag nicht, wer du bist!" funktioniert als offensichtliche "Psycho"-Hommage (Dolan behauptet natürlich, er habe noch nie einen Film von diesem Hitchcock gesehen) genauso gut wie als klaustrophobisches Ingmar-Bergman-Kammerspiel.

Und ganz kann Dolan seinen Exzess-Drang zum Glück auch nicht ausschalten. Es gibt zwar diesmal wirklich keine ultrabunten und mit ironischen Pop-Songs unterlegten Zeitlupen-Fantastereien, aber hin und wieder brechen die Farben und der Wahnsinn dann doch aus der finsteren Dunkelwelt heraus - etwa wenn Tom eine in satteste Neonlichter getunkte Provinzbar mit Hipster-Einrichtung besucht oder auf Koks in einer leeren Scheune mit Francis Tango tanzt.

Hilft also alles nichts. Muss man gesehen haben.


Filmangaben:
Sag nicht, wer du bist! Start: 21.8. Regie: Xavier Dolan. Mit Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal, Lise Roy.



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