"Der Ornithologe" von Joao Pedro Rodrigues Für jede Verlockung zu haben

Was ist richtig und falsch, natürlich und künstlich, normal und pervers? In "Der Ornithologe", in dem sich ein Mann in der Wildnis verliert, ist bald nichts mehr sicher, aber alles möglich.

Edition Salzgeber

Weil Menschen keine Federn wachsen, sind sie in der Natur schon mal nackt. Einsam treibt Fernando, der titelgebende Vogelkundler, durch portugiesische Wälder, begibt sich in Tarnjacke auf die Pirsch, schwimmt unbekleidet im ruhigen Fluss, wähnt sich alleine mit Fauna und Flora.

Es sind die ersten Bilder von "Der Ornithologe", einem Film der nur so strotzt vor seltsamen Geheimnissen und komischen Offenbarungen, und schon sie legen einen riesigen Assoziationsraum frei. Von Wildnis und Abenteuern, von Mensch und Natur, von physischer Kraft und physikalischer Übermacht. Tatsächlich wird schon bald diese Natur Fernando verschlucken und wieder ausspucken, ihn herausfordern und verwandeln. Und doch hat "Der Ornithologe" mit einem Wildnisabenteuer oder einer Rückkehr-in-die Natur-Romantik à la Sean Penns "Into the Wild" kaum etwas gemein.

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"Der Ornithologe": Hinter der phallischen Maske

Mit Gegensätzen hält sich Regisseur João Pedro Rodrigues ohnehin nicht lange auf. Stattdessen setzt er alles daran, die Grundfeste unserer Gesellschaft aufzulösen, nach derer es so etwas wie richtig und falsch, natürlich und künstlich, normal und pervers gibt. "Der Ornithologe" durchweht der Geist einer freieren Logik.

Das beginnt bei Mensch und Natur: Denn Fernando hat kein urwüchsiges Verhältnis zu dieser Landschaft, es ist für ihn keine Abkehr von der Kultur mit seiner Reise in die Wildnis verbunden. Schauspieler Paul Hamy, der den Fernando mit seinem großen, muskulösen Körper ausstattet, schreibt in seine Bewegungen und Blicke immer schon seine kulturelle Prägung ein, selbstbewusst und ohne jede Absicht, diese aufzugeben. Er ist ganz offensichtlich der von außen kommende, aus der heutigen Lebens- und Medienwirklichkeit stammende Mensch, der sich neugierig den Verlockungen eines mysteriösen Umfelds hingibt. Wozu Sex mit einem gehörlosen Fremden ebenso gehört wie der Urinstrahl eines Verkleideten. (Dazu später mehr.)

Plötzlich Fetisch

Rodrigues hat großen Spaß an der Vermischung verschiedener Ebenen und der Verunsicherung seiner erzählerischen Dynamik. Zivilisation und Wildnis begreift er als zwei Vorstellungswelten, die ganz grundsätzlich aufeinander bezogen sind, und nutzt diese Verschränkung, um Suspense und Drama entstehen zu lassen. So nimmt die Geschichte schnell ihren eigentümlichen Lauf: Fernando hat einen Unfall, verliert die meisten seiner Klamotten, die Pillen, die er regelmäßig nehmen muss und vielleicht langsam auch den Verstand.

"Der Ornithologe" wird von zwei Begehren vorangetrieben: Einerseits steht Fernandos Wunsch im Vordergrund, sich wieder komplett zu bekleiden. Andererseits geht es um homoerotische bis homosexuelle Fantasien und Fetische, die sich für Fernando nach und nach realisieren. Dabei beschränken sich die Fetische nicht nur auf ihn: Zwei junge katholische Chinesinnen spielen eine wichtige Rolle, die eine leckt der anderen genüsslich das blutende Knie, später fesseln sie Fernando und bieten seinen verschnürten Körper dem hellen Mondscheinlicht dar.


"Der Ornithologe"
Originaltitel: "O Ornitólogo"
Portugal, Frankreich, Brasilien 2016
Regie: Joao Pedro Rodrigues
Drehbuch: João Rui Guerra da Mata
Darsteller: Paul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues, Han Wen, Chan Suan, Juliane Elting, Flora Bulcao, Isabelle Puntel
Verleih: Edition Salzgeber
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 13. Juli 2017


Doch damit nicht genug: Diese zwei profanen Begehren, das nach Kleidung für den Mann in der Wildnis und das nach der Auflösung erotischer Spannungen, treffen auf eine Schar an mythischen und sakralen Symbolen. In diesem Wald scheinen rituelle Zeremonien gefeiert zu werden, und die Zeichen deuten darauf, dass sich in diesen Zeremonien dagegen aufgelehnt wird, in welchen engen Bahnen sich die moderne menschliche Realität bewegt.

Das klingt abstrakter, als es ist: Der Film nimmt nämlich immer öfter den Blickwinkel einer weißen Taube ein, guckt herab auf das Geschehen, die Ränder des Bildes verschwommen, in der Mitte ein Lichtkegel. Und die weiße Taube verfolgt Fernando, bis er plötzlich nicht mehr wie Paul Hamy aussieht, sondern wie der Regisseur João Pedro Rodrigues. Fernando wird zu Antonius von Padua. In diesem Film steckt nämlich auch ein Biopic des Heiligen mit dem innigen Verhältnis zu Tieren.

Vielleicht klingt es albern, was "Der Ornithologe" für unterschiedliche Motive und Handlungen in sich aufsaugt. Die ästhetischen Parameter aber sorgen just dafür, dass das alles nicht nur eins wird, sondern sich daraus auch eine transformative Wirkung entfaltet. Wenn in der Nacht ein paar junge Männer in absurden Vogelkostümen um ein Lagerfeuer herumspringen, bis einer pinkeln muss, und dieser seine Blase just auf den im Gebüsch versteckten Fernando entleert, dann ist es nicht komisch oder bizarr, dass sich Fernando nach einer Weile in den Strahl hineindreht, um ihn besser auszukosten.

Kameramann Rui Poças, der Filme wie den fantastischen "Tabu" von Miguel Gomes und unter anderem die früheren Arbeiten von Rodrigues "O Fantasma" und "To Die Like a Man" fotografierte, hat mit seinen traumwandlerischen und doch berstend klaren Bildern einen großen Anteil daran, dass sich "Der Ornithologe" in einem solchen ethischen und erzählerischen Zwischenraum bewegt und halten kann. Rodrigues entwirft eine Welt, die gleichzeitig unmittelbar da ist, und sich doch nicht an allzu viele irdische Regeln zu halten braucht.

Und plötzlich sagt ein Junge, der aussieht wie ein anderer, und gerade noch eine Maske mit langer phallischen Nase trug: "Ich würde mein Leben geben, damit Jesus wiederaufersteht." In diesem Moment, in diesem Film, scheint nichts naheliegender.

Im Video: Der Trailer zu "Der Ornithologe"

Edition Salzgeber
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