"Der Patriot" Sterben für den quer gestreiften Stofflappen

Amerikanischer als die Amerikaner: Roland Emmerichs Revolutionsspektakel "Der Patriot" hat kaum mehr zu bieten als verkitschten Pseudorealismus und blinde Heldenverehrung.

Von Manfred Müller


Nationale Ehre trifft ritterliches Recht: Mel Gibson als "Der Patriot"
Columbia TriStar

Nationale Ehre trifft ritterliches Recht: Mel Gibson als "Der Patriot"

Ein deutscher Regisseur verfilmt mit einem Australier in der Hauptrolle den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Es lebe die Internationale der Filmwirtschaft. Der freie Weltmarkt wird uns vom engstirnigem Chauvinismus befreien, lassen wir ihn also in unseren Kinos noch einmal tüchtig hochleben. Bringt doch schon der Titel mit dankenswerter Deutlichkeit zum Ausdruck, dass es nicht um eine Geschichtsstunde, sondern um einen überdimensionalen Starschnitt geht.

Mel Gibson - "Der Patriot" - ist Benjamin Martin, ein Kriegsveteran aus den Kämpfen gegen Franzosen und Indianer. Aus dem militärischen Konflikt mit der englischen Kolonialmacht zum Ende des 18. Jahrhunderts will er sich heraushalten. Er bewirtschaftet eine Baumwollplantage in South Carolina. Als Witwer hat er sieben Kinder zu versorgen, da heißt es, den patriotischen Überschwang seiner Jugend im Zaum zu halten. Fürs Erste jedenfalls.

Als der englische Colonel Tavington (Jason Isaacs) Martins Anwesen niederbrennen lässt und einen seiner Söhne erschießt, ist es mit der Neutralität vorbei, und der Film nähert sich seinem eigentlichen Zweck. Das Publikum soll Blut sehen und für 160 Minuten in Pulverdampf schwelgen. Auftreffende Vorderladerkugeln in Naheinstellung, spritzende Blutfontänen, versprengte Gliedmaßen nach Kanoneneinschlägen. Es wird mal wieder für eine gute Sache gestorben, die Roland Emmerich allerdings mit dem Sternenfeld auf einem quer gestreiften Stofflappen für hinlänglich definiert hält. Die Frage nach dem historischen Hintergrund flattert fröhlich an der Fahnenstange, und ob ein Krieg gerecht ist, wird heute sowieso erst an der Kinokasse entschieden.

Stattdessen beschäftigt uns Emmerich in saumseliger Ausführlichkeit mit dem Konflikt zwischen selbstsüchtiger Rache und den ideellen Kriegszielen seines "Patrioten". Martins blutwütige Vergeltungssucht wird nach einem ersten furiosen Ausbruch schnell einem geordneten militärischen Befehl unterstellt. Das persönliche Motiv wird eilfertig relativiert, obwohl doch jeder weiß, dass im Showdown die nationale Ehre und das ritterliche Recht auf Satisfaktion noch immer salomonisch zusammengefunden haben.

Ausdrucksloser Blick: Gibson
Columbia Tri-Star

Ausdrucksloser Blick: Gibson

Den glühenden Patriotismus zu hinterfragen, mit dem sich der zugereiste Emmerich seiner Wahlheimat an die Brust wirft, dürfte eher zu einem Psychogramm des Regisseurs, als zu einer Bewertung seines Films führen. Aber mit Recht hat der afroamerikanische Regisseur Spike Lee die geschichtsklitternden Vereinfachungen des Films angeprangert, die geradezu zynisch-naive Handhabung der Rassenproblematik. Schwarz und Weiß verbrüdern sich auf einer multikulturellen Party, ein Alibi-Schwarzer in Martins Reihen darf von den Freiheitswerten einer neuen Nation schwärmen, in der er und seinesgleichen, wie man weiß, auch über 200 Jahre später noch diskriminiert werden.

Auch darf man nicht übersehen, dass die Heldenverehrung hier einem veritablen Kriegsverbrecher gilt. Aber es ist gar nicht erst der ideologische Vorbehalt, der den Film so fade und fadenscheinig macht. Emmerich findet zu keiner durchgängigen Bildsprache für die Geschichte des "Private Ryan"-Autors Robert Rodat. Er schwankt zwischen derbem Realismus und Postkartenkitsch. Auch lässt er wenig Talent zur Schauspielführung erkennen. Mel Gibson agiert, als müsse er ständig für den ausdruckslosen Blick auf dem Kinoplakat posieren. Keine Figur, die einem Charakter nahe kommt. Alle sind steif und leblos wie die Zinnsoldaten von Martins Sohn, die der Vater mit schweigendem Pathos zu Gewehrkugeln einschmilzt.

Benjamin Martin ist dem Revolutionshelden Francis Marion nachempfunden, dem "Swamp Fox", der den Krieg von der offenen Feldschlacht in die unwegsamen Sümpfe South Carolinas verlagerte und die bornierte britische Generalität mit dieser unsportlichen Art der Kriegführung in arge Verlegenheit brachte. Emmerich nutzt die veränderte Topografie allein, um den besinnungslosen Nationalismus der Geschichte mit einer schwülstigen Lederstrumpfromantik zu überziehen. Weil sich der Film ansonsten mit geschichtlichen Details zurückhalte, werde er als Kriegsfilm noch exemplarischer, vermerkt Emmerich zu seinem Werk. Ein löbliches Ziel. Aber mit diesem stillosen Kitsch hat er das Gegenteil erreicht.

"Der Patriot" ("The Patriot"). USA 2000; Regie: Roland Emmerich; Buch: Robert Rodat; Darsteller: Mel Gibson, Heath Ledger, Joely Richardson, Jason Isaac; Länge: 159 Minuten; Verleih: Columbia; Start: 3. August 2000



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