Das außergewöhnliche Leben des Michal Waszýnski Flucht ins Rampenlicht

Der Film der Woche: Mit dem Leben des gefeierten Filmproduzenten Michal Waszýnski zeichnet die Doku "Der Prinz und der Dybbuk" eine der verblüffendsten Biografien des 20. Jahrhunderts nach.

Edition Salzgeber

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Da, inmitten einer Szene von "Die barfüßige Gräfin" von 1954 sieht man ihn, den Flüchtling. Tut seinem Kumpel, dem Oscar-Preisträger Joseph L. Mankiewicz, einen Gefallen und spielt als Komparse in dessen neuestem Film mit. Trägt einen roten Pullover, hat lässig eine Zigarette im Mundwinkel hängen und kloppt Karten, während vor seinen Augen die tragische Liebe von Playboy Alberto und Tänzerin Maria ihren Lauf nimmt.

Natürlich, gemeinhin würde man jemanden wie Michal Waszýnski nicht als Flüchtling bezeichnen. Der Pole hat als Regisseur über 40 Filme gedreht und als Produzent Oscar-nominierte Werke wie "El Cid" oder "Der Fall des römischen Reiches" verantwortet. Als er 1965 stirbt, wird er unter großem Aufsehen in Rom in der Familiengruft der adligen Familie Dickmann bestattet.

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"Der Prinz und der Dybbuk": Verfolgt von einem Film

Doch je mehr Details Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski in ihrem herausragenden Dokumentarfilm "Der Prinz und der Dybbuk" aus Waszýnskis Leben zusammentragen, desto mehr fängt es an, einer Flucht zu gleichen. Einer Flucht, die ein spektakuläres Ende nahm - im Rampenlicht, an der Seite von Stars wie Orson Welles oderAudrey Hepburn. Aber deren Anfang mindestens genauso bemerkenswert war.

Denn der Mann, den noch heute viele Menschen in Rom als Mike oder Michal Waszýnski kennen, als gebürtigen Polen und überzeugten Katholiken, manche sogar als Träger eines durch Heirat erworbenen Prinzentitels, war anfangs nichts von alledem. Er war Mosche Waks, Jude aus einem Shtetl im ukrainischen Kowel.

Ein Geist von einem Film

Ein Foto, das den kaum 20-jährigen Waks mit seiner Mutter zeigt, bringt die Filmemacher auf die Spur nach Kowel, und immer wieder wird ihr Film in der Folge dorthin zurückkehren. Hat Waks schon als junger Mann geahnt, wie sehr der Antisemitismus wenige Jahre später hier wüten würde? Eher scheint hier etwas anderes passiert zu sein - etwas, das Waks' Leben für immer prägen und ihn zur Flucht bewegen sollte.

Was das war, sagen Niewiera und Rosolowski weniger als dass sie es evozieren. Fast unmerklich vermitteln sich aus der Fülle ihrer Interviews heraus, allesamt mit wunderbar illustren Menschen geführt, Charaktereigenschaften und Handlungsmuster von Waks bzw. Waszýnski. Fakten kann man bei einer brüchigen Biografie wie seiner kaum erwarten. Umso passender für einen Künstler, dass seine Kunstwerke die verlässlichste Quelle zu sein scheinen, allen voran sein Film "Der Dybbuk".


"Der Prinz und der Dybbuk"
Polen/Deutschland 2017
Buch und Regie: Elwira Niewiera, Piotr Rosolowski
Produktion: Film Art Production, Kundschafter Filmproduktion, zero one
Verleih: Edition Salzgeber
FSK: ohne Altersbeschränkung
Länge: 82 Minuten
Start: 7. Juni 2018


Das Werk, 1937 in Polen entstanden, ist Waszýnskis berühmteste Arbeit als Regisseur und einer der bekanntesten auf Jiddisch gedrehten Filme überhaupt: Ein am deutschen Expressionismus geschultes, fantastisches Drama, das eine Figur aus der jüdischen Mythologie aufgreift (hier auf Youtube vollständig zu sehen). Als Dybbuk (oder Dibbuk) werden Totengeister bezeichnet, die Besitz vom Körper von Lebenden ergreifen; in diesem Fall ist es der Geist eines unglücklich verliebten jungen Mannes, der nach dem Tod Besitz ergreift von dem Mädchen, das er zeitlebens nicht heiraten durfte.

Bilder aus "Der Dybbuk" durchwirken von Anfang an die dokumentarischen Aufnahmen (brillant montiert von Andrzej Dabrowski). Immer wieder blitzt ein poetisches Schwarz-Weiß-Bild im bunten Treiben Roms oder der vielen anderen Drehorte, die Niewiera und Rosolowski auf ihrer Reise in Waszýnskis Vergangenheit besucht haben, auf. So wird der Spielfilm selbst zu einer Art Geist: Einer, der Waszýnski zeitlebens verfolgt zu haben scheint - und der seine Berufswahl fatal erscheinen lässt.

Tricks und Täuschungen

Denn konnte jemand, der von einem Film verfolgt wurde, jemals im Filmgeschäft glücklich werden? Umgeben von Leuten, die ihre Träume von neuen Leben und neuen Welten folgenlos im Medium Film auslebten, während er jeden Tag aufs Neue die Lasten einer tatsächlichen Neuerfindung schultern musste?

Womöglich steckt in Michal Waszýnskis Leben auch eine Schelmengeschichte. Dass sie sich auf feinen Humor verstehen, haben Niewiera und Rosolowski in ihrem wunderbaren Paarporträt "Domino Effekt" in jedem Fall bewiesen. Hier tun sie jedoch gut daran, nicht der Verblüffung über Waszýnskis Tricks und Täuschung zu viel Raum zu geben.

Denn so, wie der gelebt hat, wie er sich von Ost nach West durch Europa durchgekämpft hat, geprägt von Flucht und Verfolgung, und wie er im bestimmenden Medium seiner Zeit, dem Film, trügerischen Unterschlupf fand, legt eigentlich nur eine Deutung nahe: Dass Michal Waszýnski eine der großen tragischen Figuren des 20. Jahrhunderts war.

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