US-Regisseur P.T. Anderson "Wer ist diese Fremde, und wie kam sie hier rein?"

Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle - doch der eigentliche Star in Paul Thomas Andersons neuem Film "Der seidene Faden" ist sein weiblicher Widerpart: Der Oscar-Anwärter feiert die Kraft einer jungen Migrantin.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Getty Images/ Vanity Fair
    Paul Thomas "P.T." Anderson, 1970 in L.A. geboren, hat erst acht Filme gedreht, dennoch gilt er als einer der besten Regisseure seiner Generation. "Boogie Nights" (1997) und "Magnolia" (1999) halfen mit, eine neue Art von Indie-Kino in Hollywood zu etablieren. Sein Öl-Epos "There Will Be Blood" (2007) wurde von der "New York Times" zum bisher besten Film des 21. Jahrhunderts gekürt. Anderson, oft Drehbuchschreiber, Regisseur, Produzent und Kameramann in einem, wurde achtmal für einen Oscar nominiert, gewann jedoch nie. Er lebt mit Partnerin Maya Rudolph und vier Kindern in Kalifornien.

SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Mr. Anderson: "Der seidene Faden" (Lesen Sie hier die Rezension) geht mit sechs Nominierungen ins Oscar-Rennen, unter anderem als bester Film. Was bedeutet Ihnen das?

Anderson: Es ist toll. Aber es ist auch die harte und kalte Realität des Geschäfts, dass mein Film ohne diese Nominierungen nur noch eine oder zwei Wochen im Kino laufen würde. Die Oscar-Nominierungen sorgen dafür, dass es vielleicht noch zwei Monate sind. Wenn man sie auf das Plakat druckt, so wie jetzt, wenn der Film auch bei Ihnen in Deutschland startet, dann hören und sehen die Leute eher hin - und gehen dann vielleicht sogar ins Kino. Es ist irre hilfreich für das Überleben eines Films.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die Oscars also ganz pragmatisch?

Anderson: Filme sind ja kein Sport: Man kann nicht sagen, der eine ist besser als der andere, das wäre ja hirnrissig. Wie soll man denn "Der seidene Faden" mit "Lady Bird", "Get Out" oder "The Shape Of Water" vergleichen? Alles tolle Filme von phantastischen Regisseuren! Es ist schön, Teil einer solchen Gruppe zu sein, aber sonst... Ich hoffe, wir gewinnen den Oscar für die besten Kostüme.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt bescheiden. "Der seidene Faden" scheint ein besonders persönlicher Film für Sie zu sein. Im Originaltitel, "The Phantom Thread", trägt er sogar Ihre Initialen P und T. Ist die Figur des zwanghaften Modeschöpfers Reynolds Woodcock auch eine Reflexion ihrer eigenen Obsession mit Handwerk und Kunst?

Anderson: Zunächst mal gilt das, wenn überhaupt, gleichermaßen für mich und Daniel Day-Lewis….

SPIEGEL ONLINE: … Ihren ebenfalls für einen Oscar nominierten Hauptdarsteller, mit dem Sie gemeinsam diese Figur entwickelt haben.

Anderson: Ich glaube, der große Vorteil, den Daniel und ich gegenüber Reynolds Woodcock haben, ist, dass wir Sinn für Humor haben und darüber lachen können, wie irrsinnig ernst wir unsere Kunst nehmen. Für mich gilt das in jedem Fall: Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, mich selbst aber überhaupt nicht. Das ist in Wahrheit meine Rettung: Du kannst nicht wirklich Reynolds Woodcock sein, schon gar nicht in unserer Zeit. Die Leute erlauben dir obsessives Verhalten nur, wenn du dich selbst darüber lustig machen kannst.

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"Der seidene Faden": Schöpfer und Geschöpf

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film gelingt es der jungen Immigrantin Alma, in Woodcocks strenges System der Regeln und Kontrolle einzudringen, mit dem er sich gegen Gefühle abschirmt. Was bewirkt sie?

Anderson: Er findet zum ersten Mal jemanden, der bereit ist, sein Spiel auf die Spitze zu treiben, so weit, dass es sogar ihm Angst einjagt. Sie ist eine würdige Gegnerin und sie fordert ihn heraus. Ihr Hintergrund ist ja eine Art Mysterium: Ich stelle mir vor, dass sie schon früh ihre Mutter verloren hat, vielleicht im Krieg oder sogar schon davor. Vielleicht musste sie als einzige Frau im Haus auf ihre Brüder aufpassen. Wenn so etwas in jungen Jahren geschieht, kann das zu einer Vorliebe führen, sich um andere kümmern zu wollen. Das ist ein starker Antrieb in ihrer Beziehung zu Reynolds. Aber sie tappen beide im Dunkeln. Sie versuchen beide, unter der Oberfläche ihrer Romanze herumzustochern, um sich und das, was sie voneinander haben könnten, besser zu verstehen. Und es ist 1954! Es gibt weit und breit keine Ratgeber-Bücher, die ihnen helfen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Wäre aber auch ein eher langweiliger Film, den beiden nur bei der Lektüre von moderner Beziehungs-Literatur zuzusehen. Trotzdem ist Ihr Film zeitgeistig!

Anderson: Ist er das?

SPIEGEL ONLINE: Er erzählt von einem mächtigen Mann, der sich eine junge Muse sucht und sie für seine Zwecke missbrauchen will, bis er ihrer überdrüssig wird.

Anderson: Lustig, ich dachte bisher, es wäre genau das Gegenteil: ein altmodisches, sehr unzeitgemäßes Ding, das, verglichen mit der Dringlichkeit anderer aktueller Filme, eher wie ein altes Buch wirkt. Es ist ja eigentlich kein Spaß, einem griesgrämigen alten weißen Mann dabei zuzusehen, wie er verschroben und exzentrisch ist….

SPIEGEL ONLINE: Das alleine ist ja schon Zeitgeist-Kommentar genug. In Wahrheit ist Woodcock doch eh nur ein Ablenkungsmanöver in einem grundsätzlich feministischen Film, oder? Es geht doch eigentlich um Alma.

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Anderson: Es ist Almas Film, absolut! Das ist vielleicht für das Publikum etwas schwer zu durchdringen, weil Daniel Day-Lewis so ein gigantischer Star ist und eine solche Präsenz hat. Man sieht seinen Namen auf dem Plakat und denkt: Ich sehe einen Daniel Day-Lewis-Film! Stimmt ja auch. Aber: Unsere Heldin ist Alma, sie trägt uns durch den Film. Woodcock hingegen ist schnell erzählt: Man weiß nach 20 Minuten, wie er tickt, was er will oder nicht will, case closed. Interessant wird es erst, als Alma seinen Fall neu aufrollt, um ihn zu knacken. Um fast jeden Preis.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem erfährt man nicht viel über sie. Die Schauspielerin Vicky Krieps, selbst Luxemburgerin, spricht ihre Rolle mit einem Akzent, der auf eine osteuropäische Herkunft hindeuten könnte. Wie entscheidend ist es, dass ausgerechnet eine Außenseiterin für Veränderung sorgt?

Anderson: Sehr entscheidend. Und es ist schade, dass es in der öffentlichen Konversation über den Film oft untergeht. Es geht um das Verhältnis zwischen Mann und Frau, ja. Es geht aber auch um die Idee einer Immigrantin in England in der Nachkriegszeit - wie schwierig das gewesen sein muss! Man hat den Eindruck, dass sie vor Ihrer Ankunft in England Dinge gesehen hat, die niemand sehen sollte. Das hat ihr so viel Kraft und Lebensenergie gegeben. Sie sind nicht sonderlich nett zu Immigranten in England, weder damals noch heute. Insofern ist es toll, diesen Akzent zu hören: Wer ist diese Fremde, und wie kam sie hier rein? Wenn sie das geschafft hat, ist es kein Wunder, dass sie es als einzige mit Woodcock aufnehmen kann.

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