"Der Tod von Ludwig XIV." Eine Legende rafft es dahin

Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud spielt den Sonnenkönig: Großartiger als in Albert Serras Kinodrama "Der Tod von Ludwig XIV." könnten zwei majestätische Figuren kaum aufeinandertreffen - und sterben.


Seit es das Kino gibt, ist es für uns völlig selbstverständlich, Bilder zu sehen von anderen Kontinenten oder aus anderen Zeiten, einen Blick zu erhaschen aus dem Inneren einer verschlossenen Welt, hinter die Kulissen zu blicken und das Verborgene zu entdecken. Kameras gleiten in Körper hinein, zeigen mikroskopische Bakterien, fliegen über Lava spuckende Vulkane und lassen im Zeitraffer Gletscher schmelzen.

Es ist so alltäglich geworden, dass Bewegtbilder uns unmögliche Einblicke verschaffen, dass das Besondere eines Films wie "Der Tod von Ludwig XIV." nicht sofort ins Auge sticht. Dabei weiß der spanische Regisseur Albert Serra genau, den Titel seines Films ziemlich buchstäblich und gleichzeitig spektakulär zu inszenieren.

Schon die kleinste Regung im Gesicht von Jean-Pierre Léaud kann ein Spektakel sein. Nicht nur, weil der Schauspieler wie neben ihm nur Jean-Paul Belmondo das Gesicht der Nouvelle Vague war und bis heute das französische Kino im kollektiven Gedächtnis mehrerer Generationen verkörpert.

Auch der Umstand, dass Léaud schon als Kind zum Protagonisten der Filmgeschichte wurde in seiner Rolle als Antoine Doinel in François Truffauts Filmserie, angefangen mit "Sie küßten und sie schlugen ihn" ("Les quatre cents coups"), und er jetzt als Anfang 70-Jähriger in seiner Rolle als sterbender König einen filmischen Kreislauf schließen kann, spielt da hinein. Entscheidend für die besondere Wirkung seines Spiels ist aber das, was seine Präsenz schon immer ausgemacht hat: Er ist gleichzeitig da und nicht da.

Der Sonnenkönig kommt an die frische Luft: Jean-Pierre Léaud als Ludwig XIV.
Grandfilm

Der Sonnenkönig kommt an die frische Luft: Jean-Pierre Léaud als Ludwig XIV.

Früher hätte man das vielleicht flatterhaft genannt, wie Léaud in seinen vielen Rollen für Jean-Luc Godard und Truffaut den Strolch, den Schürzenjäger, den selbstverliebten Philosophen oder den Politaktivisten gab. In einer Sekunde hier, in der nächsten dort, sichtbar gern vor der Kamera, aber immer schon mit Geist und Körper in flüchtender Bewegung.

Ganz gleich, wie statisch die Filme, und allzu statisch waren sie selten, der Schauspieler hat sie aus dem Inneren heraus in Wallung gebracht. Es lässt sich leicht mit Intensität verwechseln. Die Regung aber, die mit Léaud auf der Leinwand erschien, war gerade nicht intensiv, also fokussiert auf einen Punkt gerichtet, sondern extensiv, nämlich in alle Richtungen ausschwärmend.

Der Tod lässt auf sich warten

"Der Tod von Ludwig XIV." macht sich die Wachheit im Blick von Léaud zunutze, indem er die Figur einengt, einsperrt, sie von allen Seiten bedrängt und doch unablässig hoffend auf sie schaut. Der König stirbt, damit ist die Geschichte des Films zwar im Groben zusammengefasst, aber bei genauem Betrachten stimmt das auch wieder nicht. Zunächst einmal stirbt der König nämlich gar nicht, sondern er liegt erschöpft auf seinem Bett. Und mehr denn ums Sterben geht es darum, wie der Tod auf sich warten lässt.


"Der Tod von Ludwig XIV."
Originaltitel: "La mort de Louis XIV"

Frankreich, Spanien, Portugal 2016
Regie: Albert Serra
Drehbuch: Thierry Lounas, Albert Serra
Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Patrick d'Assimcao, Marc Susini, Bernard Belin, Irène Silvagni, Vicenc Altaió
Produktion: Capricci Films, Rosa Filmes, Andergraun Films, Bobi Lux
Verleih: Grandfilm
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 29. Juni 2017


Die Perspektive, die Serra dafür wählt, betont das Geheimnisvolle, das menschliche, sprich biologische Regungen Anfang des 18. Jahrhunderts hatten. Fast der gesamte Film erscheint in dämmrigem Licht, und auch die vielen Mediziner sorgen nicht für Helligkeit. Alle wollen sie helfen: Da wäre zunächst Fagon, der Leibarzt (Patrick d'Assumçao); dann die von der Sorbonne mit dem guten Ruf; später ein Heiler aus dem Süden. Doch vergebens.

Es ist aber nicht nur dunkel in diesem Film, es ist ohnehin nicht viel zu sehen: Der Prunk von Versailles wird grandios ausgeblendet und nur im Anschnitt sichtbar. Stattdessen findet Serra einen Weg, um diesem König tatsächlich nahezukommen. Also nicht einer irgendwie authentisch-historischen Repräsentation des Königs, sondern dem Erlebnis einer königlichen Performance, unter den monumentalen Perücken, die bisweilen die Hälfte des Bildes füllen.

Die Ärzte von der Sorbonne geben ihr Bestes
Grandfilm

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Im Dunkel, am Bett, schafft der Regisseur eine Intimität des Augenblicks inmitten der Rituale. Majestät dies, Majestät das - es gibt einen Moment, in dem der Status nicht mehr trumpft. Der König wirkt klein, verloren, wenn sich seine Bedürfnisse, ob echt oder eingebildet, mit seinen Ansprüchen vermischen: Er schreit nach Wasser und nach seinem Diener. Doch es kommt der Falsche mit einem Glas, das nicht aus Kristall ist. Es könnte gehen um Leben und Tod - doch es ist viel trivialer.

Die Einsamkeit des Königs in einem solchen Moment ist riesig. Ganz gleich, wie kleinlich er sein mag - der Mann, der hilflos auf seinem Bett liegt, er ist eine Konstruktion, er wurde erst von den Umständen, von der Gesellschaft und seiner Entourage hilflos gemacht. Und jetzt ist er es wirklich.

Serra inszeniert das Drama mit aller nötigen Emphase, lädt es aber glücklicherweise nicht mit dem Fetisch einer Erkenntnis über das "Hinter den Kulissen" auf. Stattdessen interessiert er sich für die vielen kleinen Absurditäten des Alltags und für die gehobene Augenbraue von Jean-Pierre Léaud. Wie genüsslich "Der Tod von Ludwig XIV." am Ende den Körper seziert, den fetten Darm in die Kamera hält, das ist undenkbar ohne den Kampf eines Schauspielers, der für die Dauer eines Films einen König hat riechen, schmecken, sehen, hören und fühlen lassen - trotz und dank der Rituale, der Verkleidungen und dem Dunkel.

Im Video: Der Trailer zu "Der Tod von Ludwig XIV."

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 29.06.2017
1. solche Filme....
....sind meist sehr sehenswert...schon allein die Darstellung von Königs...und das Glück das wir solche Leute in unserem Land nicht mehr haben....macht das Ganze zum Bildungsprogramm.
Koda 29.06.2017
2. Der Prunk von Versailles...
wird damals ganz schön gestunken haben, denn erreichbare Toiletten gab es damals nicht und wer es nicht rechtzeitig zu einem Bediensteten schaffte, erleichterte sich in den Ecken und Winkeln wo es eben ging.
ex_Kamikaze 29.06.2017
3. Das wird bestimmt sehenswert,
denn lt. Überlieferung hat wohl Louis XIV. die Königsrolle auf seiner selbst geschaffenen Bühne bis zum letzten Moment gespielt, unmittelbar danach begann wohl der Schwanengesang des Ancien Regime. Denn die Rolle war für seine Nachfolger zu groß, aber gleichzeitig waren sie zu schwach die Bühne für sich anzupassen. Und die Nachfolger waren entweder zu träge zum Arbeiten (Louis XV.) oder zu schüchtern zum Repräsentieren (Louis XVI.). Aber vielleicht bring der Film auch neue Aspekte.
ancoats 29.06.2017
4.
Ach ja, Jean-Pierre Léaud - "Held" meiner Jugend in den wunderschönen Truffaut-Filmen. Ich hätte ihm stundenlang zusehen können... Die Rezension macht Lust auf ein Wiedersehen.
Kritikfreak 29.06.2017
5. Bin gespannt
Freue mich auf den Film. Lèaud kenne ich auch nur als jungen Mann aus denn Truffaut-Filmen. Bin gespannt, wie er sich als Greis macht. Kleiner Wehrmutstropfen: Es müsste natürlich "Der Tod Ludwigs XIV." heißen. Die Genetiv-Umgehung mit "von" ist Umgangssprache und passt nicht zur Stimmung eines barocken Historiendramas (ich schreibe ja auch nicht: "von einem barocken Historiendrama").
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