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24. April 2017, 17:37 Uhr

"Der traumhafte Weg" von Angela Schanelec

Drauf einlassen oder es sein lassen

Von Ekkehard Knörer

Angela Schanelecs Filme polarisieren, weil sie ihrer ganz eigenen, freien Erzähllogik folgen - ihr neuester "Der traumhafte Weg" sogar noch radikaler als frühere Werke. Gerade deshalb ist er auch beglückend.

Als Kenneth fällt, sieht das so aus: Man sieht nicht seinen Kopf, man sieht seine Beine, die Mitte des Körpers, und man sieht zupackende Arme, die sich um seinen Leib schließen, damit er nicht fällt. Die Arme halten ihn. Er drohte zu fallen, fällt aber nicht.

Wie viele Bilder in Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg" steht dieses vom Anfang des Films als Bild auch für sich. Nicht, dass es aus der Geschichte fiele; nicht ganz jedenfalls, denn es gibt immer einen Zusammenhang, in den die Bilder gehören. Es gibt Menschen, die etwas miteinander verbindet, die etwas voneinander trennt, Menschen, die einen gemeinsamen Weg gegangen sind und nicht weiter gehen.

Nicht eine Geschichte erzählt "Der traumhafte Weg", sondern zwei, und andeutungsweise noch ein paar mehr. Vier Figuren, zwei Paare, stehen im Zentrum, oder stünden da, hätte der Film etwas wie ein Zentrum; er ist aber ganz anders organisiert.

Da ist Kenneth (Thorbjörn Björnsson), der hier zu fallen droht, weil man ihm am Telefon von der lebensgefährlichen Erkrankung seiner Mutter erzählt hat. Da ist Theres (Miriam Jakob), mit der Kenneth in Athen unterwegs ist, es sind die Achtzigerjahre, sie verdienen sich Geld am Straßenrand, wo sie "The Lion Sleeps Tonight" singen. Die beiden sind ein Paar, das auseinandergerät. Der Film folgt Kenneth, ans Krankenbett der Mutter, er folgt Theres mit ihrem Sohn in ein neues Leben.

Auf dem Weg dahin, im Wald, sackt oder gleitet sie zu Boden. Kein Sturz, es ist eine kontrollierte Bewegung. Der Sohn ergreift ihre Hand, sie halten einander, sie mit geschlossenen Augen, als träumte sie, als träumte der Film. Und vielleicht träumt er wirklich. Denn es folgt ein Schnitt, und wir sind, unmerklich fast, in der zweiten Geschichte.

Es ist die Gegenwart, Berlin, es geht um ein anderes Paar, Ariane (Maren Eggert) und David (Phil Hayes), sie haben eine gemeinsame Tochter. Ariane ist Schauspielerin, sie spielt eine Polizistin, sie geht einen Hügel hinauf, eine Fahne Toilettenpapier hat sich an ihren Rock geheftet, sie merkt es nicht, jemand entfernt es, sie merkt es nicht. Ein Schnitt, und wir blicken auf eine geradezu paradiesische Landschaft: ein See, zwei Pferde, Gras, Sonne, sanfte Wellen kräuseln die Glätte des Wassers. Auch dieses Bild fällt aus dem Film, aber nicht ganz, steht für sich, und bleibt doch, sehr lose, an den Blick Arianes und über die Figur Ariane an deren Geschichte gebunden.

Bilder, die sich an Bilder erinnern

Auch Ariane und David sind ein Paar, das auseinandergerät. Es ist vorbei mit dem gemeinsamen Leben. Man merkt es daran, wie die Blicke einander nicht länger suchen, wie die Körper einander nicht mehr zugewandt sind. Später wird Ariane zu David sagen - sie ist im Bild, er ist es nicht -, dass sie die Scheidung will. Er räumt Bücher aus dem Regal. Was ist mit denen, hält er sie ihr fragend hin. Die will ich nicht mehr, sagt Ariane.


"Der traumhafte Weg"
D 2016

Regie und Drehbuch: Angela Schanelec
Darsteller: Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert, Phil Hayes
Produktion: Filmgalerie 451, Tigerlily Films
Verleih: Piffl Medien
Länge: 86 Minuten
Start: 27. April 2017


So löst Angela Schanelec das auf, Bild für Bild, Szene für Szene und Echo für Echo: Einmal liegt Ariane auf dem Boden der Wohnung, das Weinglas, verschütteter Wein neben ihr. Man sieht nicht, wie sie fiel, ob sie glitt oder stürzte. Aber so, wie im früheren Bild die Hand des Sohns nach der Hand von Theres griff, greift jetzt die Hand der Tochter nach der Arianes. Aus Bildern, die sich an Bilder erinnern; aus Bildern, die immer auch für sich stehen, besteht "Der traumhafte Weg".

Mehr als lose Zusammenhänge herzustellen ist keiner gezwungen. Dafür ist viel Luft zwischen den Bildern von Körpern, von denen man oft nur Teile und Ausschnitte sieht. Und dann gibt es da etwas, das sich gegen die gewöhnliche Logik von Erzählen und Leben sehr heftig sträubt. Kenneth und Theres tauchen, unverändert fast, in der Gegenwart auf. Sie tragen dieselben Klamotten, sie sind nicht gealtert, sie sind getrennt, aber sie laufen sich über den Weg.

Ein Gesicht, ein blutiges Knie

Auch die Bilder von ihnen, ihre Geschichten, könnte man sagen, laufen der Geschichte von Ariane und David über den Weg. Den traumhaften Weg. Es kommt zu keiner Begegnung im engeren Sinn. Es werden keine Worte gewechselt. Die eine Geschichte fällt nicht mit der andern zusammen. Sie sind nur aneinandergelehnt.

Man muss sich dem "Traumhaften Weg" überlassen, oder man lässt es. Das ist kein Film für Leute, die in ihren Geschichten alles erklärt haben wollen; kein Film für Leute, die sich an die Hand nehmen lassen, die Spannung suchen und Offenheit als Zumutung begreifen; auch kein Film, der in den Dialogen verdoppelt, was man ohnehin sieht. Sprache ist hier ein aus engen Zusammenhängen gelöstes Objekt, wie es Hände sind oder ein Gesicht oder ein blutiges Knie oder ein Norwegerpulli oder der Wind. Und weil vieles aus den vertrauten, erwarteten Zusammenhängen gelöst ist, kann es auf neue, andere Art in Verbindungen treten. Manche stellt der Film her, manche nicht.

Angela Schanelec macht Filme, die einem das Sehen, das Denken, das Fühlen, das Hören nicht abnehmen. Oft wird sie angefeindet dafür. Wer aber Lust hat, einer anderen, freieren Logik zu folgen, einer Logik der Rhythmen und Rahmungen und Auslassungen und der Blicke auf Körper und der Lust des einen Bilds auf ein anderes, die oder der wird mit dem Film glücklich werden.

"Der traumhafte Weg", der 2016 in Locarno Premiere feierte, ist auf sehr sanfte Weise sehr radikal, mehr noch als Schanelecs bisherige Filme. Er schiebt zwei verschiedene Geschichten und Zeiten ganz unaufdringlich aneinander, kaum ineinander. Wer sich ihm überlässt, erlebt ihn wie einen Traum, der sich aus leise verrutschten Tagesresten entfaltet.

Im Video: Der Trailer zu "Der traumhafte Weg"

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