Arbeitslosigkeit im Film Jobless-Man schlägt nicht zurück

Zu alt für die Karriere, zu jung für die Rente: Stéphane Brizés pseudodokumentarischer Film "Der Wert des Menschen" zeigt, wie viel Demütigung eine Arbeitssuche mit sich bringen kann.

Von Matthias Dell


Arbeitslosigkeit sieht nicht gut aus. Sie macht schlechte Laune, feiert keine Erfolge und ist nichts, was gesellschaftliche Kommunikation sonderlich stimuliert. In den Nachrichten wird sie reduziert auf Statistiken, die als Faktoren in einem größeren ökonomischen Zusammenhang günstig oder ungünstig ausfallen.

Ein Film hingegen hat die Möglichkeit, von dem Leben hinter den Zahlen zu erzählen. Er steht dabei aber auch vor Problemen; dass er sich etwa gönnerhaft und angstlüstern hinabbeugt in eine Welt, die ihm sonst fremd ist und in der ihm der Sinn fehlt für das, was gewöhnlich ist. Oder dass er, umgekehrt, die Härten nicht aushält und mit zu viel Sympathie übermalen will.

Das Thema Arbeitslosigkeit fordert die Kunst des Filmemachens also heraus: Klassische Dramaturgien zielen auf Wachstum und Steigerung, nicht auf die Stillstellung von Handlungsmöglichkeiten. Was nicht zuletzt die Rezeption berührt: Wer geht schon am Samstagabend ins Kino, um einen Blick auf die Traurigkeit der Welt zu werfen, aus der er sich gerade verabschiedet hat?

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"Der Wert des Menschen": Warum kein Superheld entstehen kann

Für seinen Film "Der Wert des Menschen" hat der französische Regisseur Stéphane Brizé auf diese Fragen eine ziemlich präzise Antwort gefunden. Sein Standpunkt ist die Distanz: Brizé hat einen Spielfilm inszeniert, den er dokumentarisch beobachten lässt; Kameramann Eric Dumont ist eigentlich Dokumentarfilmer. Er schafft so Abstand zu der Geschichte, die er erzählt. Das Drehbuch verfasste Brizé gemeinsam mit Olivier Gorce.

Die Logik der dauernden Bevormundungen

Thierry Taugourdeau (Vincent Lindon) ist zu alt ist, um an eine gelingende Berufslaufbahn zu glauben, aber auch zu weit von der Rente entfernt, um nichts zu tun. Er steht im Mittelpunkt von Brizés fiktionalisierter Beobachtung, aber durch Brizés Inszenierung nicht wirklich im Zentrum: Viele Szenen zeigen Taugourdeaus Begegnungen mit einem Gegenüber, was in besonders tristen Momenten nur der flache Bildschirm ist, der ein Bewerbungsgespräch via Skype überträgt. Selbst wenn der Protagonist allein die Leinwand füllt, findet die Handlung meist außerhalb statt. Ein Held im klassischen Sinne ist Thierry nicht. Er macht nicht, mit ihm wird gemacht.

Das wäre die Erkenntnis, die sich im ersten Teil des Films durch seine kluge Konstruktion verdichtet: Arbeitslosigkeit bedeutet Belehrung, Bittstellen, Angewiesensein auf andere. Taugourdeau ist nicht das Subjekt des eigenen Lebens, sondern das Objekt seiner Umwelt. Es herrscht fortwährend asymmetrische Kommunikation: Taugourdeau muss sich winden, muss freundlich sein, muss sich präsentieren, während die anderen stottern und ungeordnet reden dürfen.

Als Taugourdeau dem Mann vom Arbeitsamt den Unsinn der Umschulungsmaßnahme erklärt, setzt der ein Gesicht auf, aus dem das Zuhören verschwunden ist, eine Maske, die freundlich guckt, weil sie weiß, dass der kleine Ärger auf der anderen Seite des Schreibtischs vorübergehen und sich die Perspektive des Amtes durchsetzen wird.

Klassenbewusstsein lebt hier nicht mehr

"Der Wert des Menschen" registriert solche Erniedrigungen mit feinem Gespür; selbst beim Tanzkurs mit seiner Frau, einer Szene, die Erleichterung verschaffen soll, wird Thierry Taugourdeau vom Lehrer instruiert. An dieser Stelle merkt man, wie vorsichtig Brizé sich annähert- in der Logik der dauernden Bevormundungen wäre durchaus vorstellbar, die Regler des Erzählens weiter aufzudrehen und die steten Unterordnungen Taugourdeaus in einen Sadismus zu treiben, der am Ende Rache, Wut provoziert. Könnte daraus nicht mal ein Superheld entstehen - Jobless-Man schlägt zurück?

In der demütigendsten Szene, in der eine Gruppe von Arbeitssuchenden an der eigenen Performance arbeiten soll und der Auftritt von Taugourdeau evaluiert wird, gehen die Kommentare der konkurrierenden Leidensgenossen gnadenlos auf die Figur nieder: Nicht sehr dynamisch wirke er, ein bisschen zusammengesunken, schlaff, nicht sehr freundlich, niemand, mit dem man im richtigen Leben ein Gespräch führen wollte.

Zugleich beschreiben diese Zuschreibungen aber auch die Größe von Vincent Lindons genauem Spiel, der als Taugourdeau die von ihm permanent geforderte Unterwürfigkeit trägt wie den schlecht sitzenden Anzug des Sicherheitsmannes, als der er irgendwann eine Anstellung findet.

In den letzten Szenen, in denen Taugourdeau plötzlich mit einer Art Macht ausgestattet ist, zeigt die Kamera ihn vor allem von hinten, mit Blick auf eine Person, die des Ladendiebstahls bezichtigt ist. Überführt wird sie mit dem Hinweis auf Bildbeweise eines beeindruckenden Überwachungsapparats: "Wir haben Sie gefilmt." Diese medialen Instanzen sind es, die sich zwischen die Solidarität der Subalternen drängen. Klassenbewusstsein lebt hier nicht mehr.

Im Video: Der Trailer zu "Der Wert des Menschen"

"Der Wert des Menschen"

FRA 2015

Originaltitel: "La loi du marché"

Regie: Stéphane Brizé

Drehbuch: Stéphane Brizé, Olivier Gorce

Darsteller: Vincent Lindon, Karine De Mirbeck, Matthieu Schaller

Verleih: Temperclayfilm

Produktion: Nord-Ouest Films

Länge: 93 Minuten

FSK: 0 Jahre

Start: 17. März 2016

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