Kinofilm "Der wundersame Katzenfisch" Hier kommt Girlhood!

Die gefeierte Tragikomödie "Der wundersame Katzenfisch" erzählt vom Erwachsenwerden junger Frauen. Männer sind nur als Leichen dabei oder als Stichwortgeber. Ein feministische Polemik? Nö. Einfach ein sehr guter Film.

Von

Arsenal

Männer kommen hier nur als Tote oder als Statisten vor. In der Welt der immer ein bisschen störrisch dreinblickenden Heldin Claudia, die in einem Supermarkt arbeitet und zu Beginn dieses Films beim Aufwachen in ihrer Wohnzelle beobachtet wird, wird nur das Allernötigste kommuniziert. Das Wenige spielt sich unter Frauen ab.

Mit den Kolleginnen im Supermarkt einigt sich Claudia jeden Morgen darauf, wer heute am Verkaufsstand nutzlose Cremes anpreist. Der Chefin sieht sie beim Abknutschen einer Geliebten im Warenlager zu. Und wenn Claudia von einer Kundin freundlich angeredet wird, dann blickt sie der verblüfften Fremden ins Gesicht und verkündet: "Uns ist jede Unterhaltung verboten."

Der Film "Der wundersame Katzenfisch" erzählt die Geschichte eines weiblichen Oliver Twist, die Abenteuer eines mexikanischen Waisenmädchens. Claudia, gespielt von der sanftäugigen Ximena Ayala, ist im Kinodebüt der mexikanischen Regisseurin Claudia Sainte-Luce eine erwachsene Frau Anfang 20. Unverhofft findet sie eine Art Ersatzfamilie, als sie eines Tages wegen einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus landet. Dort nämlich lernt Claudia die durch eine Aids-Erkrankung schwer mitgenommene Single-Mutter Martha (Lisa Owen) kennen - und nach der gemeinsamen Entlassung wird sie von der Fremden kurzerhand in deren chaotischen Haushalt entführt.

Auf Filmfestivals war "Der wundersame Katzenfisch" ein Überraschungshit, der unter anderem in Locarno einen Preis gewann. Das halb tragische und oft sehr komische Märchen folgt konsequent dem Tunnelblick der Heldin Claudia. Wie eine Außerirdische bestaunt sie das Mittagstisch-Palaver in Marthas vollgestopfter Wohnung und erwacht angesichts der Orgie aus Gebrüll und Geplapper und Löffelgeklirr aus ihrer Lethargie.

Dem wirklich Einsamen ist bereits Lärm ein Trost, hat Nietzsche mal behauptet. Martha hat vier Kinder von drei verschiedenen Vätern, die Männer sind tot oder über alle Berge. Seit die Mutter krank ist, also schon ewig, kümmern sich die drei jugendlichen Töchter um Armando, ihren kleinen Bruder, und um das Überleben der Rumpffamilie. Schnell entsteht aus der Neugier der Mädchen gegenüber Claudia, der Fremden, eine linkische Vertrautheit.

Aufbruch aus der Einsamkeitshölle

In gewisser Weise ist Sainte-Luces Film ein Gegenstück zu Richard Linklaters "Boyhood", der das Aufwachsen eines US-amerikanischen Jungen begleitet. "Der wundersame Katzenfisch" sieht pubertierenden Mädchen dabei zu, wie sie sich aus Kummer Übergewicht anfressen, wahllos Tabletten schlucken oder sich heimlich vor dem Spiegel die Haut ritzen. Berichtet wird von den Qualen des Zu-früh-erwachsen-werden-Müssens, der Sehnsucht nach Freundschaft und von den Triumphen der ersten Verliebtheit und natürlich von dem Erschrecken jedes Heranwachsenden darüber, dass die eigenen Eltern nicht ewig stark und schlau, sondern in Wahrheit oft dumm und immer sterblich sind.

Claudia Sainte-Luce hatte ein Studium an der Filmhochschule im mexikanischen Guadalajara abgebrochen und dann für andere Filmemacher gearbeitet, unter anderem als Drehbuchautorin. Die Kamerafrau ihres Debütfilms ist eine ziemlich berühmte Meisterin, die 62-jährige Französin Agnès Godard. Godard stand in frühen Jahren für Wim Wenders bei "Der Stand der Dinge" hinter der Kamera, danach in vielen Filmen von Agnès Varda und zuletzt in Ursula Meiers Kleinkriminellen-Ballade "Der Winterdieb".

Man kann die Abwesenheit der Männer während der allmählichen Verzauberung der Einzelgängerin Claudia, von der Sainte-Luces und Godards Film erzählt, als feministische Polemik begreifen, doch das wäre vermutlich ein Missverständnis. "Der wundersame Katzenfisch" sei, sagt die Regisseurin, eine Verarbeitung ihrer eigenen einsamen Kindheit. Nicht zuletzt durch das Kino habe sie selbst aus ihrer Isolation gefunden.

Für ihre Heldin jedenfalls beginnt die Befreiung aus dem Eremitendasein, die Verzauberung ihrer bis dahin grauen Existenz, exakt in dem Moment, in dem sie zum ersten Mal in den gelben VW-Käfer ihrer durchgeknallten Ersatzfamilie einsteigt. Das Auto ist die utopische Verheißung im Zentrum dieses Films. Es symbolisiert den Aufbruch aus der Einsamkeitshölle in ein Land, in dem vielleicht das ganze Frauenleben so bunt und fröhlich sein könnte wie die einst von deutschen Autobauern erfundene quietschgelbe Wunderkarre.

"Der wundersame Katzenfisch"

Originaltitel: Los insólitos peces gato

Mexiko 2013

Buch und Regie: Claudia Sainte-Luce

Darsteller: Lisa Owen, Ximena Ayala, Sonia Franco, Wendy Guillén, Andrea Baeza, Alejandro Ramírez-Munoz

Produktion: Canibal Networks, FOPROCINE et al.

Verleih: Arsenal

Länge: 89 Minuten

Start: 10. Juli 2014

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
mcghee 08.07.2014
1. Was soll das??
Bloß weil es in einem Film keine männliche Hauptrolle gibt, wird gleich impliziert es könnte eventuell sich um feministische Polemik handeln? Was für ein Quatsch! Muss man jetzt davon ausgehen, dass alle Actionfilme mit wenig weiblicher Beteiligung Frauenfeindlich sind??
macskye 08.07.2014
2. Feministische Polemik...
... Weil in einem Film kein Mann vorkommt? Lieber Herr Höbel, in welchem Jahrhundert leben Sie? Im Fernsehen wie im Kino laufen dauernd Filme in denen Frauen entweder gar nicht oder nur als Leiche bzw sch,ückendes Beiwerk vorkommen. Ich habe allerdings noch keine einzige diesbezügliche Filmkritik gelesen, die das thematisiert hätte oder sich gar gefragt hätte, ob es sich bei solchen Filmen denn womöglich um eine patriarchale Polemik handle. Dies ist ein Film, der das Leben von Frauen behandelt. Da kommen Männer eben nicht immer an zentraler Stelle vor. Auch wenn es Männern nicht gefallen mag - ihr seid nicht prinzipiell der Nabel der Welt.
noalk 08.07.2014
3. störend
Männer kommen in diesem Film nicht vor, weil sie schlichtweg nicht gebraucht werden und nur stören würden. In gewisser Weise könnte man das auch so sehen: Im Film gibt es ein männliches Wesen, nämlich den Sohn Amando, ein Kind ... also das, was Männer eigentlich ihr Leben lang bleiben.
gott777 08.07.2014
4. Das mag daran liegen...
... das sehr viele Fernseh/Kinoproduktionen in denen nahezu nur Frauen vorkommen genau dieses Klische bedienen. Sehr viele dieser Filme dienen dazu die vermeindliche Überlegenheit des weiblichen Geschlechts darzustellen bzw. versuchen es. Daher werden solche Filme (leider) erstmal unter diesen Generalverdacht gestellt.
vulcan 19.07.2014
5.
Zitat von mcgheeBloß weil es in einem Film keine männliche Hauptrolle gibt, wird gleich impliziert es könnte eventuell sich um feministische Polemik handeln? Was für ein Quatsch! Muss man jetzt davon ausgehen, dass alle Actionfilme mit wenig weiblicher Beteiligung Frauenfeindlich sind??
Deswegen muss es ja in jedem 'Action'-Film neuerdings auch irgendein Killer-Babe geben, selbst wenn in einer eventuellen Buchvorlage gar keines vorkommt.
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