"Detroit"-Regisseurin Bigelow "Ich wünschte, Obama wäre noch Präsident"

Der Film zur "Black Lives Matter"-Debatte: US-Regisseurin Kathryn Bigelow verdichtet in "Detroit" Fakten und Fiktion zu einem schockierenden Thriller über Rassismus. Kritik nimmt sie in Kauf.

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Mit der Suche nach dem Fahrstuhl hält sich Kathryn Bigelow nicht lange auf, lieber erklimmt sie beherzt die Treppen ins zweite Stockwerk des Hotel Bristol. Die US-Regisseurin, der man nicht ansieht und -merkt, dass sie kommende Woche 66 Jahre alt wird, kam Ende September nach Paris, um Interviews zu ihrem neuen Film "Detroit" zu geben. Sie wirkt freundlich und aufgeräumt, dabei hatte die Pressebetreuerin noch kurz vorher angeordnet, möglichst nicht über die teils heftige Kritik an Bigelows Rassendrama zu sprechen. Aber das lässt sich bei einem so kontroversen Thema nun wirklich nicht vermeiden.

"Detroit" rekonstruiert eine wahre Begebenheit, die empörend ist, aber in Vergessenheit geriet. Der sogenannte Algiers Motel Incident ist eine schmutzige Fußnote der Rassenunruhen des "langen, heißen Sommers" von 1967, die sich Ende Juli in der Innenstadt der Arbeitermetropole Detroit zu einem der schlimmsten Aufstände in der Geschichte der USA ausweiteten. 1400 Gebäude brannten, hunderte Geschäfte wurden geplündert, 43 Personen kamen ums Leben. Im Algiers Motel, etwas abseits des Brennpunkts der Unruhen in der 12. Straße, wurden in der Nacht zum 26. Juli drei schwarze Teenager von weißen Polizisten getötet, neun weitere Jugendliche, darunter zwei weiße Mädchen, wurden von den Beamten misshandelt und verprügelt.

Regisseurin Kathryn Bigelow: Meisterin des politischen Thrillers.
Concorde

Regisseurin Kathryn Bigelow: Meisterin des politischen Thrillers.

Auslöser war der Schuss eines vermeintlichen Scharfschützen aus einem Fenster des Motels auf Nationalgardisten, die in der Nähe patrouillierten. Beim Versuch, den Täter unter den Gästen zu ermitteln, eskalierten die von Rassismus unterfütterten Verhörmethoden der Polizisten in Willkür und Gewalt. Zu jener Zeit bestand die Bevölkerung Detroits zu 40 Prozent aus Afroamerikanern, die Polizei war zu 95 Prozent weiß.

Bigelow inszeniert diesen 50 Jahre alten Zwischenfall als zeitgeschichtlichen Thriller. Sie macht es dem Zuschauer zunächst schwer, ins Geschehen einzudringen, mit hektischen Schnitten, die News-Authentizität vermitteln sollen, führt die Regisseurin durch das Chaos auf den Straßen. Nach einem Drittel des Films verdichtet sie ihr Narrativ aus recherchierten Fakten, Augenzeugenberichten und Fiktion jedoch zu einem bedrückenden Horror-Kammerspiel in den Räumen des Motels. "Detroit" ist ein roher, zutiefst packender Film, vielleicht einer der wichtigsten des Jahres. Er blickt furchtlos auf ein unbewältigtes Problem der US-Gesellschaft: den institutionellen Rassismus der Staatsmacht.

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"Detroit": Rassismus als Horrorfilm

Als dieses Problem sich einmal mehr mit Gewalt entlud, 2014 nach dem Tod des 18-jährigen Schwarzen Michael Brown durch Schüsse eines weißen Polizisten in Ferguson, Missouri, wurde Bigelow von ihrem Kollegen, dem Drehbuchautor Mark Boal, auf den Algiers Motel Incident hingewiesen. In 50 Jahren, so schien es, hatten sich die Verhältnisse nicht verbessert. "Das fand ich so überraschend und schockierend zugleich", sagt sie, "und deshalb finde ich es so wichtig, daran zu erinnern, dass sich gar nichts geändert hat in all dieser Zeit. Dieses Ereignis in Detroit demonstriert soziale Ungerechtigkeit und die Ungleichheit der Rassen, über die wir in den USA dringend ein Gespräch brauchen. Wir müssen über diesen systemischen Rassismus reden."

"Racial torture porn"?

Kathryn Bigelow ist die erste Frau, die mit einem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet wurde, 2010 für ihr Bombenentschärfer-Drama "The Hurt Locker". Sie studierte und unterrichtete Kunst, kritische Theorie und Film und gilt als Intellektuelle des amerikanischen Thriller-Genres. Bekannt wurde sie mit genrebrechenden Filmen wie "Near Dark" und "Blue Steel".

Seit sie jedoch für "The Hurt Locker" mit Mark Boal zusammenarbeitete, bilden der Journalist und die Regisseurin ein Team, das sich unbequemen Real-Stoffen widmet, um sie in spannungsreiche Kino-Fiktionen zu übersetzen. Nach "The Hurt Locker", das außer für die Regie auch mit dem Oscar als bester Film geehrt wurde, drehten Bigelow und Boal den Black-Ops-Thriller "Zero Dark Thirty" (2012), der eine Kontroverse darüber auslöste, ob darin Foltermethoden der CIA im Kampf gegen den Terrorismus glorifiziert würden.

"Detroit" sticht nun mitten hinein in die aktuelle Diskussion um "Black Lives Matter", Polizeigewalt gegen Schwarze und offenen Rassismus von "White Supremacy" und "Alt-Right"-Bewegungen. Zum Kinostart in den USA am 50. Jahrestag des Motel Incidents führten die US-Medien eine erwartbar hitzige Debatte um Bigelows experimentellen Film, der die weitgehend undokumentierten Ereignisse in den Räumen der Pension zu einer Gewaltorgie mit unmenschlichen Polizisten und verstörten Opfern stilisiert.

"Racial torture porn" sei das, schrieb die kanadische "Globe And Mail"; die "Huffington Post" stellte die Frage, ob es erlaubt sei, den Schmerz der Schwarzen aus dem Blickwinkel einer weißen Filmemacherin zu betrachten. Im "New Yorker" wütete Chefkritiker Richard Brody gar, es sei amoralisch, wenn Bigelow ihre schwarzen Darsteller am Set einer so demütigenden Situation aussetze. Manche Anwürfe mögen berechtigt sein, andere eher Indikatoren dafür, wie kompliziert die Debatte der Amerikaner über die Regeln ihres multiethnischen Zusammenlebens gerade geführt wird.

Detroit

    USA 2017

    Regie: Kathryn Bigelow

    Drehbuch: Mark Boal

    Darsteller: John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, Anthony Mackie, Jason Mitchell, Kaitlyn Dever, Jack Reynor, John Krasinski

    Produktion: Annapurna Pictures, Page 1, First Light Production

    Verleih: Concorde

    Länge: 143 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 23. November 2017

Auf die harsche Kritik angesprochen, verweist Bigelow darauf, dass Filmemacher, Crew und Schauspieler, weiße wie schwarze, bei den Dreharbeiten eine verschworene Gemeinschaft gewesen seien. "Uns alle verband die gemeinsame Absicht, diese Geschichte zu erzählen. Die Arbeit an diesem Film war schmerzhaft, emotional wie physisch, aber wir waren uns sehr nah. Ich habe mich bemüht, sehr sensibel auf die persönlichen Grenzen der Schauspieler zu achten".

"Star Wars"-Star John Boyega spielt im Film den privaten Wachmann Melvin Dismukes, der als Schwarzer in Uniform zwischen die Fronten gerät. Er habe die Atmosphäre beim Drehen im engen Flur des Motels wie eine Theaterinszenierung empfunden, erzählt Bigelow. "Alles war live, wir hatten zu jeder Zeit den ganzen Set beleuchtet, so dass wir kontinuierlich spielen und drehen konnten. Wir waren tatsächlich wie ein Ensemble, es fühlte sich nie wie ein Wir-gegen-Euch an." Bigelow habe sich dennoch stets mit den Opfern identifiziert, sagt sie: "Wie konnte man das diesen jungen, fragilen, unschuldigen Opfern antun! Wo waren ihre Bürgerechte, als das passierte?"

"Ich wünschte, Barack Obama wäre noch Präsident"

Zum Zeitpunkt des Gesprächs liegt der Nazi-Aufmarsch von Charlottesville, bei dem ein weißer Nationalist mit seinem Wagen in eine Menschenmenge raste und eine Gegendemonstrantin tötete, gerade ein paar Tage zurück. Bigelow ist erschüttert und besorgt, dass es so weit kommen konnte in ihrem Land: "Ich finde es beschämend, dass wir heute überhaupt noch über Rassismus reden müssen", sagt sie. "Es fühlt sich an, als würden wir uns rückwärts bewegen, das ist unverzeihlich! Ich wünschte, Obama wäre noch Präsident. Wir erleben eine verheerende Zeit in der amerikanischen Politik.

"Detroit" - Kinotrailer ansehen:

Die bestürzende Aktualität von "Detroit" hat aus der Künstlerin eine Aktivistin gemacht: "Wir alle müssen mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, versuchen, etwas zu verändern", sagt sie zum Abschied. "Mit jedem Tag, der vergeht, wird das wichtiger."

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insgesamt 2 Beiträge
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shockG 23.11.2017
1. grottenschlecht
kein kontext, stereotype, lächerliche dialoge, ellenlang und null spannung. bei dem thema so einen hirnlosen mist zu drehen, muss man erstmal schaffen. bigelow ist einfach eine schwache regisseurin. aber hollywood hyped ja auch lieber white helmets statt black künstler zu ehren.
treime 23.11.2017
2. Leider...
...werden die Leute, die Rassisten sind, sich so einen Film nie anschauen. Rassisten blöken wie Schafe Tiraden von substanzlosen Sprüchen aneinander. Heutzutage verstärkt sich deren Standpunkt nur durch die exponentielle Vervielfältigung dieser "News"/Beiträge in den sogenannten sozialen Medien. Mit Scheuklappen den eigenen Pfad der Tyrannei beschreitend... Ich mag Bigelows Filme... Immerhin wird auch dieses Kulturgut immerhin als Dokument in die Geschichte eingehen, um festzuahlten, das Rassismus in den USA auch heute noch alltäglich ist. Und nicht nur in den USA.
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