Deutsch-russisches Kriegsdrama Rote Knollennase trifft Nazi-Kumpel

Bruder, mach mal 'ne Pause vom Krieg! In dem Film "Vier Tage im Mai" verteidigen Sowjets und Deutsche gemeinsam ein Waisenhaus vor Angreifern. Die seelischen Verwüstungen von Hitlers Vernichtungsfeldzug im Osten spart das gut gemeinte Versöhnungswerk dabei leider aus.

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Der Krieg ist aus, die Gewehre schlackern nutzlos an der Hüfte, die Mägen hängen in den Kniekehlen. Eine Gruppe deutscher Soldaten zieht ein Kalb durchs Gehölz, ein Trupp Rotarmisten bringt in einem Beutel Fische in Sicherheit, die sie mit Handgranaten aus der Ostsee geholt haben. Man schaut sich einmal in die Augen, dann lässt man die anderen ziehen. Warum ein Gefecht beginnen, wenn man sich endlich einmal den Bauch vollschlagen kann? Es sind die Tage um den 8. Mai 1945, kämpfen will hier keiner mehr.

Das Bild von den gleichmütig aneinander vorbeiziehenden Feinden, das Regisseur Achim von Borries da in seinem deutsch-russischen Verbrüderungsfilm "Vier Tage im Mai" auf die Leinwand bringt, scheint von einer bestechenden Einfachheit: Sind nicht alle Menschen gleich, fragt es uns suggestiv? Haben wir nicht alle dieselben Bedürfnisse? Ein furchtbar falsches Bild, denn in dem Bemühen, das allzu Menschliche in einem Szenario der Entmenschlichung zu suchen, wird auf sämtliche Historizität gepfiffen. Die grausame Vorgeschichte zum 8. Mai soll durch eine Art humanistischen Handstreich vergessen gemacht werden.

Und dieser Versuch schlägt sich folgendermaßen in der Handlung nieder: Eine Vorhut sowjetischer Soldaten unter einem ebenso störrischen wie aufrechten Hauptmann (Aleksey Guskov, "Das Konzert") baut ihr Lager in einem Waisenhaus für Mädchen auf. Der einzige Junge im Heim, ein dürrer Rotschopf mit grimmigem Blick (Pavel Wenzel), will die Eindringlinge in die Flucht schlagen und bedroht sie mit einem MG, das doppelt so schwer ist wie er selbst. Statt ihn, wie andere Volkssturm-Halbwüchsige, einfach an die Wand zu stellen, verpassen ihm die Soldaten eine schallende Backpfeife.

Kein Grund, aufeinander böse zu sein

Offensichtlich ist das Waisenhaus am malerischen Ostseestrand von einer besonders umsichtigen Rotarmisteneinheit heimgesucht worden. Eigentlich soll sie versprengte deutsche Soldaten aufspüren und in Kriegsgefangenschaft nehmen, aber die Sowjets besitzen weder die Mannschaftsstärke noch die Waffen dafür. Als eine Hundertschaft von Wehrmachtskämpfern vor dem Tor steht, wird es brenzlig: Man versucht die Deutschen zur Aufgabe zu zwingen, aber diese warten, als sie sehen, dass sie es nur mit acht Gegnern zu tun haben; am Strand vor dem Waisenhaus seelenruhig auf ein Schiff, das sie nach Dänemark bringen soll.

Kein Grund, aufeinander böse zu sein: Wenn sie sich verhandlungstechnisch nicht gerade auszutricksen versuchen, werfen der russische Hauptmann und sein Wehrmachts-Pendant (Alexander Held) einander respektvolle Blicke zu. Die Stunde Null - in "Vier Tage im Mai" wird sie ein wenig zu kumpelhaft übersetzt mit: Bruder, lass mal 'ne Pause machen.

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Stunde-Null-Drama "Vier Tage im Mai": Wenn die Braunen mit den Roten
Ungünstig nur, dass bald wodkabreit die sowjetische Nachhut ins Waisenhaus einfällt und Anspruch auf die Mädchen erhebt. Der gute Hauptmann stellt sich hinter seine Schützlinge, zieht den Zorn des Oberbefehlshabers auf sich - und ruft schließlich die eigentlich gar nicht mal so unkorrekten Deutschen herbei, auf dass man gemeinsam gegen die notorischen Vergewaltiger kämpft.

So gerne man dieses plötzliches Aufwallen echten Heldenmuts in Zeiten falscher Heldentaten glauben möchte: Vor der psycho-historischen Folie des Zweiten Weltkriegs wirkt dieser Handlungsdreh beinahe zynisch. Ignoriert werden die seelischen Verwüstungen und rassistischen Konditionierungen, die der Stunde Null vorausgegangen waren: Die Wehrmacht hatte im Osten einen Vernichtungskrieg geführt, bei dem 20 Millionen Sowjetbürger umkamen; die Rotarmisten gingen unerbittlich gegen die ehemaligen Besatzer vor.

Russlands sympathische Knollenasen

Wie tief sich diese historische Fakten in die kollektive Psyche der jeweiligen Länder eingegraben haben, kann man in dem Defa-Klassiker "Ich war Neunzehn" studieren, den Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase 1968 gedreht haben und mit dem "Vier Tage im Mai" einige Überschneidungen aufweist. Obwohl in der DDR entstanden, wo man darum bemüht war, an der Unfehlbarkeit des sozialistischen Bruders keine Zweifel aufkommen zu lassen, zeigt er doch, wie unversöhnlich sich Ex-Besatzer und Neu-Besatzer gegenüberstanden.

In "Vier Tage im Mai" indes sind Wunden und Verwüstungen fast vergessen. An den sympathischen russischen Knollennasen scheinen die Menschheitsverbrechen der Nazis wie von Wunderhand vorbeigegangen zu sein; günstigerweise haben sie einen jungen hübschen Bengel dabei, der sich nach der Ankunft im Waisenhaus sogleich ans verstimmte Klavier setzt, um Schumann zu spielen und die junge hübsche Haushälterin zu becircen. Die Hundertschaft an Wehrmachtssoldaten, die im Osten zumindest Zeugen, eventuell auch Urheber von Greueltaten waren, kommt hier als knuffige Kameradschafft daher. Und der braune Haufen ist auf Anfrage sofort dabei, um mit den Roten die Mädels vom Waisenhaus gegen die Angreifer zu verteidigen.

Regisseur Achim von Borries ist eigentlich einer der risikofreudigsten Kino- und Fernsehregisseure des Landes, als letztes sah man von ihm den sensationellen Ulrich-Tukur-"Tatort" "Wie einst Lilly". Mit "Vier Tage im Mai" legt er nun ein Nummer-sicher-Weltkriegsdrama vor, das vor der Trümmerkulisse die emotionale Überwältigung des Zuschauers probt. Die Drehbuchidee stammt vom russischen Hauptdarsteller Aleksey Guskov, auch das Budget wurde zu einem großen Teil mit russischen Geldern bestritten.

So lobenswert dieses Finanzierungs- und Inszenierungsmodell auch erscheint - bei der deutsch-russischen Feelgood-Kooperation war man offensichtlich derartig auf Versöhnung gepolt, dass man die historischen Grausamkeiten lieber gleich ausgespart hat. Völkerverständigungskitsch pur.



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Silberstern, 02.10.2011
1. Klappteil
Jo...Gegenfrage: Muss sich denn jeder deutsche WKII Fiktionsfilm denn auch für die Schandtaten meiner Urgroßväter entschuldigen?
etiennen 02.10.2011
2. Sehe ich..
anders als der Artikel. Völkerverständigung kommt leider oft als Kitsch daher, aber auch dann ist es nicht verkehrt. Nicht alle Wehrmachtsoldaten waren Mörder und auch nicht alle Rotarmisten Vergewaltiger. Dieser Film drückt wenigstens nicht krampfhaft auf die Tränendrüse.
Liberalitärer, 02.10.2011
3. Deutsch gedacht
Die deutsch russische/ukrainische/weissrussische Vergangenheitsbewältigung ist eher ein positives Beipiel. Na klar ist ist es letztlich ein do not mention the war. Man sollte nicht vergessen, teilweise war es auch eine Art Bürgerkrieg. Auch die ehemalige Sowjetunion hat Stalin nicht verarbeitet - inwieweit das D gelungen ist? Manchmal ist es besser so im Sinne der Zukunft. Hass und auch Selbsthass dürfen nicht der Preis der Vegangenheitsbewältigung werden, die ist nämlich nicht interlektueller Selbstzweck. Manchmal ist es besser so. Schwamm drüber - jedenfalls noch.
Kelnor, 02.10.2011
4. Interessant
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik das der Autor dieses aufgeregten Artikels ausgerechnet die bekannteste DEFA-Produktion über den zweiten Weltkrieg "Ich War Neunzehn" als historisch korrektes Beispiel heranzieht, welches nach seiner Meinung in entscheidendem Widerspruch zum vorliegenden Film steht - jedoch genau dieser DDR-Film in seiner Schlussszene eine ganz ähnliche Szene beinhaltet, in der ein deutscher Unteroffizier sich mit den drei sowjetischen Soldaten zusammentut um gegen marodierende SS-Soldaten zu kämpfen. Ein gut gemeinter Rat: Wenn sie das nächste Mal einen Spielfilm auseinander nehmen wollen und dabei andere Filme als Beispiele heranziehen, schauen sie sich das Ganze vorher an. Und noch etwas: Es handelt sich hier, so abstrus und verrückt das auch klingen mag, um einen Unterhaltungsfilm. Es ist kein Historiendrama, keine Dokumentation sondern ein Spielfilm. "The Boy in the striped Pyjamas" entbehrt auch jeglicher historischer Grundlage, das hielt aber einen gehörigen Teil der Presse nicht davon ab, diesen Film zu loben.
Haio Forler 02.10.2011
5. .
Zitat von KelnorEs entbehrt nicht einer gewissen Komik das der Autor dieses aufgeregten Artikels ausgerechnet die bekannteste DEFA-Produktion über den zweiten Weltkrieg "Ich War Neunzehn" als historisch korrektes Beispiel heranzieht, welches nach seiner Meinung in entscheidendem Widerspruch zum vorliegenden Film steht - jedoch genau dieser DDR-Film in seiner Schlussszene eine ganz ähnliche Szene beinhaltet, in der ein deutscher Unteroffizier sich mit den drei sowjetischen Soldaten zusammentut um gegen marodierende SS-Soldaten zu kämpfen. Ein gut gemeinter Rat: Wenn sie das nächste Mal einen Spielfilm auseinander nehmen wollen und dabei andere Filme als Beispiele heranziehen, schauen sie sich das Ganze vorher an. Und noch etwas: Es handelt sich hier, so abstrus und verrückt das auch klingen mag, um einen Unterhaltungsfilm. Es ist kein Historiendrama, keine Dokumentation sondern ein Spielfilm. "The Boy in the striped Pyjamas" entbehrt auch jeglicher historischer Grundlage, das hielt aber einen gehörigen Teil der Presse nicht davon ab, diesen Film zu loben.
Man kann selbstverständlich als Kniff einen Film in einem "bloßen" Unterhaltungsfilm umbenennen, um die Kritik am Kitsch zu entschärfen. Es bleibt aber dennoch Kitsch. Denn der macht auch vor Unterhaltung nicht halt. Es gibt auch unkitschige Unterhaltung.
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