Deutsche in Hollywood Zwei "Fuck", acht "Shit" und ein paar Dutzend Nippel

Jugendfrei und Bordkino-tauglich müssen sie sein - deshalb werden Hollywood-Filme oft drastisch umgeschnitten. Auch Mennan Yapos Thriller "Die Vorahnung" mit Sandra Bullock kam unters Messer. Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über eine einschneidende Erfahrung.


Ich wache auf und sehe, dass mein Telefon blinkt. Mein Rücken tut weh, die Matratze ist viel zu weich. Seit fast 18 Monaten bin ich jetzt in den USA, habe meinen ersten "Hollywood-Film" gedreht, geschnitten und fertig gestellt: "Premonition", auf deutsch: "Die Vorahnung", mit Sandra Bullock.

In dieser Zeit verbrachte ich beinahe 12 Monate in diesem Hotel, dem Le Montrose Hotel, West Hollywood, Los Angeles, Kalifornien. Alle Angestellten kennen mich. Ich wähle die Null, zum Front Desk: "Hey Rosie, my light's blinking. You have a message for me?" "Good Morning, Mr. Yapo. Yes, we have a fax for you. Would you like me to send it up?" "Yes, please."

Regisseur Yapo und sein Star Sandra Bullock: "It's too... European!"
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Regisseur Yapo und sein Star Sandra Bullock: "It's too... European!"

Ich stehe wenige Wochen vor meiner Rückkehr nach Deutschland, noch ein paar Meetings für mögliche, nächste Projekte und die Herstellung der DVD- und der Fernsehfassung von "Premonition". Mein Laptop fährt hoch, ich checke meine Emails. Es ist Dienstag, ich habe nur wenige Stunden geschlafen, denn gestern war die Premiere im Arclight Kino am Sunset Blvd.

Hunderte Fotografen, Dutzende Kamerateams haben draufgehalten, und ich hatte Sandra Bullock im Arm. Alle haben gratuliert, "Mennan, your film looks great!" - "Ja, ok, aber: Wie hat Dir denn der Film gefallen?" - "Oh, I think I didn’t get it. It's too... European!"

Ich öffne eine der E-Mails, sie ist von Sony Pictures, dem Studio, welches den Film ab Freitag ins Kino bringt. Der Verleihchef schreibt, es sehe gut aus, wir "tracken" stark, der Film wird mit etwa 20 Millionen Dollar Box Office am Wochenende starten, was super wäre, da er doch genau so viel gekostet hat. Platz 2 der Charts wäre "great", denn die 1 wird wieder an "300" gehen. Anbei noch ein gutes Dutzend Excel-Dateien mit den Daten, die seine Einschätzung unterstützen. Ich wundere mich, wie sie das vorhersagen können, wie das "Tracking" funktioniert, als es an der Tür klingelt.

Der Bellboy, der auch meistens mein Auto parkt oder holt, heißt Art, und er ist Drehbuchautor. Er begrüßt mich locker, will cool sein, hat aber enormen Respekt. Er habe mich heute Morgen bereits im Fernsehen gesehen und ist schon total "excited." Am Freitag wird er sofort ins Kino laufen, ist doch klar. Ob ich denn schon sein Skript gelesen hätte? "No, I'm sorry..." Kein Stress, er versteht das, natürlich, ich habe sicher viel zu tun. Aber er ist überzeugt, dass mir das Drehbuch gefallen wird, es sei eine Mischung aus "The Sixth Sense" und "Erin Brokovich." Ich verspreche, dass es nächste Woche passieren wird, er gibt mir das Kuvert mit dem Fax und geht: "Good luck, man!

Keine nackte Brust

Das Fax stammt von der TV-Abteilung von Sony, dem Studio, das "Die Vorahnung" produziert hat. Es geht um jene Versionen, die im Fernsehen und im Bordkino von Flugzeugen laufen - sie müssen entschärft sein. Aus diesem Grund hatte ich schon einige Szenen in zwei Fassungen gedreht.



Wenn Sandra Bullock etwa raucht, muss diese Szene auch ohne Rauchen gedreht werden. Ich habe dann aber alle Szenen so geschnitten, dass man Sandra Bullock nie an der Zigarette ziehen sieht, höchstens, wie sie den Rauch aus dem Mund bläst. Also blieben diese Szenen in allen Fassungen gleich.

Man darf keine nackte weibliche Brust, geschweige denn Genitalien zeigen. Auch dürfen maximal zwei "Fuck" und acht "Shit" im Dialog auftauchen. Zumindest hatte mir das auf einer Party ein Drehbuchautor betrunken erzählt und hinzugefügt: "Du musst dich aber mit der MPAA anlegen, ansonsten kriegst du nur ein 'fuck' und vielleicht zwei oder drei 'shits' rein. Und auch nur dann, wenn sich das 'fuck' nicht auf Sex bezieht."

Die MPAA (Motion Picture Association of America) ist das amerikanische Pendant zur deutschen FSK, der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Jack Valenti hieß fast 40 Jahre lang der Mann an der Spitze der MPAA. Einst war er Präsident Lyndon B. Johnsons "special assistant". Ein Saubermann, der keinen Spaß versteht. Seine Richtlinien sind eisern und auch heute noch gültig.

"Heat" als Stummfilm

Ich sehe mir das Fax genauer an. Die TV-Version, heißt es darin, sei leicht herzustellen, man müsse lediglich das eine "fuck" und die zwei "shits" ersetzen beziehungsweise im Ton "muten", also stumm machen. Ich frage mich, wo denn da der Sinn liegt? Man sieht doch, wie der Schauspieler seine Lippen bewegt, ist doch klar, dass er "fuck" sagt. Vor ein paar Tagen erst hatte ich Michael Manns "Heat" im Fernsehen gesehen, in einer Art Stummfilmfassung: Denn Al Pacino hat da wohl mehr als hundert "fucks" und "fuckings".

Für die Airline-Version, also die Fassung, die auf amerikanischen Inlandflügen gezeigt wird, gebe es die beigelegten sechs Seiten umfassenden Änderungen. Jeder Nippel einer weiblichen Brust, der durch ein T-Shirt durchscheint, muss entweder rauskadriert werden, also man vergrößert die Einstellung, bis der Nippel aus dem Bild ist, oder man muss ihn retuschieren, ihn digital wegbügeln.

Auch Blut darf nicht gezeigt oder muss schwarz eingefärbt werden, jemandem im Flugzeug könnte ja schlecht werden. Oder, schlimmer noch, er könnte in einen Blutrausch geraten. Deshalb, erklärt mir der Cutter, den ich anrufe, müsse der Film jetzt so verändert werden, dass er mit "G" bewertet wird, mithin für alle Zuschauer freigegeben werden kann.

Der Cutter heißt Glenn, und er versichert mir, dass er das schon Hunderte Male gemacht hat. Noch nie habe sich ein Regisseur bei ihm beschwert. Na ja, die meisten Filmemacher würden sich die Fassung sowieso nicht ansehen. Aber keine Angst, ich würde nichts merken.

Mein Telefon klingelt, es ist mein Agent. Er habe ein Angebot reinbekommen, ein Südstaatendrama über Rassismus mit Halle Berry und Billy Bob Thornton. Ich wundere mich etwas und sage vorsichtig: "Kommt mir irgendwie bekannt vor..."

Bullocks blutige Hände

Auf dem Studiogelände verirre ich mich natürlich, doch irgendwann sehe ich einen untersetzten Mann, der aussieht wie Truman Capote und mir mit sehr hoher Stimme zuruft. Das ist also Glenn. In seinem Schneideraum reicht er mir seine Vita, aus der ersichtlich ist, dass er bis vor neun Jahren Spielfilme geschnitten hat. Glenn ist ein Messie, entsprechend schwer ist es für mich, einen Sitzplatz in dem winzigen Schneideraum zu finden.

Wir sehen uns den Film an, und er zeigt mir jede Stelle, die er verändert hat. Da einige "blutige" Stellen mit Handkamera gedreht wurden, kann man sie nur mit viel Geld- und Zeitaufwand einfärben, also hat Glenn das Blut einfach rausgeschnitten. In einer Szene, in der Sandra Bullock beim Wäscheaufhängen im Garten auf eine tote, blutige Krähe stürzt, fehlt nicht nur die Krähe - denn ein totes Tier darf nicht gezeigt werden -, auch Bullocks blutige Hände sieht man nicht. Aus nun völlig unerfindlichen Gründen ist sie entsetzt, rennt ins Haus und säubert wie wild ihre Hände in der Küche. Man könnte meinen, sie sei eine psychotische Hausfrau mit Waschzwang.

Ich sage Glenn, dass das so nichts werde. Ob er denn nicht sehe, dass hier der Auslöser für das Verhalten fehlt. Doch, schon, aber er habe nun mal extrem konservative Vorgesetzte.

Er rät mir, die Chefin des Airline Departments anzurufen. Die würde bestimmt zittern, wenn mal ein Regisseur anruft, und sicher von ihrer harten Linie abweichen. Ich tue das sofort, und tatsächlich: Zitternd kommt die Dame, mit einer Assistentin, die alles stenografiert.

Den ganzen Tag lang gehen wir den Film durch, ich kämpfe um jeden Millimeter, um den Originalzustand zu erhalten. Nach ein paar Dutzend Nippelretuschen, mehrmaligem Einfärben von Blut und Vergrößern von Einstellungen ist die Airline-Chefin ganz glücklich. Ich sei ein wahrer Künstler! Sie werde den Fluggesellschaften einen Brief schreiben, in dem stehe, dass der Regisseur sich persönlich um diese Fassung gekümmert hat. Dann bittet sie mich um ein Autogramm. Zufrieden erzähle ich ihr von einem deutschen Sprichwort: "Ausnahmen bestätigen die Regel".

Am nächsten Morgen wache ich auf und sehe das Telefon blinken. Meine Rückenschmerzen werden nicht besser. Es ist Sonntag, vor zwei Tagen ist mein Film in über 2800 Kinos in den USA gestartet. Diesmal wird das Fax von einem anderen Bellboy gebracht. Gott sei Dank, denn ich habe das Drehbuch noch nicht gelesen.

Das Studio schreibt, dass im Osten und Nordosten das miserable Sturmwetter anhält. Wir werden somit "nur" auf Platz drei landen, mit ungefähr 18 Millionen Dollar Einspiel am Startwochenende. Man glaubt, wir hätten durch das Unwetter etwa 10 Prozent eingebüßt und deshalb die 20-Millionen-Dollar-Hürde nicht geschafft. Aber immerhin, der bisher beste Start eines Sandra-Bullock-Films.

Ich greife mir das Drehbuch des Bellboys und fange an zu lesen.



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