Deutsche Kinokrise Die fetten Jahre sind vorbei

Und wo bleibt das Happy End? Trotz eines saisonalen Aufschwungs leiden Deutschlands Kinos dauerhaft an Besucherschwund. In Hamburg musste nun ein Traditionshaus schließen - auch weil die Politik lieber auf teure Prestigeprojekte setzt.

Von Felix Disselhoff


Es war ein brutales Jahr: Mit beinahe sechs Prozent Umsatzeinbußen und einem Besucherminus von über acht Prozent fuhr die Kinobranche 2007 eines der schlechtesten Ergebnisse seit langem ein; das derzeitige saisonale Besucherhoch reicht für wenig mehr als kurz durchzuatmen. Bei der Ursachenforschung geben sich die Experten erfinderisch. Das Angebot sei zu groß, das Fernsehen zeige genug gute Filme, das private Heimkino und das Internet ließen potentielle Kinogänger auf der heimischen Couch sitzen. Außerdem sind DVDs viel schneller erhältlich als noch vor fünf Jahren. "Die Legende von Beowulf" geisterte noch im November letzten Jahres über die Leinwand - seit Mitte März gibt es sie überall zu kaufen. Keine Legende ist, dass der Deutsche nur noch 1,5 Mal pro Jahr ins Kino geht. Seit 2002 verloren deutsche Kinos ganze 39 Millionen Besucher. Das hat zur Folge, dass immer mehr Spielstätten geschlossen werden - so wie jüngst der Hamburger Grindel-Ufa-Palast.

Staub der Filmgeschichte

Die Besucher des Hamburger "Grindel" konnten noch ein Gefühl dafür bekommen, was Kino in den Fünfzigern bedeutete: Säle mit sechshundert Sitzen, Stuck an den Wänden, schwere Samtvorhänge, in denen sich der Staub der Filmgeschichte sammelte. Romy Schneider erschien hier zu Premieren, "Doktor Schiwago" hatte hier seine Uraufführung. Doch vergangene Woche öffnete sich hier der Vorhang zum letzten Mal. Bald soll über der Leinwand die Abrissbirne schwingen.

Einer, der bis zum Schluss für sein Lieblingskino gekämpft hat, ist Sven Feddern. Nur hier gab es die neuen Filme in der Originalversion, neue 3-D-Projektoren und die Technik, um die alten 70mm-Breitband-Streifen abzuspielen. Kurzum: ein Mekka für Filmliebhaber. Mit dem "Sneak"-Team sorgte Feddern jeden Montag für 600 ausgebuchte Plätze. In der "Sneak" zeigte das Kino Filme vor dem offiziellen Starttermin. Vorher versteigerte Feddern DVDs, begrüßte neue Gäste und ließ eine thematisch kombinierte "Trailershow" laufen - die Fangemeinde durfte dann den Überraschungsfilm des Abends erraten.

Die "Sneak"-Fans saßen nie still. Ständig diskutierten sie, kommentierten das Geschehen auf der Leinwand. Es gab kein monotones Popcorn-Knirschen, Liebesszenen endeten immer in aufbrausendem Applaus. Die "Sneak"-Gemeinde war ein eingespieltes Team, Liebhaber reisten aus dem fünfzig Kilometer entfernten Buxtehude an. "Ein altes Pärchen wollte sich nach der letzten Vorstellung sogar von ihrem Kino verabschieden. Allein. Die haben hier die Uraufführung von Doktor Schiwago miterlebt", erinnert sich Feddern.

"Kulturelle Kleinode werden ausradiert"

Letztes Jahr ließ das zuständige Bezirksamt Eimsbüttel in einer Pressemitteilung verlauten: "Das Kino soll auf Grund einer langfristig fehlenden wirtschaftlichen Perspektive aufgegeben werden." Stammgäste und Kinomitarbeiter schlossen sich daraufhin zusammen und riefen die "Initiative Pro Grindel e.V." ins Leben, die rund 15.000 Unterschriften von Anwohnern und Kinobesuchern sammelte. Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) zeigte Verständnis - für mehr reichte die Zeit allerdings nicht, schließlich war Wahlkampf. Und die parteilose Kultursenatorin Karin von Welck erklärte sich für nicht zuständig. Sie verwies auf die Wirtschaftsbehörde - zum Ärgernis der Kinofreunde. "Für Prestigeobjekte wie die Elbphilharmonie wird eine Viertelmilliarde ausgegeben. Und solche kulturellen Kleinode werden ausradiert. Ich bin sauer auf die Stadt", ärgert sich Feddern. Das bereits 2006 von einem privaten Investorenteam gekaufte, heruntergewirtschaftete Traditionshaus soll nun noch dieses Jahr abgerissen werden - das Kino wird Eigentumswohnungen Platz machen.

Mit der Schließung am vergangenen Mittwoch erreichte die Geschichte der deutschen Ufa-Theater-AG den Tiefpunkt. Ende der Dreißiger spielten über 5000 Kinos unter den Namen der Universum Film AG. Nach 85 Jahren ging das Unternehmen 2002 in Insolvenz. Das "Grindel" trug zuletzt nur noch auf seinen Leuchtreklamen den Namen der Kinokette.

Schuld an diesem Niedergang war auch die deutsche Kinorevolution, die Anfang der Neunziger begonnen hatte: Deutschland wuchs. Und seine Kinos wuchsen mit. Multiplexe mit acht und mehr Leinwänden und mehr als 1600 Sitzplätzen verdrängten die kleinen Kinos. Die wurden zum Sammelbecken für Nischenprodukte, Autorenfilme und Cineasten. Die Massen strömten in neue Hallen aus massiven Stahlträgern und Fensterfronten, angegliedert an Einkaufspassagen oder aus Platzgründen in die freie Landschaft gewuchtet.

Doch im Gegensatz zu all den anderen veralteten Ufa-Kinos wurde Hamburgs Grindelpalast ständig mit neuer Technik ausgestattet, um der Multiplexkonkurrenz standhalten zu können. Geholfen hat auch das nicht. Dass nun nach der Schließung die Bauplanung durch das Bezirksamt vorerst gestoppt wurde, ist schon ein Treppenwitz.

Cinematografische Wollmilchsau

Hamburgs Fördergelder scheinen zur Zeit eher in außenwirksame Leuchtturmprojekte zu fließen, die weniger für Hamburgs Bevölkerung als für die von der Stadt so umworbenen Touristen attraktiv sind. Unter dem Motto "Metropole Hamburg – Wachsende Stadt" will der Senat mit der geplanten Elbphilharmonie international auf sich aufmerksam machen. Bislang waren 241,3 Millionen Euro veranschlagt worden, davon sollte die Stadt 114,3 Millionen Euro beisteuern. Neue Baurichtlinien sorgen nun dafür, dass weitere 20 Millionen dazukommen - auch dafür scheint Geld da zu sein.

Nach Ansicht der Kultursenatorin von Welck zahlt sich die Leuchtturmpolitik international aus: "Die Amerikaner sagen, sie wissen endlich, wo Hamburg liegt. This puts Hamburg on the map." Und wer Kinoförderung mit den architektonischen Großprojekten vergleiche, liege ohnehin falsch: "Bei der Elbphilharmonie handelt es sich um Investitionen in den Bau. Bei der Kinoförderung geht es ja in erster Linie um Betriebskosten", so die Senatorin.

Ein Kino wie das "Grindel" scheint also als cinematografische Wollmilchsau weder in das Konzept Hamburgs noch in das Kinodeutschland des 21. Jahrhunderts zu passen. Zu wenig Arthouse für die Kulturbehörde, zu viel Filme in der Originalversion für synchronsprecherverwöhnte Kinogänger und zu viel Blockbusterkino neben den Multiplexen.

Sven Feddern und das "Sneak"-Team sind jetzt in das kleine aber feine Streit's Filmtheater am Hamburger Jungfernstieg umgezogen. Noch eine Kinoschließung möchte er nicht miterleben. Doch Happy Ends gibt es ja bekanntlich nur im Kino.



insgesamt 8 Beiträge
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fabchief, 02.04.2008
1. Bitte nicht noch mehr Subventionen
Ich würde es nicht wollen, daß jetzt auch noch Kinos subventioniert werden. Da würde man die nächste Büchse der Pandorra aufmachen. Mal abgesehen davon, wäre es auch eine Wettbewerbsverzerrung zu Ungunsten der grösseren Kinobetreiber. Die zeigen nämlich inzwischen oft genug auch Filme die man vor ein paar Jahren nur im Arthousekino sah. Sollen sie doch. Ich persönlich habe nämlich langsam so manche Uralttechnik im Arthousekino (samt unbequemer Klappsitze) auch satt.
DJ Doena 02.04.2008
2. Will noch jemand 'n Eis?
Also ich reiße den Schnitt von 1,irgendwas Kinobesuchen eindeutig nach oben. Allein dieses Jahr war ich schon fünf Mal im Kino ("I am Legend", "Keinohrhasen", "Cloverfield", "John Rambo", "8 Blickwinkel") und nächste Woche geht's in "Jumper". Allerdings gehen wir grundsätzlich nur Dienstags (Kinotag). 5€ für die Karte sind mehr als genug, 8€ oder 9€ für einen Sonntag sind definitiv übertrieben. Wobei der Film auch kinowürdig sein muss, also etwas für die große Leinwand. Zugegeben, ich war auch in "Keinohrhasen", aber allzu viele Komödien/Romanzen gucke ich nicht auf der großen Leinwand. Am nervigsten am ganzen Kinobesuch sind die fünf Minuten Rumsitzerei, weil "jemand noch'n Eis will".
jananie 03.04.2008
3. Kinos zu teuer
"Das Angebot sei zu groß, das Fernsehen zeige genug gute Filme, das private Heimkino und das Internet ließen potentielle Kinogänger auf der heimischen Couch sitzen. Außerdem sind DVDs viel schneller erhältlich als noch vor fünf Jahren." Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, dass Kinos einfach nur zu teuer geworden sind? Ich habe die letzten 3 Monate in Paris verbracht. Ich denke eine der teuersten Städte der Welt, vor Allem was Lebenskosten und Unterhaltung angeht. DORT BEKOMMT MAN EINE "KINO-FLAT" FÜR 20€ IM MONAT! Das bedeutet, dass man in Deutschland seine 20€ mit 2-3 Kinobesuchen ausgegeben hat, während in Paris theoretisch 2-3 Vorstellung PRO TAG möglich währen.Dementsprechend hängen dort auch in der ganzen Stadt, in jeder Metro, an jeder 2. Bushaltestelle Filmplakate. Sind Kinoleiter keine Wirtschaftswissenschaftler? Sonst müssten sie sich eigentlich denken können, dass die Nachfrage sinkt wenn der Preis steigt. Trotzdem begehen sie genau den gleichen Fehler wie die Bahn: Es kommt keiner, die Kosten werden nicht gedeckt, also heben wir die Preise damit wir mit den aktuellen Kunden die Kosten decken können. Eine Milchmädchenrechnung und das Ergebnis ist offensichtlich. Ich denke, dass die Kinos eine lebhafte Kinokultur in Deutschland selber unterdrücken. Und wie so oft wird der Grund überall gesucht nur nicht bei sich selbst.
Jörn, 04.04.2008
4. ne, so nicht mehr
ich gehe fast garnicht mehr ins kino weil, a: es kaum noch gute filme gibt. das meiste ist nur ein aufguss eines bereits erfolgreichen filmes oder sogar schon der dritte oder vierte. b: die preise immer weiter steigen c: besonders bei popcorn und cola. (neulich mal wieder da gewesen, ratatouille, und nur für cola und popcorn waren das mal so locker-flockig 10eurobucks. und cola und popcorn gehören dazu. kino ist nicht nur filmschauen, es soll erlebnis sein) d: es nicht sonderlich bequem ist in diesen supermarkt-ketten-cinestar-kinos (beine austrecken geht nicht) e: nur synchronisierte filme. als star wars - revenge of the sith kam war ich das letzte mal im grindelkino (wegen O-Ton). was ein erlebnis. es ist sehr schade das das kino geschlossen hat. leider war die anreise von lübeck nach hamburg immer etwas aufwendig. f: sogar in kinos gibts immer öfter werbepausen (abgesehen von dem halbstündigen spam schon am anfang). wofür zahle ich soviel geld wenn ich auf die filmzeit gerechnet mehr werbung habe als im fernsehen und ich da schon deswegen keine filme schaue. obwohl es umsonst ist. kino ist kein kulturgut mehr (bis auf ein paar kleine kinos die zu kämpfen haben) es ist industrie. und wie es bei industrie meistens ist, es schmeckt nicht so gut wie bei einem echten koch
lin 2008 04.04.2008
5. Kino als ein Premiumgenuß
Wer geht heute noch zu Kino? Meisten eher die Junge Menschen, die gerne ihre Freizeit mit geliebten oder Kumpeln außer heim verbringen wollten. Für die meisten, Kino in heim ist auch nicht schlecht. Du kannst beliebig ausrüsten wie du leisten kannst, und bist du auch ganz frei von der Termin, ohne Stress, besser versorgt zuhause, und es gibt auch zahlreiche Videos zum Ausleihen! Wofür sollte man noch zum Kino gehen dann?
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