Deutsche Oscar-Hoffnung Im Land der Fremden

Mit ihrem Ehrenmord-Drama "Die Fremde" ist die Regisseurin Feo Aladag im Rennen um einen Oscar. Jetzt hat sie ihren Film in Pakistan vorgestellt - dem Land, in dem am häufigsten Frauen für die Familienehre geopfert werden. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich.

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Aus Lahore berichtet


An einer Stelle im Film erklärt eine junge türkischstämmige, in Berlin lebende Frau ihrer Mutter, sie müsse unbedingt den Mann heiraten, den sie liebe. Daran führe kein Weg vorbei - ihre Begründung: "Ich bin schwanger."

Unruhe im Publikum, die Zuschauer im National College of Arts in Lahore, einer renommierten Kunsthochschule in der pakistanischen Metropole, sind peinlich berührt. "Ohooo!", sagen manche. Andere schnalzen mit der Zunge, es ist eine Mischung aus Mitleid und Missfallen. Wie kann man nur schwanger werden, ohne verheiratet zu sein?

Für die Mutter, ohnehin geplagt vom Freiheitswillen einer weiteren Tochter, bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. Mit leerem Blick sagt sie: "Wir sind ruiniert."

Die Menge applaudiert an dieser Stelle, mitten im Film. Es sind überwiegend junge Leute gekommen zur Vorführung von "Die Fremde", viele Kunst- und Filmstudenten, aber auch einige ältere Damen und Herren, die Bildungsschicht, gewiss weltoffene Menschen. Aber wenn es um die Ehre der Familie geht und um eine Tochter, die ihrer Mutter erzählt, sie habe unehelichen Sex gehabt und sei dabei auch noch schwanger geworden, dann ist klar, bei wem die Sympathien liegen.

Feo Aladag bekommt diese Reaktion nur per SMS mit. Sie steht draußen, vor dem Auditorium der Kunsthochschule, sie nutzt die Zeit, sich zu unterhalten. Es ist keine gewöhnliche Filmpremiere, es ist auch ein bisschen ein Experiment, ob man so etwas zeigen kann in diesem Teil der Welt. Schließlich geht es um das Thema Ehrenmord, im türkischstämmigen Milieu in Berlin zwar, aber Pakistan ist nach Zahlen der Vereinten Nationen das Land mit den meisten Ehrenmorden weltweit. Jeden Tag stehen Meldungen über getötete Frauen in den Zeitungen.

Keine Anklage gegen "die Türken" oder "den Islam"

Aladag hat das Drehbuch geschrieben, die Geschichte einer in Deutschland aufgewachsenen Frau, die ihren gewalttätigen Mann in Istanbul verlässt und gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Zuflucht sucht bei den Eltern und den Geschwistern in Berlin. Mutter, Vater, zwei Brüder und die Schwester - die, die später sagt, sie sei schwanger - freuen sich, Umay wiederzusehen. Aber im Laufe der Tage und Wochen zerbricht die Familie an den Sittengesetzen, sie ist gefangen in ihren Traditionen. Eine Ehefrau gehöre doch ihrem Mann, sagen die Eltern. Sie könne ihn doch nicht einfach sitzen lassen. "Ein, zwei Ohrfeigen" seien kein Grund wegzulaufen, redet der Vater Umay ein.

In Deutschland hätte man hier Empörung erwartet. Das Publikum in Lahore sitzt da und schweigt.

Die Deutungshoheit über eine Geschichte liegt eben nicht beim Autor. Feo Aladag, 1972 in Wien geboren, mit dem Regisseur und Drehbuchautor Züli Aladag verheiratet, der selbst türkisch-kurdische Wurzeln hat, wollte keine Anklage erheben gegen "die Türken" oder "den Islam". Sie wollte die Zwänge beschreiben, die eine konservative, traditionsfixierte Gesellschaft ihren Mitgliedern auferlegt - und wie Menschen daran zerbrechen, auch die Täter. Sie sagt, das Problem könne man angehen, indem man diese Menschen besser in die Gesellschaft integriere. "Dann hängt die Ehre nicht mehr alleine von der Meinung einer ganz bestimmten Gruppe ab."

In Pakistan deuten manche den Film anders. Der Abspann ist vorbei, jemand schaltet das Licht an. Die Hälfte des Publikums verlässt das Auditorium, kein Interesse zu diskutieren. Die andere Hälfte lobt Aladag, manche sagen, wie toll sie es fänden, dass sie nach Pakistan gekommen sei, wo doch alle Welt nur schlecht spreche über dieses Land. Feo Aladag lächelt und bedankt sich. Ein junger Mann, mit schwarzem Zopf, meldet sich zu Wort und traut sich dann doch zu kritisieren: "Warum machen Sie den Islam schlecht? Warum zeichnen Sie ein so klischeehaftes Bild und stellen Muslime als rückständige Menschen dar?"



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Seite 1
mursilli 05.10.2010
1. Fragen
Zitat von sysopMit ihrem Ehrenmord-Drama "Die Fremde" ist die Regisseurin Feo Aladag im Rennen um einen Oscar. Jetzt hat sie ihren Film in Pakistan vorgestellt - dem Land, in dem am häufigsten Frauen für die Familienehre geopfert werden. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,721178,00.html
Ist das also ein deutscher Film? Ein deutsches Thema? Ein deutsches Problem? Erfährt die Welt hier aus Deutschland Antwort und wird durch deutsche Aufklärung erleuchtet? Soll hier wieder deutsche Weltläufigkeit demonstriert werden und all diesen unaufgeklärten, traditionsvernagelten Menschen vorgeführt werden, daß das Licht aus dem Westen kommt. Oder reißt sich das deutsche Feuilleton mal wieder darum, den Brennpunkt zu bilden?
Schlurf1 05.10.2010
2. Titel:
Zitat von mursilliIst das also ein deutscher Film? Ein deutsches Thema? Ein deutsches Problem? Erfährt die Welt hier aus Deutschland Antwort und wird durch deutsche Aufklärung erleuchtet? Soll hier wieder deutsche Weltläufigkeit demonstriert werden und all diesen unaufgeklärten, traditionsvernagelten Menschen vorgeführt werden, daß das Licht aus dem Westen kommt. Oder reißt sich das deutsche Feuilleton mal wieder darum, den Brennpunkt zu bilden?
Der Film gibt überhaupt keine Antworten, er beobachtet praktisch nur, wie eine Gruppe von Menschen so sehr mit Traditionen verhaftet sind und daraus nicht ausbrechen können. Ich konnte keinen erhobenen Zeigefinger entdecken. Aber vielleicht schau ich nicht so intensiv danach.
Abberline 05.10.2010
3. Respekt
Zitat von sysopMit ihrem Ehrenmord-Drama "Die Fremde" ist die Regisseurin Feo Aladag im Rennen um einen Oscar. Jetzt hat sie ihren Film in Pakistan vorgestellt - dem Land, in dem am häufigsten Frauen für die Familienehre geopfert werden. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,721178,00.html
Respekt! Da hat sich Frau Aladag auf ein mutiges Unterfangen eingelassen. Glücklicherweise fühlte sich keiner der Zuschauer "beleidigt". Hoffentlich bleibt das so. Die sogenannten "Ehrenmorde" sollten natürlich ebenso thematisiert werden, wie das Verständnis von "Familienehre". Die Entwicklung von Verständnis zwischen den Kulturen braucht zwingend einen Dialog und der kommt nicht in Gang, wenn solch heikle Themen verschwiegen werden.
keyoz 05.10.2010
4. ein deutscher film
Zitat von mursilliIst das also ein deutscher Film? Ein deutsches Thema? Ein deutsches Problem? Erfährt die Welt hier aus Deutschland Antwort und wird durch deutsche Aufklärung erleuchtet? Soll hier wieder deutsche Weltläufigkeit demonstriert werden und all diesen unaufgeklärten, traditionsvernagelten Menschen vorgeführt werden, daß das Licht aus dem Westen kommt. Oder reißt sich das deutsche Feuilleton mal wieder darum, den Brennpunkt zu bilden?
haben wir hier einen getroffenen hund? deutscher film, thema, problem. sie klingen wie eine/r, der/die möchte, dass sich deutschland um seine eigenen probleme scheren möge, nicht jedoch um ehrenmorde in migrantenfamilien. aber die leben wie im film beschrieben hier in deutschland, also für mich auch ein deutsches problem und ein thema erst recht. die reaktion des jungen pakistani ist beispielgebend für die tendenzielle grundhaltung der muslime gegenüber ehrenmorden. er argumentiert über den islam, über den er selbst nur wenig zu wissen scheint. am wenigsten aber, dass ehrenmorde im koran nicht verbürgt sind. und wenn der film beitragen kann, dass all diese unaufgeklärten, traditionsvernagelten Menschen über dieses thema reflektieren, dann hat er m.E. schon viel erreicht. hut ab vor feo aladag.
kuchenbob, 05.10.2010
5. .
Zitat von mursilliIst das also ein deutscher Film? Ein deutsches Thema? Ein deutsches Problem? Erfährt die Welt hier aus Deutschland Antwort und wird durch deutsche Aufklärung erleuchtet? Soll hier wieder deutsche Weltläufigkeit demonstriert werden und all diesen unaufgeklärten, traditionsvernagelten Menschen vorgeführt werden, daß das Licht aus dem Westen kommt. Oder reißt sich das deutsche Feuilleton mal wieder darum, den Brennpunkt zu bilden?
"Deutsche Oscar-Hoffnung"...hmmmmm. Das ist ja wohl unstrittig. Was für ein Licht strahlt uns denn aus dem Orient entgegen? Ich sehe da nichts.
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