Deutsche Oscar-Party Florian und der Phallus von Hollywood

Mit einer rauschenden Privatparty hoch in den Hügeln Hollywoods haben die Deutschen ihren Oscar-Sieg gefeiert. Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck konnte sein Glück kaum fassen: Selbst Steven Spielberg hatte ihm gratuliert.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - So ein Oscar, staunt Florian Henckel von Donnersmarck, "das ist schon etwas Phallisches". Er wiegt die glänzende Goldstatuette in der Hand, befühlt sie, hebt sie hoch, kann den Blick kaum von ihr wenden. "Die symbolisiert Manneskraft." Und dann lässt er sie tatsächlich rumgehen, damit sie jeder mal anfassen kann. "Ganz schön schwer, was?"

Es ist kurz nach Mitternacht. In der Villa eines erfolgreichen Kinoproduzenten, hoch in den Hügeln Hollywoods, hat sich Deutschlands Filmelite zu einer privaten Sause versammelt, um den Oscar-Gewinn zu feiern. Donnersmarck ist gerade erst eingetrudelt, in einer schwarzen Stretch-Limousine frisch vom Governor's Ball, wo er zuvor noch eben mit den wahren Stars dieser Stadt angestoßen und ihm sein Idol Steven Spielberg sybillinisch zugeflüstert hat: "Congratulations - you'll never get over it."

Doch nun ist Donnersmarck unter Freunden, und es ist, als sei eine jahrelange Last von ihm abgefallen. Sein Gesicht ist befreit von der Spannung dieser Wochen, seine Wangen glühen, und er redet noch schneller als sonst, so freut er sich. "Sechs Jahre lang war ich im Kampfmodus", beschreibt er heiser seinen Weg hierher und drückt seine schwangere Frau Christiane dabei fest an sich. "Jetzt, glaube ich, kann ich erst mal aufhören, zu kämpfen."

Stunden auf dem roten Teppich

Der Blick geht über steil gestufte, tropische Gartenanlagen hinunter auf die Lichter Hollywoods. Dort unten liegt das Kodak Theatre, in dem Donnersmarck die Trophäe Stunden zuvor atemlos entgegen nahm. Die Suchscheinwerfer pendeln immer noch durch den Himmel, obwohl die Zeremonie längst vorbei ist. Palmen und Zypressen säumen die geharkten Kieswege, es riecht nach Hyazinthen und Rhododendren. Idyllischer und zugleich doch surrealer könnte dieser Augenblick kaum sein. "Ich will mal einen Oscar gewinnen", hatte Donnersmarck seinem Bruder schon als Kind prophezeit. Da habe der ihn nur ausgelacht.

Surreal hatte dieser Tag auch schon begonnen. Nach wochenlanger Schlaflosigkeit zwang sich Donnersmarck diesmal ausnahmsweise zur Nachtruhe, um nicht allzu kaputt zu sein für diesen "Preis der Preise", wie er es nennt. Dank zwei Schlaftabletten und zwei Ohrstöpseln habe er dann schließlich auch "neun Stunden wie ein Baby geschlafen".

Schon drei Stunden vor Beginn der Oscar-Verleihung stand er mit Frau Christiane auf dem roten Teppich am Kodak Theatre. Lange tummelte er sich dort vor den Journalisten und internationalen TV-Kameras, um die Atmosphäre zu genießen.

"Guillermo ist so ein toller Kerl"

Drinnen aber wurde ihm dann, bei aller demonstrativen Gelassenheit, doch langsam mulmig. "Da mit meiner Frau zu sitzen, die mir immer die Stange gehalten hat, und mit den Schauspielern, ohne die ich das nie geschafft hätte" - plötzlich war er tief bewegt von der Bedeutung des Moments. Zumal sein ungeborenes Baby während der Verleihung "zum ersten Mal gestrampelt hat".

Sein Nervenpegel stieg spätestens, als die Academy of Motion Pictures and Arts (AMPAS) die Auslandskategorie mit einer bewegenden Collage früherer fremdsprachigen Oscar-Gewinner einstimmte. Federico Fellinis "8 1/2" und "La Strada", François Truffauts "Amerikanische Nacht": Ikonische Filme, mit denen er aufgewachsen ist, "die mir so viel bedeutet haben" und "in deren Gesellschaft ich sein wollte". Erst da sei ihm so richtig klar geworden: "Das ist eine ganz ernste Sache."

Sein Hauptkonkurrent, der mexikanische Regisseur Guillermo de Toro, saß in der Reihe vor ihm. Die beiden haben auf ihrer gemeinsamen PR-Tour in Hollywood über die letzten Tage ein enges Band der Freundschaft geknüpft. "Guillermo ist so ein toller Kerl", sagt Donnersmarck. Er habe sich vorgebeugt und ihm gesagt, er würde sich genauso sehr freuen, wenn er den Oscar gewänne. "Na ja", fügt er grinsend hinzu. "Nicht ganz so sehr."

Anruf beim Vater im Krankenhaus

Und dann stand er plötzlich auf der Bühne, vor all diesen Weltstars und Millionen Zuschauern. "Mir kam es so vor, als ob mein Leben da erst echt geworden wäre", versucht er die Gefühle jener Minuten zu beschreiben. Erst hinterher, da sei ihm "fast schwindelig" geworden. Seine größte Sorge: Dass seine Dankesworte an die Gattin nicht mehr zu hören waren. "Nein", redete er gegen die Musik an, die ihn zum Abgang zwang. "Nur eine Sache noch: Christiane, I love you!"

Als erstes rief Donnersmarck anschließend seinen Bruder an. Dann den Vater, der wegen Leukämie zur Chemotherapie im Krankenhaus liegt. "Komm", habe er ihm am Handy gesagt, "das muss jetzt deine Heilung beschleunigen!"

Zur der Zeit jubeln sich bei der deutschen Party die Dutzenden Gäste schon die Kehlen wund. Darunter: der deutsche Generalkonsul Christian Stocks ("Schön, nicht wahr?", sagt der immer wieder) und "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel, die die ganze Verleihung "schon eine tolle Show" findet.

Singende Bayern

In den verschachtelten Räumen und den Gärten der Produzentenvilla stehen große Plasma-Bildschirme, auf denen die Oscar-Show übertragen wird. Der Champagner fließt (Moet Chandon), in der Bibliothek biegt sich ein pralles Käsebuffet. Auf den Terrassen sind Heizstrahler aufgestellt, denn es ist eine verhältnismäßig kühle Nacht in Hollywood.

Als der Auslands-Oscar verkündet wird, halten sich die Gäste einander an den Händen und fallen sich hernach in die Arme. Einige weinen. Der Diskjockey "DJ Sami", vom Schickie-Hotel Standard geborgt, spielt Madonnas "Celebrate" und Princes "1999". Die Tanzfläche füllt sich. Die Delegation des Bayerischen Rundfunks, der den Film co-produziert hat, singt als Erste mit.

Um kurz nach 22 Uhr trifft das junge Produzentenpaar Quirin Berg und Max Wiedemann ein. Beide saßen mit im Kodak Theatre. "Unglaublich", beschreibt Wiedemann den Augenblick des Oscar-Sieges. "Ich konnte es nicht glauben. Raum und Zeitgefüge gehen etwas aus der Ordnung." Bis zuletzt habe er nicht damit gerechnet, "dass es noch klappt", vor allem, da del Toros "Pans Labyrinth" zuvor noch etliche andere Oscars abgeräumt hatte.

"Den gebe ich jetzt nicht mehr her"

Eine Stunde später rauschen die Co-Stars Sebastian Koch und Ulrich Mühe an. "Florians Rede habe ich gar nicht mitgekriegt", sagt Koch. "Das war wie im Traum." Seine Freundin Carice van Houten formuliert es weniger elegant: "Das ist der Hammer!", keucht sie aufgeregt.

Mühe schleppt einen Schokoladen-Oscar vom Governor's Ball mit sich herum. "Es war unglaublich schön", sagt er mit Glanz im Blick. Seine Frau, die Schauspielerin Susanne Lothar, taumelt erschöpft die Stufen der Villa herunter und fällt ihm weinend in die Arme. Mühes Handy klingelt, es ist seine zwölfjährige Tochter Sophie Marie, die aus Berlin anruft.

Donnersmarck kreuzt als Letzter auf. Er verstreut Oscar-Konfetti aus dem Kodak Theatre und braucht eine geschlagene Stunde, um sich von der Limousine die Treppen hoch bis in die Villa hochzuarbeiten. "Wir sind Weltmeister!", ruft er, seinen Oscar in die Luft schwenkend.

Der ist, wie üblich, bisher noch ungraviert. Auf eine Gravur wird Donnersmarck sowieso verzichten. Denn dazu müsste er ihn noch mal kurz an die AMPAS zurückgeben, und das will er nicht: "Den gebe ich jetzt nicht mehr her."

Korrektur: Im Text wurde Sebastian Kochs Freundin zunächst Antje van Cäse genannt. Der richtige Name lautet Carice van Houten. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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