Deutsche Schauspieler in Hollywood Die Hoffnung stirbt zuletzt

Seit drei Jahren lebt die deutsche Schauspielerin Nina Franoszek in Los Angeles. Anders als viele ihrer emigrierten Kollegen träumt die Grimme-Preisträgerin längst nicht mehr davon, ein Hollywood-Star zu werden.

Von Helmut Sorge


Sie hat sich "ehrlich gefreut" für ihren Kollegen, dessen Name auf den Webeplakaten fast so prominent gedruckt war wie der des Regisseurs Roman Polanski. Thomas Kretschmann, sagt sie, hat aus seinen fünf Tagen auf dem Set in der Rolle eines deutschen Offiziers, "etwas Tolles gemacht, wirklich beeindruckend". Ihr eigener Einsatz war "ganz klein", eigentlich "nicht der Rede wert", aber "vielleicht zieht mich das hoch", in diesem Job könne man das schließlich nie wissen.

Immerhin, "Der Pianist" ist im Frühjahr in Cannes als bester Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Und vielleicht erkennen die Kritiker bei der bevorstehenden US-Premiere tatsächlich, wie talentiert jene Nina Franoszek ist, die in Polanskis Ghetto-Drama eine polnische Flüchtlingsfrau spielt.

Ihre eigene Familiengeschichte ist ähnlich gezeichnet: Ihre jüdische Großmutter ist nach qualvoller Haft in einem Arbeitslager in Polen gestorben. Bald will Nina Franoszek erstmals die Heimat ihres polnischen Vaters bereisen und auch ein Konzentrationslager besuchen, weil sie "einfach ergründen will, wie stark das Drama auf meiner Seele lastete".

Polanski-Film "Der Pianist" (mit Adrien Brody): "Vielleicht zieht mich das hoch"
Tobis

Polanski-Film "Der Pianist" (mit Adrien Brody): "Vielleicht zieht mich das hoch"

Sie ist seit 22 Jahren Schauspielerin. Mit 17 wurde sie entdeckt, vom Enfant terrible der deutschen Filmszene jener Jahre, Rainer Werner Fassbinder. Nachdem sie 1990 in ihrem ersten englischsprachigen Film ("Buster's Bedroom") überzeugte und sich - als Krankenschwester - ihre Szenen mit Donald Sutherland und Geraldine Chaplin eindrucksvoll teilte, bemühten sich immer wieder Hollywood-Regisseure um sie. Aber Nina, Absolventin der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wollte Kunst, nicht Kitsch. Der französische Film hatte es ihr angetan, auch der russische. Was war im Vergleich schon Hollywood? Die Blondine ahnte, was ihr dort bevorstehen würde: "Eine Karriere als Nazi-Weib, bis in alle Ewigkeit."

Steven Spielberg hat sie später einmal für eine Rolle in "Schindlers Liste" vorsprechen lassen und ihre Schauspielkunst gelobt. Letztlich hat er die geborene Berlinerin nicht engagiert, weil die Deutsche ihm "nicht jüdisch genug" erschien. Seit drei Jahren lebt sie nun doch in Hollywood. Obgleich sie 1998 für ihre Rolle als Oberstaatsanwältin Sonja Kroneck im Sat.1-Dreiteiler "Sardsch" mit dem Grimme-Preis geehrt wurde, träumt sie in L.A. nicht mehr davon Hollywood-Star zu werden. "Mit nahezu 40", meint sie selbstkritisch, "wäre das wohl reichlich unrealistisch."

"Spielfeld erweitern"

Gleichwohl will sie von dieser Oase der Egos, Illusionen, Träume und Eitelkeiten nicht lassen, denn in der Filmstadt kann sie ihr "Spielfeld erweitern": Theaterregie, Drehbuch-Studium an der Universität, gelegentliche Synchron-Regie bei Universal Studios und immer wieder Hoffnung.

Schauspielerin Franoszek: "Die Deutschen lieben den Durchschnitt"
Volker Corell

Schauspielerin Franoszek: "Die Deutschen lieben den Durchschnitt"

Womöglich kommt durch den "Pianisten" wirklich "ein Schub", vielleicht wird ein Regisseur auf sie aufmerksam, wenn im Oktober bei Sat.1 ihre letzte Fernseharbeit gezeigt wird, "Körner & Köter", einer Komödie über eine durchgeknallte Familie: Sie erbt eine Villa (schön) und dazu eine sabbernde Dogge (schrecklich). Denn die muss bis in ihre hündische Ewigkeit versorgt werden. Dieser Tage ist Nina wieder in Berlin und macht Pressearbeit für den Köter. Danach reist sie zurück nach Hollywood, wo Drehbücher gelesen werden wollen, auf der Suche nach einer Rolle, die auf ihre Fraulichkeit, Sensibilität und Tiefe, zugeschnitten ist.

Wie Nina Franoszek erleben Zehntausende die Wirklichkeit: Eine 20-Jährige darf in Hollywood noch träumen, den Geschichten jener Männer glauben, die sich als Produzenten ausgeben, als Regisseure vorstellen, in Wahrheit aber ihre Kredite bei American Express nicht tilgen und die Miete nicht zahlen können, vereint unter dem Hollywood-Zeichen mit den arbeitslosen Schauspielern, die als Nachtportiers, Tankwarte oder Kofferträger ihre Dollars verdienen müssen, ihr Honorar für die Illusionen vom Ruhm. Jeder dieser Darsteller kennt die Geschichten, die sie ihr Leid ertragen lässt, mit denen sie sich belügen und ihre Träume ernähren: Neun Jahre hat Vin Diesel in einem New Yorker Nachtklub als Türsteher gejobbt, dann kam der Durchbruch - zunächst mit "The Fast And The Furious" und nun mit dem Agenten-Thriller "XXX". Selbst Whoopie Goldberg, wer unter den Glamour-Süchtigen weiß das nicht, hat in früheren Jahren ihren Unterhalt als Leichenkosmetikerin verdient.

Gutes Mittelmaß mit Hoffnung

Nina Franoszek kann immerhin von ihren europäischen Gagen in Kalifornien leben und auf Engagements hoffen, ebenso wie die in L.A. engagierten Kollegen Hannes Jaenicke und Diego Wallraff ("Largo Winch"), oder auch Hollywood-Veteranen wie Udo Kier oder Jürgen Prochnow. Sie alle haben für namhafte US-Regisseure gespielt, nur leider nie in Hauptrollen. Der vom Newcomer-Star Vin Diesel nach dem "XXX"-Dreh hochgelobte deutsche Darsteller Werner Dähn ("Enemy At The Gates") ist zwar bei "Bild" und "Bunte" bekannt, in den USA jedoch ein Nobody, genau wie Maria Schrader oder Guido Föhrweiser, Gregor Toerzs und Alexandra Kamp, die alle am Pazifik ihr Karriereglück versuchten. Selbst ein Til Schweiger, der in deutschen Gazetten schon vor Jahren als germanischer Tom Cruise gepriesen wurde, hat den Durchbruch so wenig geschafft wie die ehemalige Fernsehansagerin Susan Stahnke.

Hollywood-Aspirant Schweiger: Gutes Mittelmaß mit Hoffnung
DPA

Hollywood-Aspirant Schweiger: Gutes Mittelmaß mit Hoffnung

Schweiger, bisher Nebendarsteller in B-Filmen wie "The Replacement Killers" oder "Driver", sei eigentlich nur nach Kalifornien gezogen, weil seine - amerikanische - Frau an der sonnigen Küste leben wollte, sagt er. Vielleicht trifft das sogar zu. Die andere Wahrheit ist: In den Besetzungsbüros von Hollywood wird der deutsche Star als "B-Minus; upcoming", geführt, als gutes Mittelmaß mit Hoffnung. Tatsache ist: Der in Deutschland oft als Muskelprotz belächelte Ralf Möller, der nie einen Satz auf einer Theaterbühne vorgetragen und selten ein deutsch-englisches Wörterbuch aufgeschlagen hat, steht in Hollywood häufiger vor der Kamera als Schweiger.

Möller hat nie den Anspruch erhoben, Burgschauspieler zu werden. Seine darstellerischen Grenzen, weiß Nina Franoszek, "fallen in Hollywood ohnehin nicht sonderlich auf". Denn: "In keiner Stadt der Welt", so behauptet die Deutsche, die in Los Angeles gerade zwei Theaterstücke inszeniert, "habe ich so viele schlechte Schauspieler gesehen wie hier."

"Irgendwo in der Mitte" zwischen Berlin und L.A.

Allein deshalb will es ihr "einfach nicht in den Kopf", warum die deutschen Talente so "selten den Durchbruch schaffen". Doch die nachdenkliche Deutsche hat auch eine Erklärung parat: "Das hat wohl mit unserer Neigung zum Pathos gegenüber unserer Geschichte zu tun, dem deutsch-jüdischen Problem. Und dass wir seit der Wiedervereinigung als Land noch keine Identität gefunden haben. Wir mögen uns nicht. Wir machen unsere Schauspieler nieder und die Filmemacher sowieso. Aus Angst vor der deutschen Vergangenheit sind Begriffe wie 'Helden', 'Elite' und 'Stars' verpönt, und deshalb lieben die Deutschen den Durchschnitt." Mit diesem Bewusstsein reisen die deutschen Darsteller offenbar in Hollywood an, verunsichert und häufig in der englischen Sprache gehemmt. In Deutschland werden sie auf kleiner Flamme gefeiert, doch hier müssen sie vorsprechen und sich, so Nina Franoszek, "meist ganz hinten anstellen".

Franoszek in der Villa Aurora (mit SPIEGEL-ONLINE- Korrespondent Helmut Sorge): Nachdenken mit Blick auf den Pazifik
Volker Corell

Franoszek in der Villa Aurora (mit SPIEGEL-ONLINE- Korrespondent Helmut Sorge): Nachdenken mit Blick auf den Pazifik

Schon als junge, damals noch verwöhnte Darstellerin wollte sie oft aufhören und einen "ernsten Beruf ausüben". Sie träumte davon, etwa für das Magazin "Geo" Reportagen aus der weiten Welt zu schreiben. Doch "immer wieder" hat sie sich "in eine neue Rolle quatschen lassen, und noch eine". Und nun denkt sie darüber nach "wie es weitergehen soll". Vor der Kamera, dahinter, "oder ganz anders?".

Vor einigen Tagen hat sie sich für PR-Fotos von dem Hollywood-Fotografen Volker Corell, einem Veteranen der Glamour-Szene, ablichten lassen - sinnlich, verträumt, nostalgisch im Stil der dreißiger Jahre, oben in der Villa Aurora, in der Lion Feuchtwanger von 1943 bis zu seinem Tod 1958 lebte. Heute werden hier deutsche Talente einquartiert, Maler, Schauspieler, Schriftsteller, die mit Blick auf den Pazifik nachdenken sollen.

Eine Welt, in die sich Nina Franoszek mühelos einreiht: ein Frauentyp, der ins Gestern passt, in die Romantik, aber auch in der Gegenwart, im Zeitalter der Egos, der Karrierekämpfe und Börsenverluste ihren Platz hat. Sie sieht sich "irgendwo in der Mitte", zwischen Berlin und L.A., zwischen Zukunft und Vergangenheit. Ihr eigenes Engagement für die Villa Aurora, der Versuch Deutschland den Amerikanern näher zu bringen, ist für sie eine "Herzenssache". Ihre unvollendeten Träume werden sicher nicht zu Tränen werden: Sie "atmet und liebt die Facetten der menschlichen Existenz."



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