Deutscher Filmpreis 2011 Clown gefrühstückt, Kino gerettet

Sticheleien gegen die Kollegen, Preisregen für Komödien: Die Lola-Vergabe geriet dieses Jahr zur Feier des Humorigen. Der große Sieger war "Vincent will Meer". Gastgeberin Barbara Schöneberger brachte durch ihre Gags das deutsche Kino in all seinen künstlerischen Facetten zum Strahlen.

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Seine beiden Konkurrenten machten sich sicherheitshalber schon mal lustig über ihn. Klar, Behinderte spielen, das gibt immer Preise, kennt man ja vom Oscar. Eine Wonne war es, Freitagnacht dabei zuzuschauen, wie die drei Schauspieler, die beim Deutschen Filmpreis 2011 als beste Hauptdarsteller nominiert waren, sich gegenseitig auf offener Bühne ihre Rollen madig machten. Alexander Fehling, der in "Goethe!" den deutschen Großdichter gab, piesackte ordentlich August Diehl, der durch die gewichtigen Polit-Epen "Die kommenden Tage" und "Wer wenn nicht wir" gleich zweimal als Radikalinski unterwegs war, und beide zusammen droschen auf Florian David Fitz ein.

Florian David wer? Nein, im deutschen Cineasten- und Kulturenthusiasten-Haushalt war das bislang kein Name. Wer genauer hinschaute, wusste dann aber doch, wie der junge Mann einzusortieren ist: Genau, das ist doch der Lackaffe aus der RTL-Comedy "Doctor's Diary"! In der Kinokomödie "Vincent will Meer", für die er selbst auch noch das Drehbuch geschrieben hat, spielte er nun einen jungen Mann, der unter dem Tourette-Syndrom leidet. Und wie es seine Kollegen vorausgesagt hatten, wurde er dann tatsächlich als bester Schauspieler geehrt.

Fitz' anschließende Danksagung war von einer auf Galabühnen seltenen und rührenden Offenheit. Als er den Behinderten-Stoff "gepitcht" habe, wusste er angeblich schon: "Das riecht nach frustriertem Seriendarsteller, der endlich einen Preis gewinnen will. Es war nicht meine Absicht, aber es hat funktioniert." Und wie: Die Lola in Gold ging zum Abschluss auch noch an die von ihm angeschobene und von Ralf Huettner inszenierte Produktion.

Verschnaufpause von der deutschen Grimmigkeit

Die 61. Vergabe des Deutschen Filmpreises geriet auf diese Weise zu einer Feier des Humorigen. Schließlich kassierten auch die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, die über ihren Erfolg nicht minder überrascht waren als Fitz, mit ihrer Komödie "Almanya" im großen Stil ab: Erst gab es für die immer aufgekratzten Deutsch-Türkinnen die Drehbuch-Trophäe und am Ende dann für ihren Film insgesamt die Lola in Silber.

War diese geballte Albernheit für den deutschen Cineasten überhaupt zu ertragen? Das Prä-RAF-Psychogramm "Wer wenn nicht wir" von Andres Veiel wurde nur mit der Bronze-Lola bedacht, der große Favorit Tom Tykwer erhielt für sein virtuoses Erotikdrama "Drei" lediglich den Regiepreis, der rigorose Formwille des jungen "Das Lied in mir"-Schöpfers Florian Cossen war ausschließlich in Nebenkategorien belohnt worden. Und dafür räumte Populäres wie eben die Psychiatrie-Schnurre "Vincent will Meer" (mehr als eine Million Kinozuschauer) und der Döner-Ulk "Almanya" (wird die Millionenmarke demnächst erreichen) ab. Darf das sein?

Ja, eigentlich schon. Man hatte dieses Jahr beim Deutschen Filmpreis das Gefühl, der Kinobetrieb legte mal eine kleine Verschnaufpause von der eigenen Grimmigkeit ein. Dazu passte, dass Barbara Schöneberger eine glänzende Figur machte, oder besser gesagt: eine glitzernde. Sie hatte sich in unterschiedliche enge Paillettenkleider, wie sie es selber nannte, schießen lassen. Mal sah sie aus wie der als Frau verkleidete Jack Lemmon in "Manche mögen's heiß", mal wie ein gemästeter Lachs. Auf jeden Fall fühlte sie sich offensichtlich wie ein Fisch im Wasser und verspritzte wunderbare Sottisen gegen die gesamte deutsche Film- und Fernsehprominenz von Ferres bis Furtwängler.

Entertainment und Requiems? Lieber nicht!

Clown gefrühstückt, Kino gerettet: So ließe sich das Motto der diesjährigen Filmpreisgala im ZDF zusammenfassen. Zumal es den Machern eben gerade durch Schönebergers Nummernrevue geglückt ist, auch den Nebensektionen die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Nachdem die Moderatorin gekonnt die Gesichtsleiche Nicole Kidman imitiert hatte, gab es die Auszeichnung für die beste Maske für "Goethe!" (Kitty Kratschke, Heike Merker); nachdem sie sich in ein weiteres Kleid gezwängt hatte, wurde das Ausstattungsmeisterwerk "Poll" fürs beste Kostüm (Gioia Raspé) bedacht. Schönebergers bildschirmfüllende Exzentrik stand also ganz im Dienst der Sache, auch das Nicht-Fachpublikum blieb dran, als die Kunst des Kinos in all ihren herstellungstechnischen Facetten präsentiert wurde.

Nur als es richtig feierlich werden sollte, kam die Show ins Schlingern: Als man der im letzten Jahr verstorbenen Künstler gedachte, ging die Kamera zu oft auf die Sängerin Meret Becker, so dass nur die Hälfte der Toten im Fernsehen zu sehen war. Hochtouriges Entertainment und Gedenken, vielleicht geht das eben doch nicht so leicht zusammen.

Souverän andächtig wurde es eigentlich nur, als der große Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ("Solo Sunny") für sein Lebenswerk geehrt wurde: Gewohnt trocken, Berlin im Hinterkopf, brachte der 80-jährige Dialogminimalist, der zurzeit wieder einige Eisen im Feuer hat, sein Glück auf den Punkt: "Ich bin nicht nur erfreut, sondern auch ermutigt - und das braucht man in jedem Alter." Gegen all das drollige Gequatsche beim Filmpreis 2011 dürfte Kohlhaase nicht wirklich was gehabt haben: Das gesamte Drama des Lebens, er brachte es für seine besten Dialoge in urkomischen Zweizeilern zum Funkeln.

Wirklich, ein bisschen Humor hat dem deutschen Kino noch nie geschadet.

insgesamt 47 Beiträge
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kajoter 09.04.2011
1. Wie immer
Diese ganze Filmszene ist, wenn man das "Vergnügen" hatte, hinter den Kulissen mitzuwirken und sie zu beobachten, in der Regel eine eitle, niveaulose Ansammlung von Schauspielern und Regisseuren, die letztlich nach dem Zufallsprinzip dort hingekommen sind, wo sie sind. Davon mal abgesehen: niveauvolle, idealistische Schauspieler meiden das Medium und bleiben im Theater.
enrico-pallazzo 09.04.2011
2. peinlich
die ganze sendung war peinlich und es nicht zu sagen,in den medien,ist es noch viel mehr. ein wenig mehr niveau im fernsehen würde uns allen gut tun. scheint aber ungemein schwer zu sein,nicht nur für rtl,sat1 & pro7.
Foul Breitner 09.04.2011
3. Das Lustige
bei Deutschen Filmpreisen ist, daß sich die Preise fast selbst vergeben...nichtsdestotrotz, "Poll" ist ein recht guter Film.
Piefke, 09.04.2011
4. der teutsche Film .. an sich ...
Zitat von sysopSticheleien gegen die Kollegen, Preisregen für Komödien: Die*Lola-Vergabe geriet dieses Jahr zur Feier des Humorigen.*Der große*Sieger war "Vincent will Meer". Gastgeberin Barbara Schöneberger brachte durch ihre Gags das deutschen Kino in all seinen künstlerischen Facetten zum Strahlen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,755987,00.html
ja ganz ganz toll der deutsche gäääähnnnn ... schnarch*** film .. hust***
Der Markt, 09.04.2011
5. .
Oscar für Arme.
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