Deutscher Filmpreis 2014 Nicht-Glamour und Null-Geist

An dieser Verleihung stimmte nur der Hauptpreis: Beim Deutschen Filmpreis wird zu Recht "Die andere Heimat" von Edgar Reitz mit den wichtigsten Auszeichnungen bedacht. Die Show mit Moderator Jan Josef Liefers aber grenzte an Dilettantismus.

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Man kann Edgar Reitz am Freitagabend bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises gar nicht genug danken. Zu allererst für sein wunderbares Epos "Die andere Heimat". Aber dann auch für seine klugen, präzis gewählten Worte, mit denen er die Preise für den Film (Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Film des Jahres) entgegennahm. Sie sorgten für die wenigen Momente von Intelligenz und Würde bei einer Show, die - würde sie jemand ernst nehmen - die deutsche Filmbranche eigentlich in die Existenzkrise stürzen müsste.

Regie, Licht, Dramaturgie, Moderation: Bei dieser Gala stimmte rein handwerklich einfach nichts.

Die Qualen begannen gleich mit der Moderation von Jan Josef Liefers. Mit fürchterlichem Timing manövrierte sich der "Tatort"-Pathologe an fast jeder Pointe vorbei, die ihm ein Team ohne Zugang zu YouTube-Clips von Tina Fey und Amy Poehler geschrieben haben muss. Dankenswerterweise ließ sich Regisseurin und Autorin Frauke Finsterwalder, deren raffiniert verstörendes Spielfilmdebüt "Finsterworld" Liefers mit Pippi-Langstrumpf-Reimen zu erklären versuchte, dann auch direkt ihre Ablehnung vom Gesicht ablesen. Ein bisschen Hass war hier wirklich nicht fehl am Platz.

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Deutscher Filmpreis: Eine Gala, 16 Lolas, 1800 Gäste
Doch Liefers war beileibe nicht allein schuld am Nicht-Glamour und Null-Geist der Show. Hinzu kamen ein hässliches Licht und eine überforderte Bildregie, die entweder in den unpassendsten Momenten auf "Fack ju Göhte"-Star Elyas M'Barek schnitt oder auf die Gesichter der Verlierer hielt, wenn diese gerade noch zu verdauen hatten, dass es leider nicht zum Sieg gereicht hatte.

So waren mehrere Sekunden lang die von enttäuschter Hoffnung glänzenden Augen von Jella Haase (ebenfalls "Fack ju Göhte") zu sehen, als längst klar war, dass sie in der Rubrik Beste Nebendarstellerin gegen Sandra Hüller aus "Finsterworld" verloren hatte. Dass Drehbuchautor Christian Kracht den Preis stellvertretend für Hüller entgegennehmen würde, war dabei nicht an den Moderator weitergegeben worden, was dieser auch im kleinen Chaos der nachfolgenden Minute ins Mikro sprach.

Dietls amüsant-erratische Danksagung

So ergab sich schnell ein Eindruck von Unprofessionalität, der noch verstärkt wurde, als es ohne erkennbaren Übergang mit der Verleihung des Ehrenpreises für den gesundheitlich angeschlagenen Helmut Dietl weiterging. Dessen amüsant-erratische Danksagung, bei der man nicht wusste, ob er sich wirklich über den Preis freute oder einfach Akademiepräsidentin Iris Berben nicht den Abend verderben wollte, gehörte zu den emotionalsten Momenten. In nicht wenigen Augen blitzten bei seinen Worten die Tränen auf.

Das zu wiederholen schaffte erst Jördis Triebel über eine Stunde später, als sie sich so sehr über ihre Lola als Beste Hauptdarstellerin für "Westen" freute, dass auch das Publikum von tränenseliger Rührung ergriffen wurde. In der Kategorie Bester Hauptdarsteller, die durch die Nichtnominierung des bezaubernden Jan Dieter Schneider ("Die andere Heimat") eh nicht mehr zu retten war, war es dann auch egal, dass Dieter Hallervorden für "Sein letztes Rennen" gewann.

Wobei sich die Akademie bei den Dokumentarfilmen den wohl noch größeren Fehlgriff erlaubte: Mit "Beltracchi - Die Kunst des Fälschens" setzte sich ein handwerklich mittelmäßiger Film durch, der sein Thema auch intellektuell nachlässig behandelte. "Master of the Universe", Marc Bauders brillante Studie über einen ehemaligen Hedgefondsmanager, spielt dagegen in einer Klasse, die für die Filmakademie wohl zu hoch war.

Die meisten Preise gingen an "Das finstere Tal"

So gesehen hatte die Filmakademie in der Hauptkategorie Bester Film des Jahres einiges gutzumachen. Mit der Lola in Bronze für das überladene Stasi/Lebensborn-Drama "Zwei Leben" von Georg Maas schien man noch nicht auf Kurs zu sein. Da hätte man "Love Steaks", dem aufregenden Debütfilm von Jakob Lass, doch eher das Preisgeld von 375.000 Euro gegönnt.

Doch mit dem Preis für "Die andere Heimat" als besten Film des Jahres (dotiert mit 500.000 Euro) ehrte die Akademie schließlich nicht nur die historischen Verdienste des 81-jährigen Edgar Reitz um den deutschen Film - sie ehrte schlicht auch den schönsten, poetischsten, berührendsten Film des Jahres.

Die meisten Preise gingen aber an "Das finstere Tal". Neben der Silbernen Lola für den zweitbesten Film des Jahres (Wert: 425.000 Euro) räumte der Alpen-Western vor allem in den technischen Kategorien ab, was dazu führte, dass jeder zweite Gewinner des Abends dem "Tal"-Regisseur Andreas Prochaska für dessen Vertrauen dankte. So wurde der diesjährige Filmpreis auch zu einer Art Wiedergutmachung für die verhunzte Politik von X-Verleih, die "Das finstere Tal" ohne Not Mitte Februar starten ließ und damit zwischen Berlinale-Trubel und Oscar-Vorfreude versenkte.

Dass der besucherstärkste Film des Jahres, "Fack ju Göhte", allein in der Kategorie "Besucherstärkster Film" ausgezeichnet wurde, wirkte bei einem Preis ohne inhaltliche Orientierung nur konsequent. Als klar war, dass "Fack ju Göhte" in der Hauptkategorie leer ausgegangen war, war Hauptdarsteller M'Barek in einem letzten verhunzten Schnitt zu sehen, wie er sein Handy zückte. Was er wem mitteilte? Es kann nur vom Horror dieses misslungenen Abends gehandelt haben.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
herbert 10.05.2014
1. langweilig diese Sternchenparty !
Zitat von sysopDPAAn dieser Verleihung stimmte nur der Hauptpreis: Beim Deutschen Filmpreis wird zu Recht "Die andere Heimat" von Edgar Reitz mit den wichtigsten Auszeichnungen bedacht. Die Show mit Moderator Jan Josef Liefers aber grenzte an Dilettantismus. http://www.spiegel.de/kultur/kino/deutscher-filmpreis-2014-misslungene-gala-zur-verleihung-a-968634.html
Genau das richtige Wort "Dilettantismus"! Immer wieder die gleiche, langweilige Show mit den Stars und Sternchen. Ich frage mich, wie wird die Show dann gestaltet, wenn diese "Stars" alle 80 und 90 Jahre alt sind? Die Veranstlter sollten sich mal International einiges abgucken, wie man solch eine Show gestalten kann.
Freidenker10 10.05.2014
2. optional
Die ganze deutsche Filmindustrie ist doch ein Witz... Amerikaner, Engländer, Franzosen, Kanadier usw. laufen unserer Filmindustrie doch meilenweit den Rang ab und das liegt nicht nur am Geld! Und dann noch diese bescheuerten Preise... Filme die dem Publikum gefallen, werden schon mal grundsätzlich nicht bedacht... Da feiert sich ein kleiner intellektueller Zirkel wohl selbst!
federweiser 10.05.2014
3. Wie recht sie haben
Diesen Müll habe ich keine zehn Minuten ausgehalten.
h.hass 10.05.2014
4.
Was gibt's beim deutschen Filmpreis schon zu feiern? Deutsche Filme sind quasi durch die Bank indiskutabel und bewegen sich auf dem Niveau unterklassiger TV-Produktionen. Stars, die diesen Namen verdienen (weil sie Charisma und Talent besitzen), haben wir auch keine. Statt gibt es penetrant nervige und unkomische Figuren wie Liefers, die in jeder dritten TV-Produktion zu sehen sind, oder backpfeifengesichtige Schwiegermutterschwärme wie Schweighöfer. Und für diesen ganzen Müll werden dann auch noch gefühlte tausend deutsche Mediengalas abgehalten.
christian simons 10.05.2014
5.
Zitat von sysopDPAAn dieser Verleihung stimmte nur der Hauptpreis: Beim Deutschen Filmpreis wird zu Recht "Die andere Heimat" von Edgar Reitz mit den wichtigsten Auszeichnungen bedacht. Die Show mit Moderator Jan Josef Liefers aber grenzte an Dilettantismus. http://www.spiegel.de/kultur/kino/deutscher-filmpreis-2014-misslungene-gala-zur-verleihung-a-968634.html
Ich male mir in meiner kranken Phantasie gerade eine Barbara Schöneberger und eine Annette Frier aus, die versuchen Tina Fey und Amy Poehler zu emulieren. Oder noch schlimmer: Matthias Schweighöfer als Neil Patrick Harris-Epigone. Mit Liefers krampfiger Witzischkeit sind wir da wohl noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.
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