Deutscher Filmpreis 2016 Das Frühlingsmärchen

Es war ein Abend der Frauen: Laura Tonke gewann, Theresa von Eltz und Regina Ziegler wurden ausgezeichnet, Iris Berben hielt eine kämpferische Rede. Die Gala des Deutschen Filmpreises war dadurch lässiger als vorgesehen.

Laura Tonke
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Laura Tonke


Klar, die Messer waren schon gewetzt. Wie immer, wenn Filmkritiker über den Deutschen Filmpreis schreiben müssen. Über die unverständlichen Nominierungen, die scheinbar arbiträren Regeln, die Auszeichnung von Konsensfilmen, die endlose und hüftsteife Gala. Diese Kritikpunkte lösten sich auch 2016 nicht etwa in Luft auf. Aber angesichts des Frühlingsmärchens, das sich der deutsche Film in diesem Jahr selbst schenkt, bleiben die Messer in der Schublade. Der Spaß, den die Film-Community gerade an sich selbst hat, ist mit Händen zu greifen. Selbst bei dieser trotz allem wieder endlosen, hüftsteifen Gala.

Das Frühlingsmärchen begann schon vor zwei Wochen an der Croisette in Cannes mit dem fulminanten, vollkommen unerwarteten Lauf des deutschen Films "Toni Erdmann" von Maren Ade, der Kritik und Publikum im Sturm eroberte und die Welt staunen ließ, wie witzig und bissig der deutsche Film sein kann. Und es setzte sich gestern Abend bei der Verleihung des deutschen Filmpreises fort, als mit der wunderbaren Laura Tonke eine Schauspielerin gleich zweimal ausgezeichnet wurde, mit deren Namen bis dato viele Zuschauer nicht sehr vertraut gewesen sein dürften.

"Ab und zu wird man halt vergessen, das ist normal", hatte sie noch kürzlich in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE gesagt. Und dann saß sie bei der Gala wie angekettet auf ihrem Stuhl, völlig ungläubig ob ihres Namens, den Laudator Christoph Maria Herbst eben in den Saal gerufen hatte, als es darum ging, die Schauspielerin für die beste Nebenrolle auszuzeichnen. Ihr Gang auf die Bühne wirkte von außen betrachtet wie eine außerkörperliche Erfahrung, und dort erzählte sie dann mit der typischen Offenheit, die ihr immer attestiert wird und mit der sie ihre Rollen spielt, dass sie fest geglaubt habe, in dem Film "Mängelexemplar" fehlbesetzt worden zu sein.

Christoph Maria Herbst
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Christoph Maria Herbst

Dass Laura Tonke dann auch noch die Auszeichnung für die beste weibliche Hauptrolle in der Tragikomödie "Hedi Schneider steckt fest" zugesprochen wurde, war nicht nur völlig verdient, es gab diesem Abend im Berliner Palais am Funkturm auch einen Glanz, den die Filmpreis-Galas der letzten Jahre so nicht zustande brachten. Bei ihrer zweiten Dankesrede an diesem Abend war Laura Tonke dann ganz präsent, teilte mit, dass sie sich schon durch die Nominierung wahrgenommen gefühlt habe und widmete den Preis "allen Schwierigen, die sich nicht anpassen können oder wollen, allen Hedi Schneiders."

Niveau durchaus ausbaufähig

Überhaupt war dies der Abend der deutschen Film-Frauen: Die Regisseurin Theresa von Eltz wurde für "4 Könige" mit einem Filmpreis in Bronze ausgezeichnet, die Produzentin Regina Ziegler erhielt den Ehrenpreis, und Maren Ades Cannes-Erfolg tauchte alles in ein noch helleres Glitzern. Die strukturellen Nachteile von Frauen in der Filmbranche sind damit natürlich keineswegs passé - aber die Messer sollten ja in der Schublade bleiben.

Dankenswerterweise wurde die Show für die zeitversetzte Fernsehausstrahlung auf zweieinhalb Stunden zusammengeschnitten. Die vor Ort Anwesenden mussten dem Vernehmen nach noch eine Stunde länger ausharren. Den Fernsehzuschauern wurde so zwar die kämpferische Rede von Akademie-Präsidentin Iris Berben vorenthalten, die die Künstler dazu aufforderte, angesichts Ausländer- und islamfeindlichen Gedankenguts zu handeln. Sie mussten aber auch nur kurze Ausschnitte der Moderation von Jan Josef Liefers aushalten, dessen Sketche wieder eher semi-witzig und länglich gerieten. Im Gegensatz zur Spontanreaktion von Ronald Zehrfeld, der für die beste Nebenrolle in "Der Staat gegen Fritz Bauer" geehrt wurde. Ihm entfuhr ein herzliches "Ach du Scheiße!"

Edin Hasanovic und Jan Josef Liefers
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Edin Hasanovic und Jan Josef Liefers

Am Ende doch recht erschöpft

Dennoch war man am Ende der Gala bei der Auszeichnung des besten Films dann doch recht erschöpft. Dass auch diesen Preis der Konsensfilm 2016 abräumte - "Der Staat gegen Fritz Bauer" hatte zuvor schon den Preis für die beste Regie und vier weitere Lolas bekommen - vermochte dem mittlerweile im Sessel zusammengesackten Körper keinen neuen Energieschub mehr zu verleihen. Ja ja, schon in Ordnung, das Polit-Drama ist natürlich sehr verdienstvoll.

Künstlerisch um Längen bedeutungsvoller allerdings ist "Vor der Morgenröte" von Maria Schrader, wie "Fritz Bauer" ein politisches Biopic und ein wahres Wunderwerk der Inszenierungskunst. Maria Schrader hätte mit dem Regiepreis ausgezeichnet werden müssen und so den Erfolg der Frauen an diesem Abend noch bedeutend steigern können. Es sollte nicht sein. Dafür durfte Laura Tonke dann zum dritten Mal auf die Bühne. Sie hatte nämlich in einer Mini-Nebenrolle auch noch Fritz Bauers Sekretärin gespielt. Es war einfach ihr Abend.

Ronald Zehrfeld
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Ronald Zehrfeld


Die Gewinner des 66. Deutschen Filmpreises in der Übersicht

Bester Spielfilm in Gold (500.000 Euro): "Der Staat gegen Fritz Bauer" von Lars Kraume

Bester Spielfilm in Silber (425.000 Euro): "Herbert" von Thomas Stuber

Bester Spielfilm in Bronze (375.000 Euro): "4 Könige" von Theresa von Eltz

Bester Kinderfilm (250.000 Euro): "Heidi" von Alain Gsponer

Bester Dokumentarfilm (200.000 Euro): "Above and Below" von Nicolas Steiner

Ehrenpreis (undotiert): Filmproduzentin Regina Ziegler

Bernd-Eichinger-Preis (undotiert): Filmproduzent Stefan Arndt

Besucherstärkster Film des Jahres (undotiert): "Fack ju Göhte 2" von Bora Dagtekin

Beste weibliche Hauptrolle (10.000 Euro): Laura Tonke ("Hedi Schneider steckt fest")

Beste männliche Hauptrolle (10.000 Euro): Peter Kurth ("Herbert")

Beste weibliche Nebenrolle (10.000 Euro): Laura Tonke ("Mängelexemplar")

Beste männliche Nebenrolle (10.000 Euro): Ronald Zehrfeld ("Der Staat gegen Fritz Bauer")

Beste Regie (10.000 Euro): Lars Kraume ("Der Staat gegen Fritz Bauer")

Beste Kamera/Bildgestaltung (10.000 Euro): Markus Nestroy ("Above and Below")

Bestes Drehbuch (10.000 Euro): Lars Kraume und Olivier Guez ("Der Staat gegen Fritz Bauer")

Bester Schnitt (10.000 Euro): Alexander Berner ("Ein Hologramm für den König")

Bestes Szenenbild (10.000 Euro): Cora Pratz ("Der Staat gegen Fritz Bauer")

Bestes Kostümbild (10.000 Euro): Esther Walz ("Der Staat gegen Fritz Bauer")

Beste Filmmusik (10.000 Euro): Alexandre Desplat ("Everything Will Be Fine"

Beste Tongestaltung (10.000 Euro): Roland Winke, Matthias Lempert und Frank Kruse ("Ein Hologramm für den König")

Bestes Maskenbild (10.000 Euro): Hanna Hackbeil ("Herbert")

Die Preisgelder für die Filme sind zweckgebunden für die Herstellung eines neuen Films.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Luxinsilvae 28.05.2016
1. ...
"Es war ein Abend der Frauen: Laura Tonke gewann, Theresa von Eltz, Regina Ziegler und Maren Ades wurden ausgezeichnet, Iris Berben hielt eine kämpferische Rede. Die Gala des Deutschen Filmpreises war *dadurch* lässiger als vorgesehen." Bereits der Teaser ist ganz großes Kino!
Metalfan 28.05.2016
2. Wie sagte schon Heinz Erhard:
Je preiser ein Film gekrönt wird, desto durcher fällt er an der Kinokasse.
christian simons 28.05.2016
3.
Zitat von MetalfanJe preiser ein Film gekrönt wird, desto durcher fällt er an der Kinokasse.
Oder auf neudeutsch: "Fack ju, Wim Wenders." :-)
fuffi379 28.05.2016
4. Na und ?
Bei Fritz Bauer schläft man ein, Frauen sind reichlich vertren. Sonst ? Außer Spesen nichts gewesen ..
Freischärler 28.05.2016
5. Kennt man
Na ja,man weiß inzwischen,daß Filme, Theater und Bücher,die sich mit Themen wie Auschwitz, Holocaust u.s.w. und eben auch Fritz Bauer beschäftigen, von vornherein zum Erfolg verdammt sind.
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