Goldene Lola für "Victoria" Das Comeback der wilden Verwegenheit

Eine mutige "Victoria" als Siegerin, ein Moderator als Würstchen und sogar weltpolitische Schlenker: Die Verleihung des 65. Deutschen Filmpreises war auch als zeitversetzte Aufzeichnung ein kleines Ereignis.

DPA

Nun ist die Gala, ob groß oder klein, ihrem Wesen nach zunächst einmal Behauptung. Das Orchester behauptet hohe Kultur, die Roben und Smokings behaupten Festlichkeit, die Kulissen behaupten Luxus und die Verlierer, dass sie sich nicht ärgern. Dass es diesmal anders werden würde, zeigte sich schon in den ersten Minuten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters wünschte sich in ihrer Eröffnungsrede von deutschen Filmemachern "ein Quäntchen der wilden Verwegenheit", die ein Werner Herzog mit "Fitzcarraldo" an den Tag gelegt hatte. Und dann kam Til Schweiger.

Von Jan Josef Liefers als "ehrlicher Kerl" anmoderiert und als "Freund" gepriesen, standen Schweiger glitzernd die Tränen in den Augen. Ausgezeichnet für den "besucherstärksten" und damit erfolgreichsten Film ("Honig im Kopf") holte er sein komplettes Team auf die Bühne - und widersprach den kaum verhallten Ermahnungen der Staatsministerin mit dem Hinweis, Politiker seien dann wohl heute auch nicht mehr so verwegen "wie Herbert Wehner oder Franz Josef Strauß". Treffer, versenkt.

Dann aber, er ist halt ein ehrlicher Kerl, bedankte sich Schweiger allzu süffisant für die Wiedereinführung der Lola für den besucherstärksten Film: "Leider etwas zu spät, weil sonst hätten wir jetzt schon fünf Lolas!" Damit wirkte er wie ein Gewinner, der gerade im Triumph verrät, dass er sich dennoch ärgert - und nicht zum Klub der wahrhaft verwegenen und darüber hinaus jüngeren Filmemacher zu gehören, denen dieser Abend gehören sollte.

Lieferssche Geistesgegenwart

Geehrt wurde beispielsweise der erst elfjährige Hauptdarsteller von "Jack", Ivo Pietzcker, und zwar mit einer jugendfreien Lola aus Marzipan. Liefers: "Magst du Marzipan?" Pietzcker zögert: "Öh… ja" Darauf Liefers mit liefersscher Geistesgegenwart: "Ich auch nicht!" Später bedankte der Knirps sich artig, wozu er das Mikrofon runterbiegen und sich dennoch auf die Zehenspitzen stellen musste. Die geehrte Kostümbildnerin Barbara Grupp vergaß dagegen ganz, dass sie auf der Bühne in ein Mikro reden sollte. So wurden liebevoll und bereitwillig all jene ins Rampenlicht gerückt, ohne die Kino nicht möglich wäre: Cutter, Musiker, Ausstatter.

Die Präsentationen der einzelnen Kategorien waren abwechslungsreich und überraschend kurzweilig - auch wenn wieder viel geherzt, applaudiert, mit den Armen in die Luft gepumpt, Eltern gedankt und auf dem Weg zur Bühne verstohlen an den Kleidern genestelt wurde. Für die "Beste Tongestaltung" synchronisierte ein Acapellachor live Szenen aus eingespielten Klassikern, den Ehrenpreis als Kostümbildnerin erhielt Barbara Baum aus den Händen einer Iris Berben, die sich als Bethsy Buddenbrook verkleidet hatte. Carolin Kebekus hielt ihre Laudatio in einem Kleid "aus dem 3D-Drucker".

Katja Riemann nutzte die Gelegenheit für einen gesellschaftspolitischen Schlenker. Ihr würde immer häufiger die Rolle der Mutter angeboten, ohne einen Namen, einfach nur "Mutter". Riemann forderte, Frauen müssten sich trauen, "mehr vor die Tür zu treten - damit wir mehr sind als Mütter". Weltpolitisch wurde es bei der Verleihung der Lola für den "Besten Dokumentarfilm" an "Citizenfour". Regisseurin Laura Poitras forderte kurzerhand Asyl für Edward Snowden in Deutschland.

Siegerin Laia Costa auf falschem Fuß erwischt

Hier kam es zugleich zum unfreiwillig komischsten Moment der Veranstaltung. An genau jener Stelle der Laudatio, in der von der "Totalüberwachung und den Lügen der Regierenden" die Rede war, zeigte die Kamera einen ebenso verwirrt wie tendenziell verschlagen dreinblickenden Klaus Wowereit.

Übertroffen wurde diese Komik allerdings noch von Michael Gwisdek, der für seine Präsentation der "Besten männliche Hauptrolle" kurzerhand in die Rolle eines eitlen Schauspielers schlüpfte, der den jungen Gockeln ihre Preise missgönnt. Die würden heute ja schon für "intensive Momente" oder "tolle Szenen" geehrt, dabei kochten sie auch nur mit Wasser: "Beim Film seh' ick doch, wat Regie is' und wat von mir!" Auch bat er, die Unterlegenen mögen sich doch auch einmal richtig ärgern, anstatt ihre Enttäuschung brav wegzuklatschen.

Nichts anderes freilich blieb allen übrig, die in den relevanten Kategorien gegen Sebastian Schippers Echtzeit-Thriller "Victoria" antreten mussten - wäre der Film nicht in einem einzigen Schnitt gedreht, hätte er neben den anderen sechs Auszeichnungen den "Besten Schnitt" auch noch gewinnen müssen. Oder eben deshalb erst recht. Als seine Hauptdarstellerin Laia Costa als "Beste Schauspielerin" auf die Bühne gerufen wurde, musste sie, auf dem falschen Fuß erwischt, zuerst umständlich wieder in ihre offenbar unbequemen Schuhe schlüpfen - sie hatte barfuß im Auditorium gesessen.

Im Video: 140 Minuten Rausch in "Victoria"

Nonchalance zeigte auch Sebastian Schipper, als er die Lola für die "Beste Regie" entgegennahm. Er widme dieses Ding in seiner Hand allen anderen Regisseuren, die nicht ausgezeichnet wurden, die mit ihren Projekten gescheitert seien. Er fühle mit allen, "die sich zu klein fühlen oder zu verzagt", die nicht zur Gala gekommen seien und lieber "später bei SPIEGEL ONLINE gucken, wer gewonnen hat". Seine Größe zeigte sich darin, dass er keine großen Gesten an den Tag legte: "Es geht nicht darum, zu triumphieren. Es geht darum, was zu geben."

Alle Lola-Gewinner im Überblick:

  • Bester Film: "Victoria" von Sebastian Schipper
  • Bester Kinderfilm: "Rico, Oskar und die Tieferschatten" von Neele Leana Vollmar
  • Bester Dokumentarfilm: "Citizenfour" von Laura Poitras
  • Ehrenpreis: Kostümbildnerin Barbara Baum ("Die Ehe der Maria Braun", "Berlin Alexanderplatz", "Aimée und Jaguar")
  • Beste weibliche Hauptrolle: Laia Costa ("Victoria")
  • Beste männliche Hauptrolle: Frederick Lau ("Victoria")
  • Beste weibliche Nebenrolle: Nina Kunzendorf ("Phoenix")
  • Beste männliche Nebenrolle: Joel Basman ("Wir sind jung. Wir sind stark.")
  • Beste Regie: Sebastian Schipper ("Victoria")
  • Beste Kamera / Bildgestaltung: Sturla Brandth Grøvlen ("Victoria")
  • Bestes Drehbuch: Stefan Weigl ("Zeit der Kannibalen")
  • Bester Schnitt: Robert Rzesacz ("Who am I - Kein System ist sicher")
  • Bestes Szenenbild: Silke Buhr ("Who am I - Kein System ist sicher")
  • Bestes Kostümbild: Barbara Grupp ("Die geliebten Schwestern")
  • Beste Filmmusik: Nils Frahm ("Victoria")
  • Beste Tongestaltung: Bernhard Joest-Däberitz, Florian Beck, Ansgar Frerich, Daniel Weis ("Who am I - Kein System ist sicher")
  • Bestes Maskenbild: Nannie Gebhardt-Seele, Tatjana Krauskopf ("Die geliebten Schwestern")
  • Besucherstärkster Film des Jahres: "Honig im Kopf" von Til Schweiger

Im Video: "Victoria"-Regisseur Sebastian Schippers

AP/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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mantrid 20.06.2015
1. Till Schweiger
Über den Schweiger kann man ja denken, was man will. Aber mit "Honig im Kopf" hat er ein schwieriges Thema unterhaltungsgerecht aufbereitet, statt besserwisserisch mit erhobenen Zeigefinger belehren zu wollen. Der verbale Konter gegen die Staatsministerin, à la bon heure.
Maximilian53 20.06.2015
2. Mittelklassigkeit mit Eigenlob
Da bekommt keiner einen "OSKAR" außer an den Füssen.Ein Abend der Darstellung von Mittelmäßigkeit in großer Breite und alle machen mit.Die Hot-Dog Einlagen sind schlimme Entgleisungen des Geschmacks.
Meskiagkasher 20.06.2015
3. Ich bin so froh.
Ich bin so froh, dass ich keinen Fernseher habe. Im internationalen Vergleich dürfte deutsches Medienschaffen wohl der Bodensatz sein.
Icestorm 20.06.2015
4. Victoria
Ich habe den Film gesehen, und war angenehm überrascht. Den Film gerissen haben alle Schauspieler, außer vll. der Mafiaboss, der großmütig nur 20% der Beute wollte ... ähm, ja ... Ich will einen Film mit Schauspielern, denen man ihre Rolle abnimmt, ein Drehbuch das micht mitreißt, einen Regisseur der seine Darsteller pusht. Die Darsteller haben toll improvisiert, doch letztlich ists mir egal ob der Film in nur einer Einstellung ohne Schnitt oder mit vielen interessanten Schnitten realisiert wird, und ob mit Steady Cam oder mit Rig und Kran gefilmt wird. Dann sehe ich alles, ob nun Victoria oder Guardians of the Galaxy. Nach der Preiskrönung von Victoria werden wir uns aber auf eine Flut mehr oder weniger gut gemachter Kopien, Ein-Schnitt-Filme mit mehr oder weniger guten Schauspielern, gefasst machen müssen, als ob das Format die Qualität bestimmen würde. Gute Schauspieler braucht das Land, gute Regisseure und gute Stoffe. Ja, und mutige Regisseure, die dem FFF den Finger zeigen. Das Netz bietet heute viele Chancen, einen Film zu realisieren, ohne von den Geldgebern geknebelt zu werden.
Icestorm 20.06.2015
5.
Zitat von MeskiagkasherIch bin so froh, dass ich keinen Fernseher habe. Im internationalen Vergleich dürfte deutsches Medienschaffen wohl der Bodensatz sein.
Ich habe einen Fernseher, aber hauptsächlich für Presseclub, BR-Wiedergabe und wenige Serien. Schaut man sich das gängige Fernsehprogramm an, kriegt man das kalte Schaudern. Nicht so sehr wegen der Stoffe (man kann "Unser Charlie" auch flott drehen), doch dieser Bodensatz an Schauspielern in Lindenstraße & Co, Schwestern, etc. ist ein Armutszeugnis deutscher Schauspielschulen. Von den Drehbüchern redet man besser garnicht. Ich meine, das deutsche Fernsehen und Kino ist auf dem Stand des US-Fernsehens Anfang der 1990er stehengeblieben. Schnachrlangweilige Stoffe, hölzernes Agieren und Mimik, nein danke. Meißtens sind Kameraführung und Schnitt noch auf Heimvideoniveau "Tante Ernas 90ster".
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