Deutscher Filmpreis Lola 2012: Krank, deutsch, großartig

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Gehirn-Tumore, Nazi-Furunkel, Stasi-Geschwüre: Bei der Lola 2012 wurden mal wieder schwere Stoffe wie Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke" gefeiert - völlig zu Recht: In Sachen krankes Kino sind die Deutschen Weltmarktführer. Ein Lob auf eine Veranstaltung voller Tränen und Häme.

REUTERS

Wann eine Filmpreisverleihung gelungen ist? Das ist ziemlich einfach zu sagen: wenn sich Tränen und Häme in der richtigen Balance befinden, wenn auf das Selbstlob die Selbstentblößung folgt. So gesehen war die Lola-Gala 2012, die von der ARD am späteren Freitagabend ausgestrahlt wurde, eine ziemlich gelungene Veranstaltung. Denn immer wenn man Angst hatte, die Filmheinis würden sich gleich in Rührung über die eigene Empfindsamkeit von den eigenen Tränen davonspülen lassen, kam jemand auf die Bühne und beleidigte sie.

Als erstes war der österreichische Kabarettist Josef Hader dran, der sich fragte, warum man hier eigentlich keine Ärzte oder Sozialarbeiter auszeichnete, sondern ausgerechnet einen für die Allgemeinheit so unnützen Berufsstand wie Schauspieler. Ganz einfach deshalb, so antwortete Hader sich selbst, weil uns Schauspieler von der Leinwand herunter inspirieren würden: "Wenn diese Penner Filmstars sind, können wir alles erreichen."

Später kam dann noch Christoph Maria Herbst mit ein paar Weihrauchschwenkern auf die Bühne, die er im Publikum verteilen ließ - "für den Fall, dass Sie sich noch ein bisschen selbst beweihräuchern wollen". In seiner charmanten Niedertracht verglich Herbst das deutsche Subventionskino mit einem überbezahlten und abgehalfterten Fernsehmoderator: "Die nominierten Filme haben zusammen so viele Zuschauer wie Gottschalk an einem schlechten Abend. Und der wird dafür entlassen."

Großes Kino, frei von Illusionen

Klar, die Pointe ist klasse. Aber sie wird dem aktuellen deutschen Filmjahrgang nicht ganz gerecht. Die Werke, um die sich bei der Lola 2012 die Aufmerksamkeit ballte, entsprachen auf dem ersten Blick zwar ganz dem Klischee des deutschen Pathologie-Kinos, es geht um Gehirn-Tumore, Nazi-Furunkel und Stasi-Geschwüre.

Doch bei genauerem Hinsehen unterwanderten alle diese Filme die handelsübliche Redlichkeitsdramaturgie - und wurden für diese Risikofreudigkeit sogar mit zum Teil extrem hohen Besucherzahlen belohnt. David Wnendt wagte sich für "Kriegerin" weit in die Gefühlswelt einer Nazi-Braut vor, Andreas Dresen improvisierte sich und sein Team für "Halt auf freier Strecke" in einen Zustand, wo er das Sterben als Feier des Lebens darstellen konnte, und Christian Petzold verhandelte in "Barbara" vor dem Hintergrund einer Stasi-Überwachung ein kompliziertes Drama über politischen Widerstand und menschliche Hingabe. Großes Kino, frei von Illusionismus: Darin sind die Deutschen Weltmarktführer, dafür dürfen sie sich ruhig ein wenig feiern.

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Lola 2012: Tränen und Häme

"Kriegerin"-Hauptdarstellerin Alina Levshin wurde als beste Hauptdarstellerin geehrt, es war sozusagen der krönende und gerechte Abschluss der Geburt eines Stars; der Film wurde außerdem fürs beste Drehbuch ausgezeichnet und bekam die Lola in Bronze. Der große Abräumer aber war "Halt auf freier Strecke" - Beste männliche Hauptrolle (Milan Peschel), Bester Nebendarsteller (Otto Mellies), Beste Regie (Dresen). Am Ende gab es dann noch die Lola in Gold.

Und Petzolds "Barbara"? Der Film, der mit insgesamt acht Nominierungen so hoch wie zuvor fast keine andere Produktion für den Deutschen Filmpreis gehandelt wurde und der schon bei der internationalen Berlinale für Furore gesorgt hatte, bekam bei der deutschen Leistungsschau nur die Lola in Silber. Kann man kritisieren, zumal Hauptdarstellerin Nina Hoss als einzige deutsche Schauspielerin mit internationaler Strahlkraft nicht mal nominiert gewesen ist. Regierte da auch ein bisschen der Neid unter den abstimmenden Akademiemitgliedern?

Was man aber unbedingt noch kritisieren muss an der Lola-Gala 2012, ist die Vergabe des neuen Bernd-Eichinger-Preises: In Erinnerung an den letztes Jahr verstorbenen Namensgeber und Produzenten-Mogul wurde erstmals jene Trophäe, deren tieferer Sinn sich einem nicht erschließt, an einen vorher nicht bekanntgegeben Filmschaffenden verliehen. Erwischt hat es am Freitagabend dann Michael "Bully" Herbig, einen Allround-Künstler, der eigentlich ein phänomenales Reaktionsvermögen hat, nun aber sprachlos und beschämt die Ehrung entgegennahm. Sein hilfloser Blick sagte: Wofür bekomme ich die jetzt genau? Wir lieben Sie Herr Herbig, aber wir können es Ihnen auch nicht sagen.

Bitte sofort wieder abschaffen, diesen Preis. Er entwertet nur die Lola. Und die ist doch eigentlich - Tränen hin, Häme her - eine recht sinnvolle Einrichtung.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
yaso-kuuhl 28.04.2012
Mal ganz unabhängig vom Inhalt: Ist es nicht problematisch zu sehen, dass ein Regisseur diesen Preis gewinnt, der durch seinen mindestens eigenwilligen Arbeitsprozess große Aufmerksamkeit erreicht? Andreas Dresen, der sich rühmt, ohne Drehbuch zu arbeiten - weil seiner Ansicht nach die Dialoge realistischer erscheinen, wenn man sie zum ersten Mal ausspricht. Andreas Dresen, der mit einem sehr kleinen Team dreht, wahrscheinlich zu einem Bruchteil branchenüblicher Budgets. Barbara, der einen Preis für die besten Produktionsbedingungen bekommen hat (den "Hoffnungsschimmer") wird auf den zweiten Platz verdrängt. Soll das ein Zeichen für die Zukunft der Filmbranche sein?
2. Im Namen der Grundversorgung
W. Robert 28.04.2012
Das Fernsehen bestimmt die deutsche Filmlandschaft, also konkret die GEZ-Apparatschiks. Schon der kleinste Versuch, einen unkonventionellen Film zu drehen, wird im Keim erstickt. Es wäre beispielsweise völlig undenkbar, dass so ein spießiges Subventionsgremium so was wie „Pulp Fiction“ produzieren würde. Ironischerweise bekommt aber Tarantino von den selben Leuten Zuschüsse, weil es ja um „große Filmkunst“ geht und ein wenig von Tarantinos Erfolg auf die peinlichen Herren der Geldtöpfe abfärben soll. Großes Kino ist immer auch Ideologie, also politisch. Da vertraut man bei uns wohl eher auf Rambo&Co. Nicht politisch wirksam ist hingegen der deutsche Ansatz, durch „politische Problematisierung“ totgekauter Inhalte das Publikum zu belehren. Man überlässt also das „große Kino“ den Angelsachsen und gelegentlich den Franzosen. Die Aufgabe der Parteigenossen in den Gremien ist ja die Versorgung mit dümmlich-korrekten Serien und betulichen Schmonzetten, eine ABM für abgehalfterte Revue-Stars aus besseren Zeiten. Inzwischen verpulvert die GEZ-Mafia Milliarden für den politischen Auftrag, die „Privaten“ an dämlichen Inhalten zu übertreffen. Kurz gesagt sind die Milliarden danach im Auftrag der „Grundversorgung“ vernichtet, das Kino ist ruiniert und die Gehirnwäsche durch dämliche Polizeiserien nimmt kein Ende. Wer immer sich eine derartige Entwicklung wünscht: der mündige Bürger jedenfalls nicht. Der schaltet die Glotze sowieso nur noch dann ein, wenn politische Magazine oder Hollywood-Blockbuster gesendet werden. Bei mir jedenfalls hat sich längst ein Automatismus entwickelt, den GEZ-Unterhaltungs-Schrott und gewisse notorische „Problemfilme“ prinzipiell wegzuzappen. Es ist übrigens kein Wunder, dass wir Kopier-Piraten fördern, weil die interessanten Filme sowieso aus dem Ausland kommen;)
3.
loeweneule 28.04.2012
Zitat von W. RobertDas Fernsehen bestimmt die deutsche Filmlandschaft, also konkret die GEZ-Apparatschiks. Schon der kleinste Versuch, einen unkonventionellen Film zu drehen, wird im Keim erstickt. Es wäre beispielsweise völlig undenkbar, dass so ein spießiges Subventionsgremium so was wie „Pulp Fiction“ produzieren würde. Ironischerweise bekommt aber Tarantino von den selben Leuten Zuschüsse, weil es ja um „große Filmkunst“ geht und ein wenig von Tarantinos Erfolg auf die peinlichen Herren der Geldtöpfe abfärben soll. Großes Kino ist immer auch Ideologie, also politisch. Da vertraut man bei uns wohl eher auf Rambo&Co. Nicht politisch wirksam ist hingegen der deutsche Ansatz, durch „politische Problematisierung“ totgekauter Inhalte das Publikum zu belehren. Man überlässt also das „große Kino“ den Angelsachsen und gelegentlich den Franzosen. Die Aufgabe der Parteigenossen in den Gremien ist ja die Versorgung mit dümmlich-korrekten Serien und betulichen Schmonzetten, eine ABM für abgehalfterte Revue-Stars aus besseren Zeiten. Inzwischen verpulvert die GEZ-Mafia Milliarden für den politischen Auftrag, die „Privaten“ an dämlichen Inhalten zu übertreffen. Kurz gesagt sind die Milliarden danach im Auftrag der „Grundversorgung“ vernichtet, das Kino ist ruiniert und die Gehirnwäsche durch dämliche Polizeiserien nimmt kein Ende. Wer immer sich eine derartige Entwicklung wünscht: der mündige Bürger jedenfalls nicht. Der schaltet die Glotze sowieso nur noch dann ein, wenn politische Magazine oder Hollywood-Blockbuster gesendet werden. Bei mir jedenfalls hat sich längst ein Automatismus entwickelt, den GEZ-Unterhaltungs-Schrott und gewisse notorische „Problemfilme“ prinzipiell wegzuzappen. Es ist übrigens kein Wunder, dass wir Kopier-Piraten fördern, weil die interessanten Filme sowieso aus dem Ausland kommen;)
Es ist selten, daß ich einen fremden Forumsbeitrag Satz für Satz unterschreiben möchte (manchmal nicht mal meine eigenen), aber in diesem Fall soll gelten: hundertprozentige Zustimmung!
4. Na ja...
deSelby 28.04.2012
Zitat von W. RobertWer immer sich eine derartige Entwicklung wünscht: der mündige Bürger jedenfalls nicht. Der schaltet die Glotze sowieso nur noch dann ein, wenn politische Magazine oder Hollywood-Blockbuster gesendet werden. Bei mir jedenfalls hat sich längst ein Automatismus entwickelt, den GEZ-Unterhaltungs-Schrott und gewisse notorische „Problemfilme“ prinzipiell wegzuzappen.
Na ja, wenn ich an schlechtes Kino denke, fallen mir zuallererst die aktuellen "Hollywoodblockbuster" ein: ideenlos, langweilig, infantil und nichtssagend - zu viele Fortsetzungen von schon im ersten Teil langweiligen und schlechten Filmen, Drehbücher mit Geschichten von einer infantilen Naivität, daß es einem die Fußnägel aufrollt. Tarantino etwa ist zwar ein Glücksfall, aber beileibe nicht repräsentativ und gutes amerikanisches Kino (Lynch, Allen etc.) ist auch nicht häufiger anzutreffen als gutes deutsches Kino.
5.
yaso-kuuhl 28.04.2012
Achja, bleibt noch eine Frage ... wie kann man für das beste Drehbuch nominiert sein, wenn es keines gab?
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