Technik-Schocker "Lost Place": Niedergemetzelt vom Mobilfunk
Vier Jugendliche allein im Wald, inmitten einer unheimlichen Strahlenbedrohung - klingt sonderbar? Ist es auch. Aber der deutsche Horrorfilm "Lost Place" spielt gekonnt mit Technik-Paranoia und gängigen Verschwörungstheorien. Auf zur Schnitzeljagd!
Eines vorweg: Dies ist kein guter Film. Zu holzschnittartig sind die vier Teenie-Protagonisten gezeichnet, zu bemüht und verquast die Dialoge. Bisweilen klingt es, als wären die Autoren Fernsehredakteure kurz vor der Pensionierung, die jetzt noch mal schnell Jugendsprech recherchiert haben. Trotzdem sollte man sich den deutschen Horrorfilm "Lost Place" ansehen - und das nicht unbedingt deshalb, weil man sich zwangsläufig über jeden Versuch freuen müsste, ein einheimisches Genrekino zu etablieren.
Regisseur Thorsten Klein ist vielmehr ein kluger Zeitkommentar gelungen, ein Stück Kino als kulturelles Symptom, die filmästhetische Entsprechung von Strahlenparanoia und Verschwörungstheorie.
Ohne böse Ahnung aber fahren die Jugendlichen zunächst los, tief hinein in den Pfälzerwald. Es ist eine Art Date, zwei Kumpels (François Goeske, Pit Bukowski) und zwei miteinander befreundete Mädchen (Josefine Preuß, Jytte-Merle Böhrnsen). Begegnet ist man einander zuerst im Netz und hat beschlossen, sich gemeinsam auf die Suche nach einem Cache zu machen, dem Zielpunkt einer Schnitzeljagd mit GPS-Geräten. Sie finden einen Campingplatz, und der Schatz am Ende der Suche entpuppt sich als Kasten mit Haschkeksen.
Fühlen statt zeigen
Doch nach dem Rausch liegt ein Knistern in der Luft, eine von ihnen bricht mit Zuckungen zusammen, und plötzlich taucht ein Mann im Schutzanzug (Anatole Taubman, "Ein Quantum Trost") auf, der etwas faselt von Experimenten mit elektromagnetischer Strahlung. Jedes Handy, jedes Gerät, das Auto sowieso können an diesem Ort den Tod bringen.
Herrlich überdrehter Kino-Kokolores? Wenn es nur das wäre. Wer jüngst die "Zeit" aufschlug, konnte das Foto einer Gestalt mit gesenktem Kopf und einem "Schutzanzug aus Silberfäden" sehen. Dieser Mann meint: "Wir Strahlenfühligen sind Vorboten einer neuen Zeit." Fühlig, das passt zu einem audiovisuellen Medium wie dem Film ja erst mal gar nicht. Vermutlich wird "Lost Place" auch deshalb eher als Mystery-Thriller denn als Horrorfilm vermarktet, weil Verleih und Filmemacher ahnen, dass zu Letzterem doch irgendwie eine zeigbare Bedrohung zu gehören hat.
Aber warum eigentlich? Gerade der Horror verhandelte immer schon auf unterschiedliche Weise die fragile Balance von Verbergen und Enthüllen: Kein Geist im Spukhaus zeigt sein fahles Gesicht schon in den ersten Minuten, während es sich der Splatter-Film umgekehrt zur Aufgabe gemacht hat, das verdeckte Innere des Körpers mit Gewalt ans Licht zu reißen. So konsequent wie Thorsten Klein, dessen Arbeit sich etwa an der amerikanischen Version des Technik-Schockers "Pulse" (2006) orientiert, weigerten sich allerdings bislang nur wenige Regisseure, das manchmal auch erlösende Angesicht des Grauens zu zeigen.
Die Technik tötet im Alleingang
Das ansonsten kaum in seinem Potential genutzte 3-D-Bild hebt gerne einsam in der Umgebung aufragende Warnschilder hervor: "Photography prohibited!" Nur die Symptome der Strahlenkrankheit sind sichtbar, in den Gesichtern der Jugendlichen, als Ausschlag von Strahlungsmessern. Das Unheil geht aus von einem Bunker, einer ehemaligen Militärstation irgendwo im Wald, voller Korridore, in denen das Licht verrücktspielt. Steinerne Mauern und stählerne Türme sind in ihrer Regungslosigkeit viel schauriger, als es ein irrer, rasender Killer je sein könnte.
Natürlich weckt all dies noch andere Ängste als nur die vor der Strahlung. Die Technik ist hier nicht nur scheinbar autonom geworden, sie arbeitet auch ohne sinnvolles Ziel, unsichtbar, repetitiv, unbeirrbar und allumfassend. Ist es von hier noch weit zu den Algorithmen und Filtern der NSA? Ist das nicht auch das Grundprinzip einer jeden Verschwörungstheorie: Vor unseren Augen, und dennoch unerkennbar, spiele sich etwas ab, das über Leben und Tod bestimmt?
Zur Freiheit oder in den Tod hüpfen die vier Charakterschablonen jedenfalls auf dramaturgisch allzu holprigen Pfaden voran. Und auf eines können sich die Verschwörungstheoretiker noch immer einigen: Richtig, auch bei Thorsten Klein stecken die Amis dahinter, die in der Pfalz ein Experiment zur Verhaltenskontrolle durchführen.
Reales Vorbild für "Lost Place" war das Forschungsprogramm HAARP, das von Alaska aus Radiowellen in die Atmosphäre schoss. Die Anlage, über deren Zweck zahlreiche Spekulationen kursieren, ist vorübergehend stillgelegt. Sie wurde niemals dazu eingesetzt, das Wetter oder die Gedanken der Menschen zu manipulieren. Da können Sie wirklich ganz beruhigt sein.
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D 2013
Regie: Thorsten Klein
Buch: Thorsten Klein, Lena Vurma
Darsteller: François Goeske, Josefine Preuß, Jytte-Merle Böhrnsen, Pit Bukowski, Anatole Taubman
Produktion: MovieBrats Film- und Fernsehproduktion, Dragonfly Films et al.
Verleih: NFP, Warner Bros.
Länge: 101 Minuten
Start: 19. September 2013
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Volker Hage:
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