Deutscher Oscar-Gewinner Freydank: Jochen schlägt Goliath

Aus Los Angeles berichtet

Es war die Nacht der Underdogs in Hollywood, auch für die Deutschen: Die Großproduktion "Der Baader Meinhof Komplex" ging bei den Oscars leer aus, dafür räumte Jochen Alexander Freydank ab. Der bescheidene Kurzfilmer aus Berlin nahm's mit Ironie - und freute sich über das gute Essen.

Los Angeles - Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Erst vor zwei Wochen also haben David und Johann Bunners eine Filmproduktionsgesellschaft gegründet. Damit wollten die Brüder, sagt David Bunners, mehr Kontrolle über ihr Werk wahren und sich "einfach mal schützen" gegen die ganz Großen im Geschäft. Der Name ihrer Firma: David vs. Goliath Films.

Ein besseres Motto für diese Nacht könnte es wirklich kaum geben. Es ist kurz nach 23 Uhr in West Hollywood, und die Bunners-Brüder aus Berlin fallen sich vor dem Eingang eines Luxushotels unweit des Sunset Boulevards in die Arme - diesmal extra für die TV-Kameras, doch immer noch aufrichtig fassungslos. "Das war der absolute Hammer", sagt David. "Wir haben das noch gar nicht so richtig einordnen können."

Gerade erst sind sie aus dem Kodak Theatre gekommen, von der Oscar-Verleihung. Da saßen sie ganz oben im Rang, "fast unter der Decke", und haben miterlebt, wie die deutsche Großproduktion "Der Baader Meinhof Komplex" leer ausging, während ihr Herzensobjekt "Spielzeugland" - eine 13-minütige Holocaust-Vignette, die sie mit Regisseur und Co-Autor Jochen Alexander Feydank ohne jegliche Studiohilfe gedreht hatten - den Oscar als bester Kurzfilm bekam. David schlägt Goliath.

Eine Stunde später taucht Freydank selbst auf, im Smoking und schwarzem Seidenhemd, den Oscar umklammert er fest mit beiden Händen. Er hatte die Statuette entgegengenommen und sich dann auf dem Governors Ball noch etwas unter die Superstars gemischt. Seine Glatze glänzt, seine Stimme schwankt zwischen Euphorie und Ironie. Wie war es denn? "Das Essen war gut."

Die Oscars hatten viele große Momente, allen voran der Durchmarsch des Indie-Films "Slumdog Millionaire". Aus deutscher Sicht aber gab es eine weitere Spannungsebene: Underdog gegen Top-Dog.

Vier deutsche Produktionen waren in diversen Oscar-Kategorien angetreten - sogar fünf aus deutschsprachigen Landen, rechnet man Österreich mit.

Am Ende jedoch müssen sich die bekanntesten davon geschlagen geben - der RAF-Thriller "Baader Meinhof Komplex" von Bernd Eichinger und Uli Edel und die große Antarktis-Dokumentation "Encounters at the End of the World" von Kinolegende Werner Herzog. Nein: Der einzige Deutschland-Oscar geht an eine Truppe junger Filmemacher, deren Werk 30.000 Euro gekostet hat und die auf der Einladung zur deutschen Oscar-Party hinterher nicht mal namentlich genannt sind.

Das passt zum Abend. Denn auch das Star-Epos "Der seltsame Fall des Benjamin Button" schneidet ja trotz 13 Nominierungen schlecht ab - am Ende stürmen die indischen Ghettokinder aus "Slumdog Millionaire" jubelnd die Bühne.

Und so springt dann auch für Deutschland, nach einer ersten Schrecksekunde, der frühere DDR-Bürger Freydank durchs Auditorium nach vorne - mit ausladenden Riesenschritten, begleitet vom Applaus nominierter Hollywood-Größen wie Brad Pitt, Angelina Jolie und Meryl Streep (die übrigens ebenfalls leer ausgehen).

Auf diesen Moment hat sich Freydank, 41, zwar insgeheim vorbereitet - sogar eine kurze Dankesrede hat er vorgeschrieben. Aber alles kommt dann natürlich doch ganz anders. Das beginnt schon, als Schauspieler James Franco ("Milk") den Umschlag aufreißt und den deutschen Filmtitel nicht aussprechen kann - das, was er sagt, klingt wie "Spring-Sugländ".

"Spielzeugland"-Hauptdarstellerin Julia Jäger, die Freydank als "Date" auf dem roten Teppich begleitet hat und im Kodak neben ihm sitzt, kapierte es am Anfang erst gar nicht. "Erst, als er aufsprang", sagt sie, "wurde mir das klar."

Vorne im grellen Scheinwerferlicht vergisst Freydank seine skizzierte Rede sofort und plappert "einfach was völlig anderes", wie er hinterher lachend erzählt. "Dankeschön an euch alle", ruft er seinem Team im Saal zu. Und: Für ihn als Ex-DDR-Bürger sei schon Westdeutschland weit weg gewesen - geschweige denn Hollywood.

Hinter der Bühne, beim Backstage-Interview der Oscar-Gewinner, stellt ihm die Hollywood-Presse exakt zwei Fragen. Erstens: Ob Kurzfilme überhaupt ein Publikum hätten? Zweitens: Warum er eine solche Holocaust-Geschichte heute noch für erzählenswert halte?

Da wird Freydank ernst. "Es gibt so viele Geschichten, die noch nicht erzählt wurden", sagt er und beschreibt seine Motivation als "eine Art Wut", etwa über Holocaust-Leugner.

"Spielzeugland" handelt von einem "arischen" Jungen im "Dritten Reich" und seinem besten (jüdischen) Freund, dessen Familie ins KZ deportiert wird. Die Mutter (Julia Jäger) will ihren Sohn vor der Wahrheit schützen und lügt, die Nachbarn reisten ins "Spielzeugland". Daraufhin reißt der Bub aus, um seinem Freund zu folgen. Wider Erwarten nimmt der Film aber noch eine gute, wenn auch zugleich herzzerreißende Wendung. "Eine Holocaust-Story mit Happy End", nennt das Freydanks Kameramann Christoph ("Cico") Nicolaisen.

Die Geschichte - die in weniger als einer Viertelstunde mehr Emotionen aufwühlt als manch abendfüllender Kinofilm - hatte bei einer US-Tournee der nominierten Kurzfilme immer wieder bewegte Reaktionen ausgelöst. Trotzdem hielt sich Freydank bei dem riesigen Presserummel vor den Oscars die ganze vorige Woche lieber bescheiden im Hintergrund.

Zum Beispiel beim allerersten PR-Termin auf dem roten Teppich am Donnerstag. Ein ZDF-Team schmuggelte Freydank - der nicht einmal eine Oscar-Akkreditierung hatte, nur ein Ticket für die Show - zum Interview auf die halbfertige Baustelle auf dem Hollywood Boulevard am Kodak Theatre.

Doch als die Kamera zu drehen begann, tauchte plötzlich jemand mit mehr Strahlkraft auf: VIP-Koch Wolfgang Puck, der ein paar Meter weiter gerade sein offizielles Oscar-Menü vorstellte. Sofort scharten sich die Reporter um Puck, während Freydank an den Rand gedrängt wurde.

Auch beim Gala-Empfang am Samstag zu Ehren der deutschen Nominierten landete Freydank prompt im Hintergrund - zur wachsenden Frustration seiner kalifornischen PR-Frau, die ihn so lange für Fotos feilbot, bis ihr die erkältungsheisere Stimme versagte.

Der deutsche Empfang am Tag vor den Oscars - in der Villa Aurora, Lion Feuchtwangers altem Exilantendomizil hoch über dem Meer in Pacific Palisades - stand ganz im Zeichen des "Baader Meinhof Komplexes" und seines Teams: Produzent Eichinger, Regisseur Edel, die Stars Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu und Johanna Wokalek. Als die Truppe sich im Garten zum Gruppenfoto formierte (samt Ex-SPIEGEL-Chef Stefan Aust, der die Buchvorlage geschrieben hatte), stand Freydank abermals kaum sichtbar im letzten Glied.

So herrscht auch in der Nacht zum Montag eine interessante Spannung, als Freydank und Co. schließlich, den Oscar immer mit dabei, auf der offiziellen deutschen Oscar-Party aufkreuzen - nicht als Gastgeber, sondern als reguläre Gäste.

Die Constantin Film, die den "Baader Meinhof Komplex" produzierte, hat die Sause im Namen ihres Chefs Eichinger ausgerichtet und rund 200 deutsche Promis und Branchen-Insider ins Gartenrestaurant eines Luxushotels in West Hollywood geladen. Darunter Klaus Emmerich, Wolfgang Petersen und Jürgen Prochnow. Zwischen gurgelnden Brunnen, Palmen und Orangenbäumen servieren Kellner Rostbraten, Sitzecken mit Duftkerzen sollen die Gäste zum Plausch verführen.

Die Stimmung ist, auch nach der Niederlage des "Baader Meinhof Komplexes", betont fröhlich. Eichinger - in Jeans und weißen Turnschuhen - gibt sich nonchalant über die verpasste Oscar-Chance: "Ich bin ja kein Wettkämpfer für Deutschland." Schon vorher hat er die Aussichten seines Films ja als eher gering eingeschätzt. So oder so: Es sei ihm schon "eine absolute Freude, dabei zu sein". Ob er jetzt vielleicht mal mit Freydank zusammenarbeiten wolle? "Weiß ich nicht", murrt Eichinger. "Ich kenn den doch gar nicht."

Martina Gedeck schwärmt von der "Euphorie" im Kodak Theatre, Edel bekundet Trunklust: "Wir Deutschen müssen nicht gewinnen, um schwer feiern zu können." Doch als dann um Mitternacht Freydank erscheint, zu höflichem Applaus der noch verbliebenen Rest-Gäste, da wollen sie sich alle doch mit seinem Oscar fotografieren lassen - allen voran "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel, die sich samt ihrem Diktaphon als Erste mit ins Bild schiebt.

Freydank lässt das alles galant über sich ergehen, lächelt eisern und beantwortet immer wieder die gleichen Fragen. "So richtig realisiert", sagt er leise, "hab ich's noch nicht."

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