Deutscher Preis-Anwärter Generalprobe für die Oscar-Show

Noch kann er es nicht fassen - er ist in Hollywood: Der Berliner Jochen Alexander Freydank ist mit seinem Kurzfilm "Spielzeugland" für einen Oscar nominiert. Während um ihn herum die Kulisse für das Mega-Event aufgebaut wird, legt sich der frühere DDR-Bürger schon mal die passenden Dankesworte zurecht.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Jochen Alexander Freydank steht am Rand des roten Teppichs, in seiner Miene spiegelt sich eine Mischung aus Unsicherheit und Amüsement. TV-Reporter, tief dekolletierte Damen und tätowierte Bauarbeiter umschwirren ihn, hier vor dem Kodak Theatre in Hollywood, wo am Sonntag zum 81. Mal die Oscars verliehen werden. Doch keiner beachtet den Berliner so richtig - bis auf ein Kamerateam vom ZDF, das allerdings lästige Probleme mit dem Ton hat.

Freydank genießt die chaotische Szene trotzdem. Es ist die Generalprobe für die große Show: Gerade wird der 150 Meter lange Teppich ausgerollt und in Form geschnitten, noch stecken die goldenen Oscar-Statuen in Plastikfolie, werden die Tribünen für die Zuschauer rot lackiert. "Nicht mal als Kind", murmelt Freydank, "hätte ich mir das träumen lassen." Und doch steht er jetzt hier, mitten in diesem Hollywood-Trubel - der ehemalige DDR-Bürger, nominiert für einen Academy Award.

"Spielzeugland", Freydanks 13-minütige "Feel-Good"-Geschichte ("Salon") über einen "arischen" Jungen und seinen jüdischen Freund im "Dritten Reich", ist als bester Kurzfilm im Rennen - und hat gute Chancen zu gewinnen. Die hat aber auch "Auf der Strecke", das Mini-Drama des Deutsch-Schweizers Reto Caffi, der sich voriges Jahr hier schon den Studenten-Oscar holte. So oder so: Freydank will sich auf jeden Fall noch "drei Worte zurechtlegen" für den großen Moment. Sicher ist sicher.

Diese Gedanken turnen sicher nicht nur dem Berliner Jungstar durch den Kahlkopf. Sondern auch den ganz Großen, die dieses Jahr wieder mal den Spießrutenlauf an den Paparazzi vorbei auf sich nehmen: Über den mitten auf dem strunzhässlichen Hollywood Boulevard ausgelegten Teppich und durch eine kitschige Shopping Mall hindurch geht es die Freitreppe zum Kodak Theatre hinauf. Oben angekommen, dürfen sie dann jeweils 45 Sekunden lang auf ihre Weise "Thank you, thank you, thank you!" (Tilda Swinton, beste Nebendarstellerin, 2007) stammeln und ihren Opas, Omas, Mamas, Papas und sonstigen Verwandten danken.

Wieder mal bietet die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), die diesen ganzen Marketing-Marathon ausrichtet, eine ganze Latte von Superlativen. 281 Filme aus 67 Ländern wurden eingereicht. 43 Statuetten gilt es zu verteilen, jede ist 34 Zentimeter hoch. Insgesamt 1974 Journalisten haben sich akkreditiert, darunter sind allein 95 Fotografen, die sich am "Red Carpet" drängeln werden. Und das Beste: Die Veranstalter hoffen auf Hunderte Millionen Zuschauer in mehr als 200 Ländern.

Was die AMPAS lieber verschweigt: Mit gerade mal 32 Millionen erreichte das amerikanische TV-Publikum im vorigen Jahr den niedrigsten Zuschauerstand aller Zeiten. Zu dem altbekannten Lamento "Sind die Oscars am Ende?" kommt nun ein Neues: "Sind die Oscars unzeitgemäß, vor allem in einer Rezession?"

Die Produzenten jedenfalls hoffen, dieses Gerede am Sonntag aus der Welt zu schaffen. Mit einer neuen, spektakulären Bühnentechnik, mit noch größerer Geheimniskrämerei als sonst (Wer wird die Preise präsentieren? Wird Beyoncé singen?) - und mit dem angeblich schönsten Mann der Welt als Conferencier, dem charismatischen Australier Hugh Jackman.

Jochen Alexander Freydank ist es letztlich egal, wie viele Leute sich das Spektakel am Ende anschauen, live oder aufgezeichnet, als Web-Video oder per TiVo. "Mein größter Traum", sagt er und guckt sich um, "war früher allerhöchstens, dass ich mal zur Defa komme."



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