Deutsches Filmfest in Australien: The Heavy Stuff from Germany

Aus Sydney berichtet

Ossis auf Skateboards, Stasi-Frauen mit Herz, Nazi-Söhne zum Verlieben: Beim Festival of German Films in Australien erfreuen sich die Besucher an den besonders düsteren Kapiteln der deutschen Geschichte. Harter Histo-Stoff als Publikumshit, wer hätte das gedacht?

Festival of German Films: Ossi-Themen fürs Aussie-Publikum Fotos
Farbfilm

Industrieruine oder Surferparadies? Wer als Fremder durch die Straßen von Newcastle streift, weiß nicht so recht, wie er die australische Küstenstadt einschätzen soll. Am Hafen liegen riesige Frachter, in deren Bäuche hochhausgroße Förderbänder die Kohle aus der Region schaufeln; die Stahlwerke aber, die den einstigen Wohlstand der Gegend begründeten, sind längst dicht. Viele Läden der inner city stehen leer, zum Strand hin tummeln sich jedoch junge Tätowierte mit Surfbrettern und Skateboards. Gut möglich, dass sich die sterbende Stadt zwei Autostunden nördlich von Sydney bald in eine erwachende Stadt verwandelt. Im maßlos prosperierenden Sydney kann kein junger Mensch mehr die Mieten bezahlen, in Newcastle aber gibt es neben günstigem Wohnraum sogar Ladenflächen für Studios oder Ateliers. Vielleicht folgen den Tätowierten bald die Kreativen.

Das Goethe-Institut stößt jetzt schon dorthin vor. Erstmals wird das alljährliche Festival of German Films auch in Newcastle ausgetragen. Zur Eröffnung läuft passenderweise der deutsch-deutsche Skater-Hit "This Ain't California". Vor der Vorstellung klappert Regisseur Marten Persiel mit dem Goethe-Team und einem Karton Bier, der von einem deutschen Brauer gesponsert wurde, die Skater-Spots der Stadt ab. In einem einschlägigen Laden und einem Hangout am Meer versucht man ein paar Skater einzusammeln, damit die Einstiegsfeier ein bisschen bunter wird. Im wunderschönen, braun-orangenen Siebziger-Jahre-Kino sind dann tatsächlich einige Bretter-Jungs da. Zwei davon müssen während der Vorstellung entfernt werden - trotz mehrmaligem Bitten wollten sie nicht das Rauchen und Grölen einstellen -, ansonsten herrscht hohe Konzentration.

Die Fragen an Regisseur Persiel sind dann sehr konkret: Wie viele der Aufnahmen für sein Porträt über ostdeutsche Skater hat er nachgestellt? Was an der Geschichte ist Wahrheit und was Legende? Welche Bedeutung hatte das Skaten im repressiven DDR-Staat? Schnell stoßen die Australier ins Zentrum der deutschen Produktion vor, für die mit leichter Hand Dokumentation, Verdichtung und Dichtung zu einem mitreißenden Liebesfilm über das Skaten als Akt der Befreiung vermischt werden. Das geschieht so sonnig und so heiter, dass man fast vergessen kann, um was es in "This Ain't California" geht: ostdeutsche Geschichte.

Dabei muss man das Aussie-Publikum für Ossi-Themen gar nicht mal gesondert motivieren. Und auch nicht sensibilisieren. Tags zuvor lief zur Festivaleröffnung in Brisbane das Stasi-Drama "Zwei Leben". Wegen der großen Nachfrage sogar in zwei Kinos parallel. Der Film, der in Deutschland erst im September anläuft, ist einer der besten über die psychosozialen Spätfolgen des DDR-Überwachungsstaates überhaupt. Ein Blick ins Herz der Repression, erzählt aus der Perspektive einer Täterin - mit der man über Strecken sympathisieren kann. Im Gespräch mit Regisseur Georg Maas zeigen die Australier, dass sie trotz Untertitelung der gewagten, komplexen und wenig Hoffnung spendenden Dramaturgie folgen können. Sonderbare Aussies, kriegen gar nicht genug vom heavy german stuff.

Bumsfallera für die Beamten

Zum zwölften Mal findet das deutsche Filmfestival von Goethe-Institut und German Films statt. Mit 20.000 Zuschauern gilt es als das größte außerhalb Deutschlands. Und es wird jedes Jahr größer. Diesmal stehen bis zum 15. Mai ganze 45 Produktionen auf dem Programm, acht Städte werden inzwischen bespielt. Man programmiert dabei alles andere als gefällig: In der strahlenden Bankenmetropole Brisbane, in der ein Wolkenkratzer nach dem anderen aus dem Boden sprießt, gibt es als Downer eben ein Stasi-Drama, im düsteren Newcastle dafür eine sonnige Skater-Hymne. Und dem verschlafenen Politbetrieb des im Festival integrierten Regierungskaffs Canberra (sehr gute Luft, kein Amüsement!) knallt man das Bumsfallera-Komödchen "Russendisko" hin. Aufwachen, Canberra!

Generell verlangt das Goethe-Institut dem australischen Publikum viel ab. Zwar gibt es die selbstironisch betitelte Sektion "Kraut Pleaser", in der dubiose Publikumserfolge wie "Der Schlussmacher" laufen. Ansonsten geht es um düsteren Stoff. Also um RAF-Selbstzerfleischungsarien wie "Das Wochenende", NS-Aufarbeitungen wie "Mein deutscher Freund" oder DDR-Fluchtopern wie "Wir wollten aufs Meer". Oder auch die in Deutschland nie gezeigte Ego-Doku "German Sons", für die die franko-australische Regie-Legende Philippe Mora die eigene Biographie als Sohn eines französischen Widerstandskämpfers mit der eines deutschen Nazi-Sohnes verknüpft. Die ganz Hartgesottenen - und davon gibt es in Australien einige - kaufen sich gleich ein Dreier-Ticket, um ihren sonnigen Sonntag damit zu verbringen, sämtliche Teile der in der ostdeutschen Provinz angesiedelten experimentellen TV-Trilogie "Dreileben" anzuschauen.

Kunstwille und Geschichtsbeflissenheit, die Australier bringen beides auf. Für den deutschen Beobachter ergeben sich aus der komprimierten deutsch-deutschen Selbsterkundung am anderen Ende der Welt zuweilen ganz neue Erkenntnisse. Man nehme nur das Mini-Symposium, das mit guten Besuchszahlen an einem Sonntagmittag in den Räumen des Goethe-Instituts in Sydney stattfindet und sich mit den Rückständen der DDR im deutschen Bewusstsein beschäftigt: Erinnerung zwischen "condemnation and apologia", zwischen Verdammung und Entschuldigungsversuchen.

Der junge australische Historiker Andrew Beattie fasst zur Einführung die gegensätzlichen Aufarbeitungsansätze so kurzweilig und doch so differenziert zusammen, wie man es in Deutschland nie gehört hat. Wie sollte es auch anders sein: Wer als Deutscher darüber spricht, hat immer schon eine debattengestärkte, zuweilen lähmend starre Haltung. Aus der Distanz aber betrachtet man die deutsche Geschichte und all die Filme, die aus ihrer Aufarbeitung hervorgegangen sind, mit neuem Forscherdrang.

Das Rätsel Deutschland - zwischen den Surferstränden, Industrieruinen und Wolkenkratzern Australiens scheint es aufwühlender denn je.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Harter Histo-Stoff als Publikums-Hit, wer hätte das gedacht?
Bhigr 08.05.2013
Ist doch ziemlich untypisch für den Deutschen Film. Es gibt doch unzählige seichte Komödien, aber auch ein paar sehr gute!? Wird hier etwa nur das gezeigt, was den Erwartungen entspricht?
2. optional
spon-facebook-10000031012 08.05.2013
Downer, schön und gut oder nicht schön und trotzdem gut. Ganz sicher schön und gut und auch auf dem Festival vertreten ist der Film "Sound Of Heimat". Dieser Film birgt auch ein gutes Stück Vergangenheitsbewältigung und zeigt den wunderbaren Facettenreichtum deutscher Volksmusik,
3. bitte klären sie mich auf
FunKuchen 08.05.2013
Was ist ein deutsch-deutscher Film`?
4. Der Titel dieses Postings unterliegt der Geheimhaltung
Walter Sobchak 08.05.2013
Es waere schoen gewesen in allen Bildunterschriften keinen Meta Text zu lesen, sondern aus welchem Film die Szene stammt. Wie heisst nun der Film aus dem Bild 11 ist?
5. Das Problem des deutschen Films
betaknight 08.05.2013
Zitat von sysopOssis auf Skateboards, Stasi-Frauen mit Herz, Nazi-Söhne zum Verlieben: Beim Festival of German Films in Australien erfreuen sich die Besucher an den besonders düsteren Kapiteln der deutschen Geschichte. Harter Histo-Stoff als Publikums-Hit, wer hätte das gedacht? Deutsches Filmfestival Australien: Geschichte vom Goethe-Institut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/deutsches-filmfestival-australien-geschichte-vom-goethe-institut-a-898566.html)
Irgnendiwe Traurig wenn Themen des deutschen Films immer nur aufarbeitungen mit Nazis oder irgendetwas mit 'Ossis' sind. Naja in gewisserweise spiegelt die Stagnation in dem Bereich auch sehr gut unsere Politik wieder,
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
  • Zur Startseite