Deutsches Kino Der ganze Saal soll heulen, verdammt!

Dialogmüll, Klamauk oder lieber gleich gar keine Handlung? Bei den Hofer Filmtagen 2010, der Leistungsschau des deutschen Kinos, gab's viel handwerkliches Talent - aber null Mut zur guten Geschichte. Einzige Ausnahme: ein leidenschaftlicher Erster-Weltkriegs-Schmachtfetzen.

Christian Schulz / Unafilm

Gibt es eine Panikblüte des deutschen Kinos - und wo bitte soll die nur hinwuchern? Mit fränkischem Bratwurstschmalz in den Mundwinkeln und Senf auf dem Pulli ließ sich leicht rumjammern in diesem Jahr bei den Hofer Filmtagen, wo traditionell die Werke der frischen Talente aus heimischen Filmhochschulen gezeigt werden: Gibt es zu viele mittelmäßige deutsche Filme oder gar zu viele deutsche Filmstudenten, wie manche Miesepeter der Branche meinen?

Die Sache ist die: Dank der großzügigen und unbedingt lobenswerten Filmförderung des CDU-Kulturstaatsministers Bernd Neumann konnte man noch nie in der deutschen Filmgeschichte so viele deutschsprachige Werke im Kino bewundern. Doch lässt das Publikum dieses Riesenangebot aus der Hand von Regisseuren, die oft nur mit einem Kinofilm zum Zug kommen, in der Regel links liegen. In diesem Jahr werden rund 120 Filme aus heimisch geförderter Produktion in den Kinos anlaufen, einen in Deutschland gefertigten Kinohit jenseits von Til Schweigers "Ohren"-Knallern aber gab schon lang nicht mehr. Ist das schlimm oder ein lässlicher Kollateralschaden in Zeiten herrlichen Überflusses?

Freut euch über die schöne Pracht, die wir euch bieten, verkündeten die Veranstalter der 44. Internationalen Hofer Filmtage. Aus angeblich 2500 eingereichten kurzen und langen Filmen hatten Festivalchef Heinz Badewitz (im Amt seit Filmtage-Anbeginn im Jahr 1967) und sein Team 113 Werke ausgesucht. In den deutschen Jubelproduktionen des Programms trumpften zum Beispiel so famose Stars auf wie Jessica Schwarz und Senta Berger, Michael Gwisdek und Bruno Ganz.

Ein Meer von abgehalfterten Komödienscherzen

Schwarz und Gwisdek spielten im Festival-Eröffnungsfilm "Das Lied in mir" von Florian Cossen ein Tochter-und-Stiefvater-Gespann, das in ausgesucht altmodischen argentinischen Hotelzimmerräumen herumlungert. Berger und Ganz waren in Sophie Heldmans Film "Satte Farben vor Schwarz" zwei reife Eheleute, die in einem deutschen Großbürger-Gartenidyll aneinander vorbeischweigen. Das sah in beiden Fällen supergut aus. Nur leider hatten sich die Filmemacher um ihre schönen Bilder herum Geschichten zusammengereimt, denen man das mühsam Ausgedachte und beflissen Konstruierte jederzeit ansieht.

Bei Cossen muss die von Jessica Schwarz gespielte junge Frau schreckgeweiteten Auges erkennen, dass sie in Wahrheit nicht das Kind deutscher Eltern ist, sondern eines Erzeugerpaars, das vor langer Zeit vom argentinischen Militärregime verschleppt wurde. Und bei Heldman endet die von ihren Darstellern grandios gespielte Annäherung zweier verstockter Eigenbrötler mit einem fatalen, himmelschreiend unbegründeten Schreckensentschluss gerade in dem Moment, in dem die beiden Helden halbwegs zueinander gefunden haben.

Geschmeidiges Filmemacherhandwerk an hanebüchener Geschichte - so ähnlich ging es öfter zu in diesem Jahr in Hof. Während draußen vor den Kinos fast unentwegt die Herbstsonne auf das oberfränkische Hügelland schien, beschäftigten sich die Menschen auf der Leinwand leider häufig mit nicht bloß finsteren, sondern psychologisch absolut unplausiblen und gründlich bizarren Problemen.

Ratlosigkeit, Klamauk und Dialogmüll

Robert Stadlober zum Beispiel, ein Virtuose im Fach von Genie und Wahnsinn, spielte in der deutschen Produktion "Der Mann der über Autos sprang" (ohne Komma im Titel) einen ausgerückten Irrenhäusler. Der Regisseur Nick Baker-Monteys lässt Stadlober auf einer Art Bußgang von Berlin nach Stuttgart durch Deutschlands Mittelgebirge und jede Menge Fachwerkhäuserdörfer latschen, wobei sowohl die Mittelgebirge als auch die Fachwerkhäuser als auch Jessica Schwarz in der Rolle der ärztlichen Begleiterin des Helden großartig fotografiert sind. Nur leider fliegen Story und Dialoge schon früh aus der herbstidyllischen Kurven dieses Landstraßen-Roadmovies.

Immerhin maximal turbulent geht es in Ayse Polats Film "Luks Glück" zu, einer in deutschen Fernsehredakteursstuben zurechtgezimmerten Migrantenkomödie nach dem Vorbild von "My Big Fat Greek Wedding". Man betrachtet eine in Deutschland lebende Türkenfamilie dabei, wie sie erst groß im Lotto gewinnt und sich dann kleinlich, aber sehr munter zerstreitet. Der eher scheue Junge Luk (Rene Vaziri) überredet seine schöne Freundin Gül (zum endlos Anstaunen: Aylin Tezel) zu einem gemeinsamen Einstieg in die Musikbranche, seine Eltern dagegen wollen ein Hotel im idyllischen Bergland von Kappadokien kaufen.

Die Regisseurin schickt ihre Darsteller aus Deutschland in die Türkei, produziert dort viele hübsche Postkartenbilder und lässt die Handlung selig in lahmer Ratlosigkeit, Klamauk und Dialogmüll verschwinden. Und als Ayse Polat dann in Hof vor den Kinovorhang trat, dankte sie als allererstes jenen Fernsehleuten, die ihr beim Versenken ihrer Kinoidee in einem Meer von abgehalfterten Komödienscherzen geholfen haben.

Den Moskitos beim Blutsaugen zusehen

Dann schon lieber ganz ohne Handlung. Zähe, sorgfältig ausgemessene Bilder-Exerzitien nach Art der europäischen Kunstkino-Konvention (ihr dürft auch Antonioni-Epigonentum oder Berliner Schule dazu sagen) boten zum Beispiel die Berliner Filmhochschulabsolventin Isabelle Stever und der in der Schweiz aufgewachsene Münchner Filmstudent Michael Krummenacher. Krummenacher beobachtet in "Hinter diesen Bergen" zwei 19-jährige Freundinnen, die für ein paar Wochen in einer Schweizer Kleinstadt zusammenwohnen, sich langweilen, mit Jungs reden, ein bisschen arbeiten und die Berge anschauen. Daraus entsteht ein fast meditatives Kunststück von Architektur- und Landschaftsfotografie, das leider mit dem blöden Einfall endet, die Mädchen auf eine Bergtour zu schicken, damit überhaupt was passiert.

Noch aparter ist das Handwerk von Isabelle Stever, die in "Glückliche Fügung" eine nett anzusehende, aber schwer trübsinnige junge Frau begleitet. Die Heldin wird zu ihrer eigenen Überraschung schwanger und zieht mit dem schon als One Night Stand abgebuchten Kindsvater zusammen. Die Schauspielerin Annika Kuhl spielt diese traurig durch ihr Leben Schlingernde wirklich ergreifend, mit braunäugigem Glanz und einer allzeit gefährlichen Ruhe. Aber als die Heldin einmal ihrem Gefährten eine Stechmücke aus dem Gesicht wedeln will und der das brüsk ablehnt, merkt man als Kinozuschauer plötzlich, wie quälend handlungslos diese Frauenstudie ist. Eine echt symptomatische Szene. Denn deutsches Kunstkino im Jahr 2010, das heißt: den Moskitos beim Blutsaugen zuzusehen.

Die große Ausnahme von diesem Befund zeigte in Hof der Regisseur Chris Kraus, der vor ein paar Jahren schon mit "Vier Minuten" eine junge Heldin ziemlich melodramatisch in die Tasten hauen ließ. Kraus' neues Werk heißt "Poll" und stellt ein Vom-Winde-verweht-Gutshaus samt griechischen Tempelsäulen auf Stelzen ins seichte Ostseewasser an der Küste Estlands. Kraus' Film spielt 1914 und erzählt die Geschichte der 1988 gestorbenen Dichterin Oda Schaefer, die weitläufig mit dem Regisseur verwandt war.

Während am gerne mal blutroten Horizont der Erste Weltkrieg heraufdämmert, verschlägt es Oda als 14-jährige aus Berlin auf das estländische Gut Poll, auf dem ihr Vater haust. Das Mädchen, gespielt von der natürlich superjungen Schauspielerin Paula Beer, bringt einen Sarg mit, in dem ihre tote Mutter liegt. Ihr Vater (mit Schnauzbart, aber sonst angenehm dezent: Edgar Selge) führt ein surrealistisches Schreckensregiment, zu dem eine strenge Musikerziehung ebenso gehört wie das Konservieren von menschlichen Gehirnen und Embryonen im hauseigenen Labor. Man sieht die neue Gefährtin des Vaters (Jeanette Hein) mit dem Gutsverwalter herumknutschen, man sieht russische Soldaten blutig Jagd machen auf Anarchisten, und inmitten des Trubels stolpert die junge Heldin über einen schwer verletzten jungen Freiheitskämpfer, den sie versteckt und pflegt.

Das ist, so wie sie Chris Kraus aufdonnert, eine keineswegs in jedem Detail neue oder überraschende, aber eine fast immer packende Grusel- und Herzschmerzgeschichte. Gut, der Regisseur kleistert seinen Film mit Musik zu, er neigt zu geschmacksunsicherem Bombast, die Leidenschaft allerdings, die er an den Tag legt, wirkt nahezu erlösend: Hier weiß einer genau, dass und was er zu erzählen hat - und der Teufel soll ihn holen, wenn er nicht den ganzen Kinosaal zum Heulen bringt. Dieses Projekt ist Kraus und seiner Hauptdarstellerin Paula Beer in Hof tadellos gelungen.



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SethSteiner 01.11.2010
1. Nix Titel
Wann war denn die letzte Zeit des Deutschen Films? Das muss doch in den 20er Jahren gewesen sein. Da, als man noch die Fantastik benutzte. Da, wo man die verschiedensten Genres beherrschte, neue Ideen hatte und Experimente wagte. Doch danach? Was bleibt vom Deutschen Film denn wirklich übrig? Viel Drama, viel Klamauk, viel Historie und Schmachtfetzen. Oftmals gibt es nur Mischungen aus den vieren. Aber was ist mit wirklichen Neuen Dingen? Von all den Filmen der letzten Jahre, wäre ich bereits zusagen das Pandorum der beste war. Ein Film, mit harter Action, mit einer Kameratechnik, die nicht zeigt "seht her, ich bin ein schmutziger Deutscher Film.". Ein SciFi Film, ein totes Genre hier. Ist er ein besonders herausragender Film? Nein, sicher nicht. Aber er war ordentlich und er sticht aus dem heraus, was Deutschland sonst für Müll produziert, gerade Herr Schweiger. Deutschland hat die Fähigkeiten großes zu leisten im Fernsehen und im Kino aber man traut sich nicht. Lieber wieder irgendeine Geschichte aus einem Weltkrieg und anreichern mit schlecht choreographierten Sex.
Batistuta, 01.11.2010
2. Was wir brauchen...
Um das Problem des deutschen Kinos mal mit berühmten deutschen Worten zu beschreiben: Wir brauchen Eier!
tradtke 01.11.2010
3. Bin ich im falschen Film?
Diese Kritik am deutschen Film kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe in den letzten Jahren hervorragende Filme sehen dürfen, die sich wohltuend vom Hollywood-Einerlei abheben. Ins Kino treibt mich so schnell zwar nichts mehr, da ich den Filmgenuß per DVD/BD zu Hause vorziehe, aber das hat nichts mit der Qualität der Produktionen zu tun.
rosenpflanze 01.11.2010
4. schlechte schauspieler
ein schlechtes buch lässt sich ja manchmal durch gute schauspieler retten. allerdings sind viele jüngere deutsche schauspieler so schlecht, dass man mit denen auch das beste buch ruinieren kann. die männer, wenn man sie so nennen mag, sind meist piepsige mittelstandskinder, die jetzt plötzlich einen landsknecht geben sollen und hierbei kläglich scheitern. die frolleins hingegen sollen widerstandsgattinen mimen, aber hören sich an, als kämen sie grade verheult aus dem bioladen, weil das hirsemüsli ausverkauft ist. im ernst....die sprechausbildung fehlt komplett bei der riege der schauspieler bis 50 jahren. man merkt in jeder sekunde die unechtheit dieser knallchargen.....und kein kritiker scheint das zu bemerken.
SethSteiner 01.11.2010
5. Nix Titel
Ich versteh dagegen nicht die Kritik an Hollywood. In Hollywood wird doch alles produziert, jedes Genre wird in "Hollywood" bedient. Von Einerlei kann doch keine Rede sein, wenn man ständig andere Sachen produziert. Babel ist Hollywod, genauso wie Iron Man Hollywood ist, Star Trek ebenfalls oder Hautnah oder 21 Gramm. Herr der Ringe ebenso wie Schindlers Liste. Im Gegensatz zu Deutschland, produziert Hollywood für viele Geschmäcker und erzählt nicht immer gleiche Drama und Schmonzetten.
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