Deutsches Kino: Kein Wir, aber viele Ichs

Was hat das deutsche Kino zu sagen? Wovon erzählt es, was sind seine Themen? Johanna Straub guckte zehn Berlinale-Tage lang Filme aus heimischer Produktion: Dokumentationen, Spielfilme und den Omnibus "Deutschland 09". Für SPIEGEL ONLINE zieht sie Bilanz: Mehr Innerlichkeit war selten.

Deutschland. Jetzt. Nicht länger als zwölf Minuten. Nach dieser Vorgabe sind die "13 kurzen Filme zur Lage der Nation" von "Deutschland 09" entstanden, jenem Omnibus von einem Film, der am Freitag, dem 13., zum Abschluss der Berlinale gezeigt wurde. Persönlich sollten die Filme sein, subjektiv und unmittelbar.

Es ist weder diese Vorgabe, noch das Ergebnis, das bei vielen Kritikern dieses gewisse unbefriedigte Gefühl hervorruft. Auf die ersten, drängendsten Fragen - wo ist der rote Faden, wieso wurde Thema X ausgespart, weshalb ist Soundso nicht dabei, und warum überhaupt 13 Filme und nicht 42 - bekanntlich die Antwort auf alle Dinge des Lebens und des Universums - gibt es schlüssige Antworten. Im Film selbst und auf der Pressekonferenz nach der Vorführung: Die Beschränkung auf 13 Episoden, die zusammen über knapp zweieinhalb Stunden lang sind, ist bedingt durch die Aufnahmekapazität der Zuschauer. Eine Fortsetzung wäre schön, Soundso ist schwanger und in eine andere Produktion eingebunden - und das Thema X, das natürlich die deutsche Einheit ist, 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist zwar kein Thema, durchdringt aber die Filme. Dass es keinen roten Faden geben muss, ist vielleicht schon das erste Ergebnis dieses Films, der damit ein Stellvertreter für das deutsche Kino im Jahre 2009 ist.

Scheitern am eigenen Anspruch

Problematischer als der Film selbst ist der programmatische Titel, mit dem der Film sich traut, die D-Frage zu stellen, 31 Jahre nach der Gemeinschaftsproduktion "Deutschland im Herbst" von Fassbinder, Kluge, Schlöndorff und Co.. "Deutschland 09" pocht auf deren Tradition, ohne wie damals den deutschen Herbst als Anlass und verbindendes Element zu haben. Unsere Gegenwart mache nicht den Druck, zu einem gemeinsamen Wir zu finden, heißt es in der Pressekonferenz. Und trotzdem, und trotz aller Beteuerungen, dass das so sein soll, bleibt die Erwartung an das, was ein Film zur Lage der Nation verspricht, bestehen: eine Aussage und eine Haltung. Ein Wir.

Der Film kann und will nicht repräsentativ sein, wird betont, sondern willkürlich und subjektiv. Es wirkt wie ein gewolltes Scheitern am eigenen Anspruch. "Es ist alles viel komplexer", heißt es in Sylke Enders Beitrag "Schieflage". Dass es komplex ist, wissen wir. Vielleicht hätten es dann doch 42 Episoden sein müssen, um dieser Komplexität Rechnung zu tragen.

Oder, noch besser, man hätte sich vor der Antwort 42 überlegt, wie genau eigentlich die Frage lautet, wie es bei Douglas Adams von Deep Thought empfohlen wird. Ein gutes Dutzend Stimmen zu nur einem der Unterthemen Erziehung, Überwachung, Sexualverhalten, Globalisierung oder Architektur in Deutschland wäre mutiger gewesen – und auch nicht weniger vollständig. So aber, mit seinem globalen Anspruch, alles, aber nichts Bestimmtes abbilden zu wollen, gleicht der Film mit dem schweren Titel einer großen Spielwiese.

Bezeichnenderweise ist eine US-amerikanische Produktion, co-finanziert mit deutschen Mitteln, der Film mit dem deutschesten aller Themen: "Der Vorleser", der die Frage nach Schuld und Sühne deutscher Vergangenheit thematisiert.

Dabei gibt es in den Filmen dieses Jahrgangs geradezu eine Häufung der Kriegsverbrecherthematik. So unterschiedlich "Der Vorleser", "Sturm" und "Das Vaterspiel" (Regie Michael Glawogger nach einem Roman von Josef Haslinger) dieses Thema auch angehen, die Frage nach einer übergeordneten Moral einer Instanz, und dem Umgang mit Schuld und Verantwortlichkeit des Einzelnen zieht sich durch alle hindurch.

Doch ob sie nun bestraft werden, durch die berüchtigten Lücken im Netz entwischen, sich verstecken müssen oder sich auf freiem Fuß in der Welt bewegen, der Beschäftigung mit Kriegsverbrechern diametral entgegen steht Florian Gallenbergers Historien-Epos "John Rabe", dessen Hauptfigur inmitten der 1937 in Nanking barbarisch metzelnden Japaner über 130 Minuten hinweg ganz ungebrochen deutscher Held sein darf: Nicht ein Fleckchen auf seiner weißen Weste, so weit die Linse reicht. Das ist neu. So ein – man muss es wohl als Biopic bezeichnen - über einen guten Deutschen zwischen bösen Japanern hätte es vor einigen Jahren noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht als deutsche Produktion.

Die Wettbewerbsfilme "Sturm" und "The International" haben, bei aller Verschiedenheit in Genre, Stil und Anspruch, eine andere Herangehensweise an das Heldenthema. Sie erzählen nicht mehr die klassische Geschichte, in der der Bösewicht aus dem System ausschert, vom Helden gestellt und dann vom System bestraft wird, damit die gute Ordnung wieder hergestellt wird.

Rückkehr des einsamen Helden

Sowohl in Tom Tykwers Globalisierungsthriller als auch in Hans-Christian Schmids Justizdrama ist das Böse längst ins System übergewuchert und der Held bzw. die Heldin geraten auf ihrer kämpferischen Reise an einen Punkt, an dem sie gegen eine Glaswand laufen und sich die Nase blutig schlagen. Sie müssen den Schutz des Systems, für das sie eigentlich kämpfen, verlassen und auf die andere Seite wechseln, wenn sie ihr Ziel – Gerechtigkeit – erreichen wollen. Die nicht zuletzt von den 68ern propagierte Methode, das System von innen heraus zu bekämpfen, hat scheinbar ausgedient. Die heutigen Filmhelden sind wieder einsamer.

Auch der Protagonist in Maren Ades Film "Alle Anderen" läuft gegen eine Glaswand, nicht nur im wörtlichen Sinne, sondern auch im übertragenden. Der Unterschied zu Tykwer und Schmid ist, dass der junge Chris seine Grenzen schon verinnerlicht hat und im Grunde nur noch gegen sich selber kämpft. Gerade weil die Probleme der beiden Wohlstandskinder, deren Beziehung zueinander hier schonungslos seziert wird, im Grunde nur auf Kommunikationsschwierigkeiten und Missverständnissen beruhen, sind sie nachvollziehbar. Es ist mutig, vor allem das zu zeigen, was nicht passiert, und eine beeindruckende Leistung, wie es Ade gelingt, zwei Stunden lang eine Spannung zu halten, die nach Innen dringt, nicht nach Außen.

Die berührendsten Filmmomente sind in diesem Jahr ohnehin diejenigen, die so langsam sind, dass es fast weh tut. In denen die Zeit stehenbleibt und ein Raum geöffnet wird, der eigene Gedanken fordert. Einer dieser Momente ist eine Großaufnahme des paschtunischen Kriegsveteranen Hossein, dessen unglückliche Liebesgeschichte Helga Reidemeisters Dokumentarfilm "Mein Herz sieht die Welt schwarz - Eine Liebe in Kabul" erzählt. Hossein steuert mit seiner Gehhilfe auf eine schlafende Katze zu. Er kommt nur in Zentimeterschritten voran, und die Frage, ob er die Katze umrennen oder vorher verscheuchen wird, wird immer drängender, als er versucht, mit einem Schritt, der ein viel größerer ist, als er eigentlich machen kann, über die Katze zu steigen. Dieser Moment erzählt viel mehr über diesen Menschen als alles, was er über sich selbst sagen könnte.

Spielen macht glücklich

Das Dokumentargenre wandte sich schon immer gerne in die Fremde, doch in diesem Jahr fällt der Drang, das Land zu verlassen, sich mit seinen nationalen Befindlichkeiten im Ausland zu spiegeln, besonders ins Auge. Vielfach geht es um Deutsche, die im Ausland leben, so etwa in Jochen Hicks "Good American" oder in "Achterbahn", in dem Peter Dörfler die unglaubliche Geschichte des ehemaligen Betreibers des Vergnügungsparks im Plänterwald erzählt, der seinen Sohn mit versehentlich in ein peruanisches Gefängnis bringt. Oder in "Endstation der Sehnsüchte", einem kurzweilig leichten Film von Sung-Hyung Cho über ein deutsches Dorf in Südkorea und drei deutsche Männer, die mit Hilfe ihrer koreanischen Frauen ihre Heimat zu finden versuchen.

Eine Spielwiese ist "Deutschland 09" nicht nur im gleichnamigen Omnibusfilm. Nicht ein Thema drängt, sondern viele, die Grenzen weichen auf. Jene, wo Deutschland aufhört - zumindest als Drehort - ebenso wie die Grenzen zwischen Gut und Böse und den einzelnen Filmgenres.

Auf einer Spielwiese, das ist das Schöne, tollt man herum, probiert sich aus, wagt sich an Übungen und Tricks heran. Spielen macht glücklich und erlaubt vorübergehend sogar ein Wir. Wie ungemein tröstlich, dass - in der Deutschland-Episode von Dani Levy - von dieser Spielwiese aus auch im deutschen Film die kleinen Kinder fliegen dürfen wie in "Ricky" von François Ozon, dem phantastischsten der Berlinale-Filme im Wettbewerb. Von da oben dürften die Dinge ganz gut zu sehen sein. Sogar die Lage der Nation.

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  • Montag, 16.02.2009 – 17:10 Uhr
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