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Deutsches Kino: Manitu, hilf!

Der Marktanteil deutscher Kino-Produktionen wird im laufenden Jahr nur bei knapp zehn Prozent liegen. Einen Publikumserfolg wie den letztjährige Blockbuster "Der Schuh des Manitu" gab es 2002 nicht, ambitionierte Werke wie "Halbe Treppe", "Baader" oder "Bella Martha" liefen beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Berlinale-Gewinner "Halbe Treppe" (mit Steffi Kuehnert und Thorsten Merten): Achtungserfolg mit 300.000 Besuchern
DDP

Berlinale-Gewinner "Halbe Treppe" (mit Steffi Kuehnert und Thorsten Merten): Achtungserfolg mit 300.000 Besuchern

Frankfurt/Main - 2002 war ein besonders schlechtes Jahr für den deutschen Film. Der Marktanteil der heimischen Kino-Produktionen dürfte die Zehn-Prozent-Marke am Jahresende nur knapp überschreiten, er könnte sogar noch darunter liegen. Gegen die nun in kurzen Abständen gestarteten Publikumsmagneten "James Bond, "Harry Potter 2" und "Der Herr der Ringe" (Kinostart am 19. Dezember) gibt es keinen deutschen Film mehr, der chancenreich mit diesen internationalen Kassenhits konkurrieren könnte.

Es dürfte ohnehin nicht als gutes Zeichen für die deutsche Filmindustrie gewertet werden, wenn ein mittelmäßiger Kinderfilm wie "Bibi Blocksberg" mit rund zwei Millionen Besuchern zum erfolgreichsten deutschen Film 2002 wird. Denn die Mehrzahl der Kinogänger in Deutschland sind nun einmal Erwachsene, die aber mal wieder die Ware aus Hollywood der einheimischen Kost vorgezogen haben. Zu keiner Zeit stand eine deutsche Produktion in diesem Jahr an der Spitze der aktuellen Hitparade der kommerziell erfolgreichsten Filme.

"Bella Martha"-Darstellerin Gedeck (mit Filmpreis "Lola"): Erfolgreich im Ausland
REUTERS

"Bella Martha"-Darstellerin Gedeck (mit Filmpreis "Lola"): Erfolgreich im Ausland

Das war 2001 mit dem sensationellen Erfolg der Western-Groteske "Der Schuh des Manitu" noch ganz anders gewesen. Die Komödie verzeichnet inzwischen fast zwölf Millionen Zuschauer. Dank "Manitu" wurde 2001 ein Markanteil von 18,4 Prozent erreicht, also fast das Doppelte der in diesem Jahr zu erwartenden Prozentzahl. Allerdings muss dabei auch beachtet werden, dass in der offiziellen Statistik der Berliner Filmförderungsanstalt auch Produktionen einbezogen werden, die mit Geldern aus deutschen Quellen finanziert wurden, ansonsten aber beim besten Willen nicht als deutsche Filme gelten können.

Das galt 2001 für den französischen Kinohit "Die fabelhafte Welt der Amélie" und betrifft 2002 unter anderem den von Bernd Eichinger produzierten Actionthriller "Resident Evil". Immerhin rund eine Million Deutsche, die nun die Gesamtstatistik aufbessern, sahen den mit ausländischen Darstellern und einem US-Team für den internationalen Markt konzipierten Film. Künstlerisch wie kommerziell der überzeugendste deutsche Film 2002 waren Caroline Links Romanverfilmung "Nirgendwo in Afrika", den 1,3 Millionen Zuschauer sahen, sowie Andreas Dresens ostdeutsche Sozialstudie "Halbe Treppe".

Zwar fanden bislang nur 300.000 Besucher in den bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Film, doch ist das eine vergleichsweise hohe Zahl für eine so ambitionierte Produktion. Viel schlechter erging es den beiden anderen deutschen Beiträgen im Wettbewerb: "Baader" von Christopher Roth zählte nur 23.000 Besucher, "Der Felsen" von Dominik Graf gerade mal 42.000 Zuschauer.

Eichinger-Produktion "Resident Evil" (mit Milla Jovovich): Statistik aufgehübscht
CONSTANTIN

Eichinger-Produktion "Resident Evil" (mit Milla Jovovich): Statistik aufgehübscht

Doch auch Tom Tykwers neues Werk "Heaven", die erste in englischer Sprache gedrehte Produktion des Regisseurs von "Lola rennt", blieb mit rund 420.000 Besuchern weit hinter den Erwartungen zurück. Hingegen übertraf Sandra Nettelbecks unterhaltsame Kochgeschichte "Bella Martha" mit 450.000 Kinogängern die in diesen Film gesetzten Hoffnungen deutlich. Noch wichtiger aber ist der Erfolg von "Bella Martha" im Ausland, wo die Komödie mit Martina Gedeck ausgerechnet auf dem für Importware so schwierigen amerikanischen Markt ein dankbares Publikum fand und bisher fast vier Millionen Dollar einspielte.

Dieser Überraschungserfolg kann jedoch kaum die Misere verdecken, in dem der hochsubventionierte deutsche Kinofilm trotz aller Diskussionen und verschiedener Ansätze zur Belebung steckt. Der Produzent Günter Rohrbach ("Aimée und Jaguar") hat erst jüngst dazu kritische Bemerkungen verfasst, die viele Kenner der einheimischen Filmbranche teilen dürften: "Das Elend des Gremienkinos wird seit Jahren beklagt, eine Reform wäre überfällig." Als positives Beispiel führte Rohrbach - nicht als Erster - das Nachbarland Frankreich und seine seit Jahren blühende Filmkultur an, in der sich ambitionierte Werke neben Blockbustern wie "Asterix" kommerziell profilieren können.

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