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Deutsches Kino: "So ist die Katastrophe wirklich perfekt"

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Auch Dank "Fack ju Göhte 2": 2015 war ein Rekordjahr fürs deutsche Kino Zur Großansicht
Constantin

Auch Dank "Fack ju Göhte 2": 2015 war ein Rekordjahr fürs deutsche Kino

Die Zahlen stimmen, aber auch die Qualität? Zum Auftakt der Berlinale diskutierten deutsche und internationale Experten, wie es ums deutsche Kino wirklich bestellt ist.

Bipolar ist wohl das beste Wort, um die Stimmung in der deutschen Filmbranche zu beschreiben.

Am Mittwochmittag gab die Filmförderungsanstalt FFA bekannt, dass 2015 das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr seit Erhebung der Besucherzahlen gewesen sei. Im Vergleich zu 2014 seien die Einnahmen um 19,1 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro gewachsen. Die Zahl der Besucher sei um 14,3 Prozent auf 139,2 Millionen gestiegen.

Am Mittwochabend luden dagegen der Verband der deutschen Filmkritik (VdFK) und die Heinrich-Böll-Stiftung zu einer Konferenz unter dem Titel "Kino machen andere. Warum der deutsche Film nur unter sich feiert" ein. Von den Besucherzahlen im Kulturquartier Silent Quartier im Berliner Stadtteil Wedding zu schließen, neigen viele junge Filmemacherinnen und Filminteressierte eher zum depressiven Ende des Spektrums.

Über 400 Zuhörer, von denen etliche wegen Überfüllung an der Tür des Kuppelsaals abgewiesen werden mussten, hörten erst einem Panel mit internationalen Perspektiven auf den deutschen Film zu. Hier sprachen Charles Tisson, Leiter der "Semaine de la Critique" in Cannes, Sergio Fant, Mitglied der Auswahlkommission von Locarno, sowie Richard Brody, Filmkritiker beim "New Yorker", über die ästhetische Starrheit des deutschen Kinos und seine inhaltliche Fixiertheit auf den Nationalsozialismus.

Eine deutsche Expertenrunde sollte im Anschluss Hindernisse und Strategien zur Überwältigung der vermeintlichen Krise des deutschen Kinos klären. Hier dominierten Bettina Reitz, langjährige BR-Spielfilmchefin und jetzige Präsidenten der Münchner Film- und Fernsehhochschule, und Katrin Schlösser, Produzentin ("Sonnenallee", "Schlafkrankheit") und Professorin an der Kölner Kunsthochschule für Medien, die Diskussion. Wie der erste Teil des Abends endete aber auch diese Runde in informierter Ratlosigkeit.

Kalte Schulter von den A-Festivals

Denn steckt der deutsche Film wirklich in der Krise? Die Veranstalter machten ihre Diagnose an dem Umstand fest, dass 2015 kein deutscher Film in den Wettbewerben der Festivals von Cannes, Venedig und Locarno vertreten war. Ein problematisches Kriterium, hat Cannes doch zuletzt Christian Petzolds "Phoenix" und damit einen der bemerkenswertesten deutschen Filme der letzten Jahre abgelehnt.

Womöglich ist dann doch die Berlinale, als deren inoffizielle Auftaktveranstaltung viele Besucher die Diskussionsrunde verstanden, der bessere Maßstab. Mit "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached läuft diesmal nur ein einziger deutscher Film im Wettbewerb, und dass obwohl Berlinale-Chef Dieter Kosslick als unbedingter Verfechter des hiesigen Kinos schon einiges an B-Ware in die prestigeträchtigste Reihe des Festivals gehoben hat.

Dieser Umstand gab sogar Bettina Reitz zu denken, die im zweiten Teil des Abends ausführlich, aber vergebens darum warb, sich von der Behäbigkeit des deutschen Filmbetriebs nicht die Laune verderben zu lassen. Zum Schluss konstatierte sie selbst, dass die deutsche Filmkultur darniederläge und Filminteressierte mittlerweile eine verstummte Menge darstellten. "So ist die Katastrophe wirklich perfekt."

Sonst um kein dröhnendes Adorno-Zitat ("Zur Fröhlichkeit besteht objektiv kein Grund") und rigoroses Geschmacksurteil verlegen, wiegelte Lars Henrik Gass, langjähriger Leiter des Kurzfilmfestivals Oberhausen, dann doch ab. An der Qualität der deutschen Kurzfilme habe er nichts auszusetzen, gleiches gelte auch für den Dokumentarfilm.

Geldgeber drängen auf die Bühne

Damit riss Gass einen Punkt an, der in den vielen ähnlich gelagerten Diskussionen, die die deutsche Filmbranche im Monatstakt führt, oft vernachlässigt wird: Auch wenn es wirtschaftlich schlecht um den deutschen Dokumentarfilm bestellt ist, hat er kein Qualitätsproblem - was sich auch am Berlinale-Programm ablesen lässt. Im Forum ist Altmeister Volker Koepp, 71, mit seinem neuen Film "Landstück" vertreten. Philip Scheffner, 49, zeigt mit "Havarie" und "And-Ek Ghes..." gleich zwei Filme in derselben Reihe. Von Serpil Turhan, 36, ist ihr Rudolf-Thome-Porträt als Special Screening zu sehen. So große Probleme wie die Regisseure von fiktiven Stoffen, ihren dritten, vierten oder fünften Film zu machen, haben Dokumentarfilmerinnen und -filmer offenbar nicht.

Mit einer Anekdote von der Piazza Grande in Locarno, wo die größten Filmaufführungen des Festivals stattfinden, stimmte Sergio Fant auf den Themenkomplex ein, der die Konferenz letztlich beherrschen sollte. Als "Der Staat gegen Fritz Bauer" 2015 seine Aufführung auf der Piazza Grande feierte, drängten im Anschluss nicht nur die am Film beteiligten Kreativen auf die Bühne, auch die Geldgeber wollten sich von den Zuschauern feiern lassen - eine absolute Ausnahme, wie Fant berichtete. Der große Einfluss der Geldgeber und die Behäbigkeit der deutschen Filmförderung: Sie offenbaren sich scheinbar auch demjenigen, der sich nur nebensächlich mit dem deutschen Film beschäftigt.

Richard Brody, ausgewiesener Anhänger der Mumblecore-Bewegung in den USA, machte sich für deren No-Budget-Pragmatismus bei gleichzeitiger ästhetischer Dringlichkeit stark. Über die Vorteile des Selbstausbeutungsmodus wollte sich aber kein Konsens einstellen. Genauso wurde angezweifelt, wie nachhaltig alternative Finanzierungskonzepte, die sich durch Crowdfunding oder den Einstieg der Streamingdienste Netflix und Amazon ins Filmgeschäft ergeben, wirklich sind.

Und auch wenn die Mehrheit der Zuhörerinnen und Zuhörer ihren Ausführungen gegenüber skeptisch eingestellt zu sein schienen, blieb ihnen am Ende der fünfstündigen Diskussion wenig anderes übrig, als sich Bettina Reitz anzuschließen. Sie befand: "Die Strukturen und Fördermechanismen sind ja äußerst kompliziert. Hier wird sich in den nächsten Jahren kaum was ändern."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1.
gekreuzigt 11.02.2016
Cannes etc. stehen nicht für erfolgreiches Kino, sondern für Kritikerkino. Es ist nicht wirklich wichtig, ob man dort dabei ist.
2. Lasst Zahlen sprechen.
Jackie Treehorn 11.02.2016
Das der Deutsche Film, ziemlich am Ende ist, liegt vermutlich an der Filmfoerderung. Wuerden Filme nicht mehr durch Kultur-Foerderung finanziert, sondern anhand von zu erwartende Einspielergebnisse muessten Filmemacher zwangslaeufig Filme fuer das Publikum machen. Durch eine Film-Foerderung warden Filme gedreht die keinen Interessieren, ausser den Paar Pseudo-Intellektuelle, die sich auch fuer Subventionen fuer Theater stark machen. Was rauskommt sind Filme z.B. ueber lesbische Feministinnen waehrend des 3. Reichs. Wobei solch ein Film, wenn er in Hollywood produziert werden wuerde, vermutlich noch gut gemacht und erfolgreich waere. Aus Deutscher Produktion wird das zwangslaeufig ein Drama fuer den Zuschauer und ein weiterer Beitrag welcher es nicht mal ins Kino schafft und irgendwann vielleicht im zwangsfinanzierten Oeffentlich Rechtlichen Fernsehen nach Mitternacht gezeigt wird. Deutscher Film ist leider viel zu oft Schrott und spiegelt den linken, politisch korrekten Zeitgeist wieder, der einfach nur zwangsbelehren, seine krude Message rueberbringen will und absolut unlustig, staubtrocken und sterbenslangweilig ist.
3.
at.engel 11.02.2016
Dass die Besucherzahlen steigen, ist natürlich erst mal positiv. Es bleibt dennoch die Frage bestehen, warum die Deutschen so wenig ins Kino gehen bzw. warum es in Deutschland keine ausgeprägtere Kinokultur gibt. Deutschland liegt nicht nur weit hinter Frankreich und Großbritannien zurück, sondern auch Belgier, Schweden, Dänen, Finnen, Schweizer oder Österreicher, usw. gehen wahrscheinlich öfter (pro Kopf) ins Kino, als das Deutsche tun. Nur am tollen Fernsehprogramm kann es doch nicht liegen.
4. Total daneben - Anderswo geht es doch
montana2015 11.02.2016
Schön, dass mal jemandem auffällt, dass der deutsche Film doof ist. Aber dann sagt ihr Autor, dass der deutsche Film kein Qualitätsproblem habe. Meine Güte. natürlich hat er ein Qualitätsproblem. Das Problem ist, dass deutsche Filme total uninteressant sind und ihre immer gleichen Darstellen dazu. Was wird an den Filmhochschulen eigentlich gelehrt? Wo sind deutsche Genrefilme? An einer Hand abzuzählen. In Spanien z.B. gibt es aktuell jedes Jahr ein Dutzend Horrorfilme und Thriller bester Qualität. Einfach mal Deutschlands einzig wahre Filmzeitschrift "Deadline" durchlesen. Da läuft einemalle 2 Monate das Wasser im Munde zusammen. Frankreich hat immer wieder geile Copfilme. Genauso in anderen Regionen der Welt, insbesondere Asien. Und das seit 30 Jahren. Da findet man die spannenden Stoffe. da wird es vorallem cineastisch. Da gibt es Jungstars, die nicht wirken wie aus einem deutschen Theaterkurs entsprungen. In deutschen Filmen regiert grau und sepia. Und nach 20 jahren filmgeförderter Langeweile landen die Mimen im Tatort für die Rente. Til Schweiger nehme ich aus, der Trash unterhält wenigstens. Die angeblich zerissenen Gestalten, die sonst ihr Unwesen treiben, sind einfach nur langweilig, keine Erotik, kein Tabubruch, keine Härte, keine Poesie, keine Emotionen, die einen wirklich berühren, noch nicht mal Mut zum Kitsch. Keine Schnelligkeit. der Zuseher wird konstant unterfordert. Eine Idee wird auf 90 Minuten ausgewalzt. Noch nicht mal Zeichentrick oder Anime gibts hier in Qualität. Keinen Trash. keinen Zombiefilm, außer Rammbock und der ist 6 Jahre alt. Internationale Trends werden verschlafen. Selbst auf dem Balkan und in Griechenland gibt es jedes Jahr ein paar verdammt intensive Filme, auch wenn sie sich immer wieder an den gleichen Themen Balkankrieg oder Eurokriese abarbeiten. was da für Schauspieler am Start sind. Ein Traum. Und deutsche Komödien sind mit Bully und Co einfach nur unterirdisch. Tarantino, der nun auch seit 20 Jahren am Start ist hat auch kaum Spuren hinterlassen. Es ist einfach grausam. Sorry für den Rant, aber ich bin einer von den verstummten Filmliebhabern aus dem Text.
5. Schwachbruestig, mutlos und einfallsarm
tuan_nguyen 11.02.2016
Es ist bereits das Label 'Deutscher Film' welches mich abschreckt und in jeder Sneak Preview einen leidvoll antrainierten Abwehrreflex (raunen) hervorruft, wenn schon wieder ein solcher Film die Leinwand erhellt. Ja, die oben genannte Thematische Verengung auf das leidvolle Thema 'Nationalsozialismus' und deren geistigen Brueder in der Gegenwart sind eher grausig umgesetzt und trotzen vor Kreativlosigkeit. Auch die oefter auftauchenden Komoedien, Romanzen oder gar deren Mischformen wiederholen sich jahrein, jahraus - ohne an unterhaltsamer oder intelektueller Raffinesse zu gewinnen. Da wundert es wenig, dass trotz rosiger Zahlen, die internationale Anerkennung spaerrlich ausfaellt. Eine Radikalkur und Umbesinnung der Entscheider, wenn nicht im Grossen, dann doch im Kleinen koennte dem Mief beseitigen und mich ins Kino locken. Selbiges gilt fuer das (oeffentlich-rechtliche) Beamtenfernsehen.
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