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Regisseur Oliver Hirschbiegel: "Die Briten fühlen sich schuldig gegenüber Diana"

Ein Interview von

"Bizarre Dialoge, mittelmäßig, sinnlos": Für sein Biopic über Prinzessin Diana hat Regisseur Oliver Hirschbiegel jede Menge Kritiker-Prügel in Großbritannien kassiert. Zum deutschen Kinostart erklärt er, warum er Lob nicht braucht und welche neuen Seiten er an der Königin der Herzen entdeckte.

Zur Person
  • DPA
    Oliver Hirschbiegel, 56, drehte fürs Fernsehen, bevor er 2001 mit dem Thriller "Das Experiment" sein erfolgreiches Kinodebüt feierte. Es folgte "Mein letzter Film" mit Hannelore Elsner (2002). Eine Oscar-Nominierung und weltweites Aufsehen erregte Hirschbiegel 2004 mit dem von Bernd Eichinger produzierten Führerbunker-Drama "Der Untergang". Mit "Diana" (Kinostart am 9. Januar) verfilmte er die letzten Jahre der englischen Prinzessin. Als Grundlage diente ein Buch der Autorin Kate Snell über Dianas bis dato geheime Liebesaffäre mit dem Herzchirurgen Hasnat Khan, das Drehbuch stammt von dem britischen Dramatiker Stephen Jeffreys. Naomi Watts spielt die Hauptrolle.
SPIEGEL ONLINE: Herr Hirschbiegel, erst setzen Sie sich mit Hitlers "Untergang" dem Fegefeuer der deutschen Filmkritik aus, jetzt erregen Sie mit "Diana" den Zorn der britischen Presse. Sind Sie eigentlich Masochist?

Hirschbiegel: Ich kann doch nicht, wenn ich eine Geschichte erzählen will oder mich eine Geschichte fasziniert, zuerst über die Kritiker nachdenken. Der nächste Schritt wäre ja, euch gleich um Rat zu fragen: Soll ich das machen, und wenn ja, wie? Das wäre doch auch für euch blöd, und ein guter Film käme ganz sicher nicht dabei heraus, im Gegenteil! Ich habe lieber eine gesunde, bösartige Kritik. Kluge Verrisse nützen mir im Zweifelsfall mehr als Lob. Lob schmeichelt der Eitelkeit, Kritik bringt dich weiter.

SPIEGEL ONLINE: Also haben Sie sich über die harten "Diana"-Urteile der britischen Kritiker gefreut?

Hirschbiegel: Das war ja nicht mal Kritik, das meiste war Polemik, total hysterisch. Die wollten so einen Film einfach nicht. Man kann immer sagen, der Film ist scheiße oder zu freundlich, oder dass man sich ein kritischeres Porträt gewünscht hätte, aber man kann zum Beispiel nicht behaupten, Naomi Watts spiele Diana schlecht. Wenn Kritik auf diese unsachliche Ebene gerät, wird's echt bescheuert.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Heftigkeit? Haben die Briten noch eine offene Rechnung mit Diana?

Hirschbiegel: Ja, das ist ein kollektives Schuldgefühl. Unser Film spielt zwischen 1995 und 1997, das ist genau die Zeit, in der die Presse extrem bösartig mit Diana umgegangen ist, sie selbst aber natürlich auch in der Öffentlichkeit einen seltsamen Schlingerkurs gefahren ist. Diese Geschichte mit Dodi al-Fayed zum Beispiel, die war nicht gut, die hat den Leuten nicht gefallen. Und dann stirbt sie plötzlich…

SPIEGEL ONLINE: Die Nation hat ein schlechtes Gewissen?

Hirschbiegel: Ja, weil so vieles nicht aufgearbeitet war, als sie starb. Und dann kam der Schock dazu, wie sehr Dianas Tod die Menschen berührte. Selbst mich, der ich mich nie groß für Diana interessiert hatte, hat das berührt. Wenn du aber Engländer bist und mit dieser Geschichte aufwächst, wenn du plötzlich eine Prinzessin erlebst, die berührbar ist und die diese königliche Familie berührbar macht, dann ist das alles ganz grauenhaft. Das Image der Royals war komplett ruiniert damals, und Diana war auch ein schwieriger Fall. Und jetzt, wo alles gerade wieder rosig ist mit Kate und William und dem kleinen George, ausgerechnet jetzt kriegen die das von mir noch mal an den Latz geballert.

SPIEGEL ONLINE: Der Hauptvorwurf vieler Kritiker ist ja, dass Sie Diana zu einseitig als Heilige darstellen.

Hirschbiegel: Stimmt ja nicht, ich finde, wir sind da sehr ausgewogen. Klar, es würde die Sache für die Briten leichter machen, wenn ich sie nur als manipulativ und bitchy darstellen würde, aber da bin ich als Regisseur und Rechercheur gefragt, bei den Fakten zu bleiben.

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"Diana"-Regisseur Hirschbiegel: Viel Herz für die Prinzessin

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Wahrheiten über Diana sind Sie denn gestoßen?

Hirschbiegel: Ein Aspekt ist zum Beispiel Dianas Spiritualität. Darauf bin ich in Gesprächen mit Diana-Vertrauten wie Simone Simmons gekommen. Man muss sich nur mal die Bilder ansehen, wie Diana auf Menschen gewirkt hat. Eine ähnliche Power hatten nicht viele Menschen, Gandhi sicherlich, aber auch Filmstars wie Marlene Dietrich. Es gibt da eine bestimmte Energie, die schwer zu beschreiben ist. Aber ich habe versucht, das in den Film hineinzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Die königliche Familie kommt im Film nicht vor, Sie konzentrieren sich ganz auf Diana und ihre Affäre mit Hasnat Khan. Absicht oder Angst vor dem Zorn der Royals?

Hirschbiegel: Das mussten wir zwangsläufig so machen, denn in dem Augenblick, wo wir ihr im Film begegnen, ist Diana offiziell getrennt von Charles und hat auch keine öffentlichen Verpflichtungen mehr, die etwas mit dem Königshaus zu tun haben. Noch nicht einmal bei ihrer Scheidung sind sich Charles und Diana begegnet. Hätte ich da, der Dramatik wegen, Szenen erfunden, hätte man mir den Film erst recht um die Ohren gehauen. So etwas habe ich schon beim "Untergang" bewusst vermieden. Die einzige Verbindung sind natürlich ihre Söhne. Aber hätte man die im Film öfter zeigen sollen? Ich fand das geschmacklos.

SPIEGEL ONLINE: Die Affäre zwischen Diana und Hasnat Khan war ein großes Geheimnis, Sie haben viel recherchiert, um sie zu rekonstruieren und alles möglichst wahrheitsgetreu abzubilden. Wie sehr schmerzt es, dass nun ausgerechnet Khan selbst in der britischen Presse behauptet, Ihre Darstellung beruhe auf Tratsch und Lügen?

Hirschbiegel: Das verstehe ich ehrlich gesagt gar nicht. Nach allem, was ich weiß, ist Khan ein sehr kluger, bedachter Gentleman der alten Schule, der Öffentlichkeit überhaupt nicht möchte. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wie schmerzhaft das alles für ihn sein muss, wie gebrochen der Mann sein muss. Diana war die Liebe seines Lebens, aber sie hatten beide keine Gelegenheit, ihre Gefühle auszuleben, weil dieser tragische Unfall alles beendet hat. Sieben Jahre lang gab es kein Statement von ihm zu dem Buch von Kate Snell, auf dem unser Drehbuch beruht, keine Kritik, gar nichts. Und dann äußert er sich eine Woche vor der Premiere in England ausgerechnet in den Blättern, die am bösartigsten mit Diana umgegangen sind? Ohne den Film überhaupt gesehen zu haben? Das deckt sich nicht mit dem Mann, den ich im Film darstelle.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie versucht, zu ihm Kontakt aufzunehmen?

Hirschbiegel: Nein. Wenn ich etwas über eine reale Person erzähle, möchte ich meine Objektivität als Geschichtenerzähler behalten. In dem Moment, in dem ich persönlich involviert werde, lenkt mich das ab, dann werde ich zu sehr beeinflusst. Hinterher, wenn der Film fertig ist, wäre das denkbar, aber im Vorfeld würde ich eine Begegnung gar nicht wollen. Meistens schicke ich daher Leute, die an meiner Stelle recherchieren. Aber Khan ist, wie gesagt, ein sehr privater Mensch. Er wollte keinerlei Kontakt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie Diana heute?

Hirschbiegel: Diana hatte eigentlich alles, was ein großer Filmstar auch hat: diesen Instinkt, um mit Menschen und Medien umzugehen und trotzdem authentisch zu sein. Sie war auf Ihre Art auch eine Schauspielerin. Gute Schauspieler haben aber auch eine große Unsicherheit und Fragilität, sobald sie aus dem Rampenlicht treten. Die Essenz von Diana ist für mich ihre Unmittelbarkeit: Sie machte Fehler, exponierte sich, war irrational und scherte sich oft nicht um mögliche Konsequenzen. Das schafft eine große Berührbarkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen Diana sympathisch geworden?

Hirschbiegel: Sympathisch, aber tricky. Diana gehört für mich zum Schauspieler-Stamm: Ich liebe es mit denen zu arbeiten, aber befreundet bin ich nur mit wenigen. Die sind mir emotional zu bedürftig, zu kompliziert. Ich muss sie nicht ständig in meiner Nähe haben, und so ginge es mir mit Diana wahrscheinlich auch.

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1. Merkwürdig
carlitom 06.01.2014
"aber man kann zum Beispiel nicht behaupten, Naomi Watts spiele Diana schlecht. Wenn Kritik auf diese unsachliche Ebene gerät, wird's echt bescheuert." Warum kann man das nicht behaupten? Wieso ist die Kritik unsachlich? Ist Watts unantastbar? So überragend, dass daran kein Zweifel besteht? Finde ich nicht.
2. Wie sehr Image und Wirklichkeit voneinander abweichen können...
gary14169 06.01.2014
Diese "Prinzessin" war promiskuitiv und notorisch untreu. Das "Ergebnis" ist der sogenannte "Prinz" Harry. Durch eine Millionenabfindung verzichtet der biologische Vater - irgendein ominöser Reitlehrer - auf seine Rechte, und Prinz Harry und Prinz Charles können einen auf Vater und Sohn machen. Dadurch hat er auch einen nachrangigen Thronfolgeanspruch. Dieser sog. Prinz, der seine Identität völlig verleugnen muß, kann einem nur leid tun. Kein Wunder, daß er so ein Leben führt und nichts auf die Reihe bekommt! Ich dachte, daß die Heiligennummer dieser Kindergärtnerin (so anspruchslos sind mittlerweile Thronfolger, Wenn es um Heirat geht...) mit ihrem Tod endet, aber ich habe mich wohl zu früh gefreut...
3. Filme, die die Welt nicht braucht.
gekreuzigt 06.01.2014
Folge 95: Alles über Diana.
4. optional
guteronkel 06.01.2014
Kann es sein, dass die Briten ein schlechtes Gewissen haben weil sie Camilla so schnell als Frau von Charles akzeptiert haben? Ausgerechnet Camilla, die so wirklich gar nichts von Diana hat.
5.
SteigerF 06.01.2014
Zitat von gary14169Diese "Prinzessin" war promiskuitiv und notorisch untreu. Das "Ergebnis" ist der sogenannte "Prinz" Harry. Durch eine Millionenabfindung verzichtet der biologische Vater - irgendein ominöser Reitlehrer - auf seine Rechte, und Prinz Harry und Prinz Charles können einen auf Vater und Sohn machen. Dadurch hat er auch einen nachrangigen Thronfolgeanspruch. Dieser sog. Prinz, der seine Identität völlig verleugnen muß, kann einem nur leid tun. Kein Wunder, daß er so ein Leben führt und nichts auf die Reihe bekommt! Ich dachte, daß die Heiligennummer dieser Kindergärtnerin (so anspruchslos sind mittlerweile Thronfolger, Wenn es um Heirat geht...) mit ihrem Tod endet, aber ich habe mich wohl zu früh gefreut...
Bei Prinz Harry gebe ich Ihnen recht. Sicherlich werden sich auch alle Kindergärtnerinnen freuen, dass es Männer gibt, die so anspruchslos sind, sich mit ihnen einzulassen. Sehr netter Beitrag.
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