DiCaprio in "J. Edgar" Alle Macht für Mamas Liebling

Die Sex-Affären der Mächtigen begründeten seine Macht. In "J. Edgar" spielt Leonardo DiCaprio den legendären FBI-Chef J. Edgar Hoover als schwules Müttersöhnchen und unermüdlichen Erpresser. Regisseur Clint Eastwood hat das Drama eines infamen Charakters unerwartet zärtlich gestaltet.

Warner Bros.

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Ein Lächeln, so einladend wie ein Befestigungswall, ein Schädel, so filigran wie eine Abrissbirne - die historischen Bilder, die vom FBI-Chef J. Edgar Hoover existieren, verströmen einen martialischen Charme. Ihre Botschaft: Diesen Mann kriegt niemand aus dem Amt, dieser Mann haut andere aus dem Amt. 48 Jahre war er der oberste Ermittler seiner Behörde. Coolidge, Hoover, Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson, Nixon - die US-Präsidenten kamen und gingen, J. Edgar Hoover blieb.

Für die Rolle des vielleicht mächtigsten Amerikaners des vergangenen Jahrhunderts nimmt Leonardo DiCaprio nun die letzte Etappe in seiner Entwicklung zum Superdarsteller. DeNiros massiv beleibter "Raging Bull", Brandos mit Wattebauschen in den Backen raunender "Godfather" - diese inzwischen ikonografischen Darstellungen von Hybris und Machtwille schwingen mit, wenn DiCaprio den Hinterzimmer-Paten Washingtons gibt.

Wo Hoover seinen wuchtigen Körper platziert, da ist kein Platz für einen zweiten; wen Hoover mit seinem vernichtenden Blick fixiert, dessen Existenz auf dem politischen Parkett Washingtons ist so gut wie ausgelöscht. Clint Eastwoods Biopic "J. Edgar" erzählt davon, wie ein Mann ein halbes Jahrhundert lang Einfluss im politischen Betrieb akkumuliert - und wie mit der Körperfülle auch die Machtfülle wächst.

Politik als Triebabfuhr

Wobei: Immer wieder betonen die Menschen in Hoovers Umfeld mit Bewunderung, dass es sich beim stetig wachsenden Polster um "festes Fleisch" handeln würde. Die Mutter (Judi Dench) sagt das kokett, als spreche sie mit ihrem Liebhaber. Und auch bei J. Edgars Handlanger und späterem Stellvertreter Clyde Tolson (Armie Hammer), der mit Hoover Anzüge aussuchen geht (breite Revers, dünne Nadelstreifen!), klingt das so, als sei die Schmeichelei an einen Liebhaber gerichtet. Love is in the air, sie wird allerdings nicht in Taten umgesetzt. Jedenfalls nicht in die naheliegenden.

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Kino-Drama über Hoover: Lasst starke Männer um ihn sein!
Weder das ödipal geprägte Verhältnis zur alleinerziehenden Mutter noch das homoerotische zum Kollegen bricht sich hier in sexueller Konkretion Bahn, der Trieb sucht sich ein anderes Ventil: die Arbeit. Genauer gesagt, die stetige Machterweiterung des Überwachungsapparats namens FBI, dessen Leitung Hoover 1924 als noch relativ überschaubares Bureau of Investigation übernimmt, um es in den nächsten Jahrzehnten für die Jagd auf die gefürchteten Kommunisten mit immer mehr Befugnissen und einem Heer von Mitarbeitern zur mächtigsten Behörde der USA auszubauen. Am Ende hat er einen Moloch aus kompromittierenden Akten und Karteien errichtet, den nur er und engste Mitarbeiter ganz überblicken können.

Das FBI als System der Repression, gelenkt vom unterdrückten Sexualtrieb seines obersten Repräsentanten: Diese verengende Lesart komplexer politischer Machtstrukturen könnte ziemlich langweilen, fänden Regisseur Eastwood und sein Drehbuchautor Dustin Lance Black (schrieb auch Gus Van Sants brillantes Polit-Drama "Milk") nicht eine stimmige und aufregende Form für ihre Erzählung.

Monster in Muttis Unterrock

Die Filmemacher folgen den Memoiren, die Hoover den 135-Minuten-Film lang als Voice-Over diktiert und kombinieren diese - unzuverlässigen - Auslassungen mit Sequenzen, die das verdrängte Innenleben der Hauptfigur illustrieren. Während Hoover im staatstragenden Timbre berichtet, wie er eine Schar unerschrockener Männer um sich gruppiert (die natürlich nicht verheiratet sein dürfen, damit sie sich ganz dem patriotischen Job widmen können), zeigen die Bilder, wie der schroffe Charakter im Kreise seiner Kerle aufzugehen scheint. Kollegiales Händchenhalten nicht ausgeschlossen, mehr allerdings darf nicht sein.

Eastwood inszeniert Hoover als tragische Figur, die ihre Angst vor der eigenen Sexualität in eine Angst vor dem gesellschaftlichen Gegner überträgt. Dabei wahrt der Regisseur einen subtilen, gelegentlich gar zärtlich-intimen Blick. Man stelle sich vor, der große Trieb- und Verdrängungs-Ausdeuter Martin Scorsese ("Shutter Island") hätte seinen Stammdarsteller DiCaprio in Szene gesetzt: Scorseses Hoover hätte wahrscheinlich eine wahre Crossdresser-Orgie absolviert, das innere Martyrium des verkappten Schwulen wäre in eine Darkroom-Phantasmagorie gewendet worden.

Eastwood indes, der seine ausladenden Kinofilme mit dem stillen, aber langen Atem einer Ballade anlegt, beobachtet seinen Politfinsterling streckenweise mit dem Sentiment eines Countrysongs. Die über den FBI-Chef kolportierten Fetisch-Neigungen (er soll privat Damenunterwäsche getragen haben) werden bei ihm zu einer Szene zurückgenommener Trauer verarbeitet: Der gealterte Hoover legt sich Perlen und Unterrock seiner verstorbenen Mutter an - und starrt im Spiegel auf den Menschen, der er niemals sein durfte. Hoover rinnt eine Träne die Wange runter, der von Eastwood selbst komponierte Soundtrack erklingt in Moll.

Trotz etlicher Vorlagen für grelle, spekulative Szenen hält Eastwood seinen balladesken Tonfall durch. Schon wie er die immer neuen Erpressungen Hoovers ins Bild setzt: Da sitzt Amerikas oberster Schnüffler zu jedem Amtswechsel mit seinen Unterlagen im Vorzimmer des Präsidenten. Die Staatsoberhäupter wechseln, die Einschüchterungsversuche sind fast immer die gleichen: Frau Roosevelt wurde bei einer lesbischen Beziehung ertappt, Mr. Kennedy trifft sich mit einem Starlet in einem Hotelzimmer. Hoover geht mit Ton- und Bildaufnahmen ins Oval Office - und kommt mit einigen Befugnissen mehr wieder raus.

So lautet die für Politdramen dieser Art ungewöhnliche Trieb-Logik, die Clint Eastwood für seinen liebevoll beim Vornamen genannten Protagonisten J. Edgar aufmacht: Der Sex der anderen war seine Macht.

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wakaba 19.01.2012
1. Fragen über Fragen
Tja - und was macht Angie so erpressbar und zum Ausführgehilfen amerikanischer Interessen in Europa? Gauck-Akten? NSA-Akten, beides?
mie963 19.01.2012
2. Wie schön
Zitat von wakabaTja - und was macht Angie so erpressbar und zum Ausführgehilfen amerikanischer Interessen in Europa? Gauck-Akten? NSA-Akten, beides?
dass es bei uns nicht so läuft! Sei froh, dass wir solche Politiker haben, die so unprätemntiös und sachlich sind...
MashMashMusic 19.01.2012
3.
Zitat von wakabaTja - und was macht Angie so erpressbar und zum Ausführgehilfen amerikanischer Interessen in Europa? Gauck-Akten? NSA-Akten, beides?
Das würde mich doch mal inetressieren, was das denn so für US-Interessen sein sollen. Bisher hatte ich nicht den Eindruck, als ob Frau Merkel Obamas Marionette wäre. Eigentlich macht sie recht viel, was man drüben gar nicht so lustig finden dürfte.
favela lynch 19.01.2012
4. American Art
Zitat von sysopDie Sex-Affären der Mächtigen begründeten seine Macht. In "J. Edgar" spielt Leonardo DiCaprio den legendären FBI-Chef J. Edgar Hoover als schwules Müttersöhnchen und unermüdlichen Erpresser. Regisseur Clint Eastwood hat das Drama eines infamen Charakters unerwartet zärtlich gestaltet. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,809460,00.html
Das wirklich Sensationelle an Eastwoods Entwicklung ist der ruhige Strom des Unausweichlichen. Das ist ungemein amerikanisch und von einer nach innen gekehrten Monumentalität, wie sie sub specie aeternitatis, also als Kennzeichen vollends erreichter Meisterschaft, gerne auftritt. Niemand ist geeigneter und in diesem Sinne amerikanisch-monumentaler als Leonardo. Man kann den Glauben an amerikanische Kunst wieder gewinnen.
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